.
      Lehrplan Sport - Hessen
   Pädagogische Perspektiven im Sport

 
 
Pädagogische Perspektiven
Das Leisten erfahren, verstehen und einschätzen
Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln
Kooperieren, wettkämpfen und sich verständigen
Sich körperlich ausdrücken, Bewegung gestalten
Sinneswahrnehmung verbessern, 
Bewegungserlebnis und Körpererfahrung erweitern
Etwas wagen und verantworten

 
 

Auszug aus dem hessischen Lehrplan


Die Pädagogischen Perspektiven

Die Pädagogischen Perspektiven beschreiben grundsätzlich, was die Schülerinnen und Schüler bei sportlicher Bewegung erfahren und lernen sollen.

Dabei erschließt jede Perspektive zunächst von einem besonderen Standpunkt aus, inwiefern sportliche Aktivität pädagogisch wertvoll sein kann. Sie bietet darüber hinaus eine Antwort auf die Frage, inwiefern sich im Schulsport die Entwicklung Heranwachsender in einer Weise fördern lässt, die kein anderes Fach ersetzen kann. Dabei verbinden sich in der Regel Gedanken, die von Bildungsgehalten des Sports, von verbreiteten Entwicklungsproblemen Heranwachsender und von anerkannten Aufgaben der Schule ausgehen.

Unter jeder Perspektive lässt sich auch an eine individuelle Sinngebung anknüpfen, die im Sport geläufig ist und mit der auch schon Jugendliche begründen, was sie im Sport suchen und warum sie ihn als Bereicherung ihres Lebens schätzen. Der Unterricht kann jedoch bei diesen individuellen Sinnge-bungen nicht stehen bleiben, da diese nicht zwingend mit den erzieherischen Zielen übereinstimmen müssen. Es ist daher Aufgabe der Lehrkraft, eigene – pädagogisch reflektierte - Vorstellungen mit den Motiven der Schülerinnen und Schüler zu konfrontieren.

Kriterien für entsprechende erzieherische Impulse kann die Lehrkraft dabei aus jeder der aufgeführten Perspektiven gewