Der Schulsport als gesellschaftspolitische Aufgabe
Sport in der Schule ist heute zu einem festen Bestandteil des Bildungsangebots geworden.
Alle gesellschaftlichen Gruppen und politischen Parteien sehen im Sport ein wichtiges Mittel der Gesundheits- und Sozialerziehung.
 

Trotzdem wird die Situation des Schulsports heute mehr denn je diskutiert.
Neben der Frage der Ziele und Inhalte des Sports in der Schule wird immer mehr auch das Problem der ungenügenden Abdeckung des Sportunterrichts und seiner Folgen für die Gesellschaft in den Mittelpunkt der Überlegungen gerückt.

   Aktuell
DOSB: Schulsport systematisch weiterentwickeln  (17.02.2017)
Handlungsempfehlungen -K ultusministerkonferenz und DOSB zur Weiterentwicklung des Schulsports 2017-22 

DLSV/DVS: Memorandum zum Schulsport (DOSB, DSLV und dvs, 2009)
GEW - Bewegung, Sport  und Spiel im Elementarbereich und Schule -Schulsportpolitische Erklärung 2015

                  auch hier (Downloadversion)           

Schulsportstudie "Sprint" 2004/2005  "Sportunterricht in Deutschland" - Materialien

Aufgaben:

1.
Stelle Aufgaben und Probleme des Schulsports zusammen!

2.
Informiere dich anhand von Lehrplänen über Zielsetzungen des Schulsports!

3.
Vergleiche Anspruch und Wirklichkeit anhand eigener Schulsporterfahrungen!

Weitere Texte und Materialien

Text 1
Aufgaben des Schulsports (1996)

Text 2
Expertenanhörung zum Schulsport im Deutschen Bundestag (2000)

Text 3
"Der Schulsport geht an Krücken" (2000)

Text 4:
"Stuttgarter Erklärung zum Schulsport" (1997)

Text 5:
Bedeutung des Schulsports für lebenslanges Sporttreiben (2005)
 

Studie: Bewegungsstatus von Kindern und Jugendlichen (2000)
Ausstellung: Schulsport in Deutschland 1770 - 2000 
Motive und Pädagogische Perspektiven im Schulsport
Lehrpläne Sek.2 - Übersicht über alle Bundesländer
Schulsportdebatte im Bundestag (Februar 2006)
Vor 200 Jahren:Wilhelm von Humboldt ordnete in Preussen „Gymnastische Übungen“ als „Hauptbestandteil des Jugendunterrichtes“ an
 


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Aufgaben des Schulsports

Manfred von Richthofen (DSB-Präsident,1996)

"...Der Schulsport ist im Fächerkanon des allgemeinbildenden Schulwesens unverzichtbar, und er muss in schulischen Lehrplänen in ausreichendem Umfang verankert bleiben. Dafür gibt es eine Reihe wichtiger Gründe - wenigstens vier sind noch einmal herauszuheben:

Körper- und Bewegungserfahrungen, wie sie im Schulsport vermittelt werden, sind wichtige Elemente der Persönlichkeitsentwicklung, und das Vertrauen in den eigenen Körper und die eigene körperliche Leistungsfähigkeit sind die Basis für die Entwicklung einer sicheren Identität. Mit der Einschränkung von frei zugänglichen Bewegungs-, Spiel- und Sporträumen und der "Medialisierung" der Umwelt von Kindern und Jugendlichen wird die Vermittlung solcher Körper- und Bewegungserfahrungen im Schulsport zu einem unverzichtbaren Bestandteil des schulischen Erziehungssystems.

Gesundheit und Wohlbefinden bilden sich auf der Grundlage von Lebenszufriedenheit und Lebensqualität. Der Schulsport liefert einen wesentlichen Beitrag zu einer so ausgelegten Gesundheitserziehung. Und in Anbetracht der vielfältigen gesundheitlichen Gefährdungen durch Bewegungsmangel, körperliche Fehlbelastungen und Stress und in Anbetracht der Risiken alltäglichen Drogenmissbrauchs erhält der Schulsport eine unersetzliche präventive Bedeutung im Rahmen einer schulischen Gesundheitserziehung.

Der Schulsport bietet viele Gelegenheiten zum sozialen Lernen. Einhaltung von sozialen Regeln, kooperatives Handeln, Achtung von Mit- und Gegenspielern, Fairness stellen grundlegende Wertorientierungen und Verhaltensmuster dar, die in einer "individualisierten" Gesellschaft immer weniger in Erscheinung treten, obwohl ihnen für das soziale Zusammenleben eine grundlegende Bedeutung zukommt.

Sport stellt ein Kulturgut moderner Gesellschaften dar. Der Auftrag des allgemeinbildenden Schulwesens, nachwachsende Generationen in kulturelle Traditionen einzuführen, gilt ohne Einschränkungen auch für den Schulsport. Er muss die Heranwachsenden zur "kritischen Teilnahme" am Sport hinführen und Möglichkeiten aufzeigen, wie Sportaktivitäten in die alltägliche, "vernünftige" Lebensführung integriert und in den Lebenslauf eingebunden werden können..."

(In Sportpädagogik, 5/1996)


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Bundestagsadler Deutscher Bundestag - Blickpunkt Bundestag 02/2000
EXPERTENANHÖRUNG

"Schulsport ist wichtiger denn je"

Die Förderung von körperlicher Aktivität im Vorschulalter sowie der Schulsport sind heute von größerer Bedeutung als jemals zuvor. Zu diesem Schluss kam der Mediziner Professor Wildor Hollmann vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin in Köln bei der Expertenanhörung des Sportausschusses "Aktuelle Situation im Schulsport" am 23. Februar.

Angesichts des stetig wachsenden Bewegungsdefizits bei Kindern und Jugendlichen durch Sitzzwang in der Schule und bei den Hausarbeiten, der noch immer zunehmenden Stundenzahl vor Fernsehern und Computern und neuer passiver Unterhaltungsmöglichkeiten sei Sport für den Gesundheitszustand der Schüler besonders wichtig. Eine Vielzahl von Untersuchungsergebnissen auf nationaler und internationaler Ebene belege heute, so Professor Hollmann, seine Bedeutung im Kindes­ und Jugendalter für das Herz­Kreislauf­System, die Atmung und den Stoffwechsel. Daneben seien in jüngster Zeit "ungeahnt enge Verzahnungen" zwischen muskulärer Tätigkeit einerseits sowie Gehirn und Geist andererseits beschrieben worden.

Ähnlich äußerte sich der Sachverständige Professor Klaus Bös vom Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Karlsruhe in seinem Statement. Bei der motorischen Förderung der Kinder in der Schule geht es nach seiner Ansicht auch um die Förderung der sportlichen Leistung, aber mehr noch um die Verhinderung oder Beseitigung von Fitnessmängeln, Koordinationsschwächen und Haltungsproblemen. Es gebe immer weniger Kinder, die motorisch hervorragende Leistungen erbringen, aber immer mehr inaktive mit motorischen Leistungsschwächen. Nach Dr. Friedrich Fiegenbaum vom Evangelischen Krankenhaus Bethanien in Iserlohn (NRW) sollte der Sport aus gesundheitlicher Sicht in seinen Zielen und Inhalten durch Betonung der Ausdauerkomponente in Verbindung mit Spaß daher zumindest Gleichberechtigung, wenn nicht Vorrang vor dem Gedanken der Leistung bekommen. Ein breit gefächertes Angebot von Sportarten in der Schule in Verbindung mit den Vereinen stelle ideale Voraussetzungen für diese Umsetzung dar.

Die Vorsitzende des Bundeselternrats, Renate Hendricks, wies darauf hin, dass nach repräsentativen Untersuchungen rund siebzig Prozent aller Kinder heute mit psychosomatischen Auffälligkeiten in die Grundschule kommen. Unsere gesamte Umwelt erziehe Kinder und Jugendliche zu bewegungsarmen Menschen. Es müsse deshalb in einer modernen und präventiven Konzeption von Schule Anlässe und Räume zum Bewegen geben. Hendricks beklagte, dass aufgrund von Einsparungen regelmäßiger Sportunterricht nicht mehr in allen Schulformen gesichert sei. Zudem hätten Sportlehrer das Problem, in der Rangordnung der Pädagogen nicht ernst genommen zu werden. Die einseitige Entwicklung einer Prioritätenverschiebung zu mehr und besser unterrichteten Kernfächern lehne der Bundeselternrat ab.

Auf diese Problematik wies auch der Leiter des Sportgymnasiums Neubrandenburg, Winfried Schneider, hin. Notwendig sei hier eine Aufklärung der Eltern. Als "dramatisch" bezeichnete er die Altersstruktur der Sportlehrer. Die Schüler würden von immer älteren Sportlehrern unterrichtet. Drastische Einschnitte beim Sportunterricht beklagte der Vorsitzende des Deutschen Sportlehrerverbandes, Claus Umbach. Er forderte einen qualitativ und quantitativ ausreichen Sportunterricht sowie eine bundesweite Schulsportuntersuchung. Der Sachverständige Harald Schmid konstatierte ein grundlegend verändertes Bewegungsverhalten der Kinder. Zum Teil seien die Probleme so groß, dass normaler Schulsport die Defizite nicht ausgleichen könne. Er hielt es daher für dringend notwendig, Kinder auch zum außerschulischen Sport anzuregen. Der Beauftragte des Deutschen Sportbundes zum Schulsport, Norbert Petry, drückte den Wunsch nach stärkerer Unterstützung des Schulsports durch die Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sowie die Wissenschaft aus. Auf Bundes­ und Landesebene seien durchaus fruchtbare Ansätze für Verbesserungen vorhanden. Doch letztlich müssten sich vor Ort die beteiligten Eltern, Schüler und Lehrer engagieren und zu Lösungen beitragen.


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NW Bielfeld 5.5. 00

Der Schulsport geht an Krücken

Kinder in schlechter körperlicher Verfassung /Wissenschaftler schlagen Alarm
VON ANSGAR MÖNTER
Bielefeld. Kranke Kinder, dicke Kinder, aggressive Kinder, unkonzentrierte Kinder - was hat das mit Sport, oder besser zu wenig Schulsport zu tun? Eine ganze Menge, meinen Dr. Elisabeth Sahre, Prof. Dr. Dietrich Kurz und Bernd Trenner. Sie appellieren an Eltern und Schulen, die Bedeutung des Fachs Sport endlich zu erkennen - als Förderer von Gesundheit, Selbstbewusstsein und Intelligenz.

Mit deutlichen Worten skizzieren die drei einen bedenklichen Ist-Zustand. "Schulkinder und Jugendliche sind körperlich noch nie so schlecht auf den beruflichen Alltag vorbereitet gewesen wie heute", sagt Trenner. Der Pädagoge bereitet Referendare auf den Lehrer-Alltag an der Schule vor.
...

In Zahlen ausgedrückt liest sich das so: 30 Prozent der Kinder heute haben Übergewicht, 20 Prozent haben Haltungsschäden und - besonders alarmierend - mindestens 15 Prozent sind psychisch auffällig.
"Eine entkörperlichte und entsportlichte Welt der Kinder darf nicht hingenommen werden", warnt Prof. Dr. Kurz von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft an der Uni Bielefeld. "Immer wieder wird von den sozialen Schwierigkeiten an den Schulen gesprochen. Aber die Rolle des Sports, der ideal soziales Verhalten lehrt", wird dabei missachtet."

Kinder lernen über den Sport den Umgang mit Aggression und Gewalt, sie lernen Verlieren, ebenso Zusammenspielen und Gewinnen. Sie entwickeln ihre Sinne weiter und stellen fest, dass beharrliches Üben zu Fortschritten führt.

Die schlechte körperliche Verfassung hat nach Erkenntnissen von Prof. Dr. Kurz Auswirkungen auf das Gesundheitswesen: "Fast jeder hat heute irgendwann einen Bänderriss, wenn nicht sogar einen Achillessehnenabriss. Das hat es in dieser Häufigkeit tatsächlich früher nicht gegeben."

Bereits 1920 erkannten deutsche Pädagogen die Bedeutung von Bewegung für Körper und Seele - vor allem bei Kindern. Sie forderten die tägliche Sportstunde. Heute - 80 Jahre danach - sind in NRW drei Stunden Sport vorgeschrieben, tatsächlich jedoch liegt der Durchschnitt, auch in Bielefeld, bei 2,4 Stunden, Ferien eingerechnet sogar nur bei 1,8 Stunden pro Woche. Abzüglich umziehen, anziehen und Pausen bewegen sich Schüler laut Expertenberechnung maximal 14 Minuten. Der Schulsport geht an Krücken.

"Drei Stunden pro Woche", postuliert Dr. Elisabeth Sahre, Sportlehrerin am Ceciliengymnasium und  Wissenschaftlerin an der Uni für Sportunterricht und Erziehung, "sind das absolute Minimum." Und Prof. Kurz sekundiert: "Es ist ein Trugschluss vieler Eltern, dass sie glauben, die Sportvereine könnten die fehlenden Schulsportstunden auffangen. Dort wird sehr spezialisiert Sport betrieben, die Schule bietet Bewegung in der Breite, und zwar für alle." Hinzu kommt, dass Kinder kaum noch Platz zum Klettern, Toben und Budenbauen in ihrer unmittelbaren Umgebung finden. Deshalb gibt es heute so genannte Bewegungskindergärten. "Wir Menschen sind darauf angelegt, uns zu bewegen. Das ist wichtig für Körper und Geist", betont Kurz.

Zirkeltraining und Wettläufe bestimmen längst nicht mehr den Charakter der Sportstunde. Sollten sie zumindest nicht. "Das Fach ist konzeptionell in Deutschland weit entwickelt", erläutert Trenner.


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Deutscher Sportbund (DSB):

Stuttgarter Erklärung zum Schulsport
(Aus: "Olympische Jugend", Zeitschrift der DSJ, 3/97)

Die Bundesrepublik Deutschland ist als ehemals im internationalen Vergleich führende Bildungsnation mehr und mehr dabei, auf die hinteren Ränge abzugleiten. Aus Sorge um die Bildung und Erziehung in Deutschland haben sich auf Einladung des Deutschen Sportbundes (DSB) der Bundeselternrat und der Deutsche Sportlehrerverband sowie die Landessportbünde und die DSLV-Landesverbände ...am 8.Februar 1997 in Stuttgart getroffen.

Zunehmend häufiger versuchen Landesregierungen, sich aus ihrer Verantwortung für den Staatlichen Bildungsauftrag zurückzuziehen. Dies gilt auch für den Schulsport. Dabei ist es allgemein akzeptiert, daß zur ganzheitlichen Bildung und Erziehung junger Menschen der Sportunterricht als "physical education" wegen seines im Rahmen der Schulfächer einzigartigen Handlungscharakters einen wesentlichen, nicht austauschbaren Beitrag leistet. Er fördert motorische Entwicklung und damit die Entwicklung überhaupt, individuelle Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit, soziales Verhalten und Wertorientierung bei allen Schülerinnen und Schülern. Der Schulsport leistet damit einen wesentlichen Beitrag zum Erwerb von Schlüsselqualifikationen.

Deshalb fordern die Vertreterinnen und Vertreter der Elternschaft, der Sportlehrerschaft und der Landessportbünde einmütig:

  • Erhaltung des Sportunterrichts als staatliche Aufgabe,
  • keine Delegierung an außerschulische Einrichtungen,
  • mindestens drei Stunden Sportunterricht pro Woche,
  • Sicherung der notwendigen Rahmenbedingungen für den Schulsport,
  • Einführung einer zusätzlichen täglichen Bewegungszeit an den Grundschulen,
  • Sicherung eines regelmäßigen Sportunterrichts im beruflichen Schulwesen,
  • vermehrte Einrichtung sowohl von Sportarbeitsgemeinschaften als auch von Sportförderunterricht,
  • Erteilung des Sportunterrichts durch akademisch ausgebildete Lehrkräfte in allen Schularten
  • kontinuierliche Einstellung junger Sportlehrkräfte.
Dazu ist eine grundsätzliche Neubesinnung und geänderte Prioritätensetzung in unserer Gesellschaft - in Parlamenten, Regierungen und öffentlicher Meinung - dringend erforderlich.

Die in Stuttgart versammelten Vertreter der oben genannten Organisationen fordern die Bundesländer auf, auch in schwierigen Zeiten ihrer originären Verfassungsaufgabe von Bildung und Erziehung uneingeschränkt und angemessen nachzukommen.


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Gemeinsame Erklärung der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, des Präsidenten des Deutschen Sportbundes und des Vorsitzenden der Sportministerkonferenz über

Die Bedeutung des Schulsports für lebenslanges Sporttreiben

I.
Der Schulsport ist ein unverzichtbarer Bestandteil umfassender Bildung und Erziehung. Er soll bei allen Kindern und Jugendlichen die Freude an der Bewegung und am gemeinschaftlichen Sporttreiben wecken und die Einsicht vermitteln, dass kontinuierliches Sporttreiben, verbunden mit einer gesunden Lebensführung, sich positiv auf ihre körperliche, soziale, emotionale und geistige Entwicklung auswirkt. Gleichzeitig soll Sport in der Schule Fähigkeiten wie Fairness, Toleranz, Teamgeist, Mitverantwortung und Leistungsbereitschaft fördern und festigen. Als einziges Bewegungsfach leistet der Sportunterricht seinen spezifischen Beitrag für eine ganzheitliche Persönlichkeitserziehung.

II.
So wie die Schule insgesamt die Aufgabe hat, die Bereitschaft und Fähigkeit zum lebenslangen Lernen zu fördern, so hat der Schulsport die Aufgabe, Kinder und Jugendliche anzuregen und zu befähigen, bis ins hohe Alter ihre körperliche und geistige Leistungsfähigkeit und ihre Gesundheit durch regelmäßiges Sporttreiben zu erhalten. Damit wird die große Bedeutung und hohe Verantwortung des Schulsports für den Einzelnen und für die Gesellschaft deutlich. Im Schulleben erfahren alle Kinder und Jugendlichen das Gemeinschaftserlebnis des Sporttreibens.

III.
Den Kernbereich des Schulsports bildet der Sportunterricht. Er muss inhaltlich, methodisch und vom Umfang her so aufgebaut sein, dass er grundsätzlich alle Schülerinnen und Schüler erreicht und motiviert und zugleich berücksichtigt, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen für den Sport talentiert sind. Der Sportunterricht muss daher auch in geeigneter Weise auf Schwächen eingehen und auch Interesse bei denjenigen wecken, die dem Sport distanziert gegenüber stehen. In gleicher Weise, wie der Sportunterricht sportlich weniger talentierten und an Sport weniger interessierten Kindern und Jugendlichen Wege für eine eigenverantwortliche lebensbegleitende sportliche Betätigung aufzeigt, hat er auch die Verpflichtung sportlich besonders interessierte und talentierte Kinder und Jugendliche zu fördern und zu fordern. Mit seinen spezifischen Aufgaben und Möglichkeiten kann der Sportunterricht einen besonderen Beitrag zur Erfüllung wichtiger überfachlicher Bildungs- und Erziehungsaufgaben der Schule (z. B. zur Gesundheitsforderung, zum sozialen Lernen, zur Erziehung zur Leistungsbereitschaft, zur Werteerziehung) leisten. In der Zusammenarbeit mit anderen Fächern und Lernbereichen eröffnen sich Möglichkeiten des fachübergreifenden und fächerverbindenden Lernens.

IV
Die sportliche Entwicklung besonders begabter und interessierter Kinder und Jugendlicher ist auch eine Aufgabe von Schule. Für ihre Entwicklung in Richtung auf eine leistungssportliche Karriere stehen aber in erster Linie die Vereine und Verbände in der Verantwortung. Die einzelne Schule als System hat besondere Verpflichtungen hinsichtlich der Aufgabe, schulische und leistungssportliche Anforderungen miteinander vereinbar zu gestalten. Dazu gehören die Öffnung der Schule für talentsichtende Maßnahmen auch von Vereinen und Verbänden sowie verstärkt im Laufe des Jugendalters die Schaffung von Möglichkeiten zum „nachholenden" Unterricht, Verschiebung von Klassenarbeiten und Prüfungsteilen und zum Training auch in den Unterrichtszeiten. Dazu können individuelle Lösungen wie auch strukturelle Einrichtungen wie die „Eliteschulen des Sports" und weitere Modelle „Sportbetonter Schulen" und „Partnerschulen des Leistungsports" in den Ländern beitragen.

V.
Die zweite Säule des Schulsports bildet der außerunterrichtliche Bereich. Neben den freiwilligen Schulsportgemeinschaften, den Schulsportfesten der einzelnen Schulen und den Schulsportwettbewerben wenden sich auch die "Bundesjugendspiele" an alle Schülerinnen und Schüler. Im bundesweiten Schulsportwettbewerb JUGEND TRAINIERT FÜR OLYMPIA erhalten die besonders leistungsfähigen Schülerinnen und Schüler darüber hinaus die Chance, ihre sportlichen Neigungen und Fähigkeiten weiter zu entwickeln.
Der Schulsport wird in allen Ländern ergänzt durch die Angebote der "Bewegungsfreundlichen Schule". Im Rahmen dieses Programms werden in allen Klassenstufen in den Pausen, in anderen Fächern und auf Klassenfahrten zusätzliche Bewegungs-, Spiel- und Sportmöglichkeiten angeboten und durchgeführt.
Im Zusammenhang mit der Erweiterung schulischer Angebote in der verlässlichen Halbtagsgrundschule und in der Ganztagsschule haben außerunterrichtliche Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote einen besonderen Stellenwert. Hier bietet sich die hervorragende Möglichkeit, die strategische Partnerschaft zwischen Schul- und Vereinssport weiter auszubauen, die beiden Systemen zusätzliche synergetische Entwicklungs- und Gestaltungschancen eröffnet und damit auch die Möglichkeit einer örtlichen Vernetzung stärkt.

VI
Ein wichtiger Partner des Schulsports ist der Vereinssport. Der außerunterrichtliche Schulsport bildet die Brücke vom Sportunterricht zum gesundheitsorientierten Sport und zum Breiten- und Leistungssport. Da der Umfang der freiwilligen Beteiligung im Schulsport außerhalb des Unterrichts stets auch ein Gradmesser für die Akzeptanz dieser Angebote ist, müssen sie kontinuierlich weiterentwickelt und attraktiv gehalten werden.
Die Kooperationsprogramme zwischen Schulen und Sportvereinen fördern in allen Ländern frühzeitig die Möglichkeit für Schülerinnen und Schüler, das Vereinsleben kennen zu lernen. Die in den Vereinen erworbenen Fähigkeiten können wiederum auch den Schulsport positiv beeinflussen. Diese Kooperationsprogramme werden von den Ländern weiterhin ideell und finanziell unterstützt. Im Zuge des Ausbaus ganztägiger Angebote gewinnen diese Kooperationen - auch vor dem Hintergrund der verbesserten Talentsichtungsmöglichkeiten - zunehmend an Bedeutung und bieten die Chance zur Vernetzung beider Systeme. Sie sind nachhaltig zu unterstützen.

VII.
Der Vereinssport bietet Schülerinnen und Schülern nicht nur die Möglichkeit, eine große Palette wettkampfgebundener Sportarten, sondern auch freier Spiel- und Sportgelegenheiten kennen zu lernen und auszuüben. Darüber hinaus bietet er stabile soziale Strukturen und Erfahrungsbereiche, in denen sich Kinder und Jugendliche sowohl in der Gruppe als auch individuell entfalten können.
Allen Ländern ist die hohe Bedeutung ehrenamtlicher Tätigkeit für die Gesellschaft bewusst. Dies gilt in besonderer Weise auch für die ehrenamtlichen Aufgaben im Vereinssport. In den Schulen soll daher das ehrenamtliche Engagement im Sport mit geeigneten pädagogischen Maßnahmen gefördert und gewürdigt werden.
Die Schule leistet gemeinsam mit dem Vereinssport einen wesentlichen Beitrag für das lebenslange Sporttreiben des Einzelnen, zur Gesundheit der Bevölkerung und zum sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft.

VIII.
Der Sport als integrierender Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft hat eine besondere Vorbildfunktion. Das gilt für positives Verhalten und Auftreten sowohl innerhalb als auch außerhalb der Sportstätten. Dieser Anspruch verträgt sich in keiner Weise mit leichtfertigem oder gar missbräuchlichem Umgang mit Suchtmitteln jeder Art.
Aus dem Beschluss der Kultusministerkonferenz „Perspektiven des Schulsports vor dem Hintergrund der allgemeinen Schulentwicklung" vom 16.09.2004 und den Ergebnissen der Schulsportstudie des Deutschen Sportbundes, die am 05.07.2005 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ergeben sich Handlungsfelder zur Weiterentwicklung des Schulsports. In Tradition der konstruktiven Zusammenarbeit der durch die Unterzeichner repräsentierten Institutionen werden hierzu auf der 2. Gemeinsamen Fachtagung in Karlsruhe am 11.1 \ 3.12.2005 die vier wichtigsten Themenbereiche in Arbeitsgruppen mit dem Ziel beraten, den für die Umsetzung jeweils zuständigen Institutionen konkrete Handlungsempfehlungen zu benennen.

Sportunterricht"
Ziel ist es, Handlungsempfehlungen zu entwickeln, wie die Qualität und Effizienz des Sportunterrichts vor dem Hintergrund des wachsenden Anteils übergewichtiger und auch motorisch unerfahrener Kinder und Jugendlicher verbessert werden kann. Dies betrifft Fragen zur Lehrplanentwicklung und zu Bildungsstandards ebenso wie die Weiterentwicklung kompensatorischer Angebote zur Gesundheitsförderung.
 

"Außerunterrichtlicher Schulsport"
Ziel ist es, Handlungsempfehlungen zu entwickeln, wie auf der Basis der bereits gewachsenen Zusammenarbeit zwischen Schulen und Vereinen die Vernetzung des außerunterrichtlichen Schulsports mit den Bewegungs-, Spiel- und Sportangeboten außerschulischer Träger im Rahmen ganztägiger Betreuungsangebote weiterentwickelt und nachhaltig gesichert werden kann. Dies schließt auch die Auseinandersetzung mit dem Angebot und Ressourcenmanagement von Sportgelegenheiten, Sr3ortflächen/-räumen oder alternativen Nutzungsmöglichkeiten ein.

Qualifizierung und Professionalisierung
Ziel ist es, Handlungsempfehlungen zu entwickeln, wie die Qualifizierung der im Sportunterricht und im außerunterrichtlichen Schulsport tätigen Personen weiter verbessert werden kann. Dies betrifft die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Sport unterrichtenden Lehrkräften ebenso wie die insbesondere pädagogische Qualifizierung der im Schulbereich tätigen Übungsleiter und Übungsleiterinnen aus dem freien Sport.

"Schule als Bewegungs-, Spiel- und Sportwelt"
Ziel ist es, Handlungsempfehlungen zu entwickeln, wie mehr Bewegung, Spiel und Sport in die Schule geholt und nachhaltig gesichert werden können. Dabei geht es um Fragen zur Alltagsmotorik, zu den Schulumgebungsbedingungen/Schulhöfen, zur Kinderwelt als Bewegungswelt. Thematisiert wird ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Wie lässt sich - angesichts zunehmenden Bewegungsmangels - die Welt der Kinder als Bewegungswelt gestalten, wie begegnet man den abnehmenden motorischen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen?

Karlsruhe, den 12.12.2005


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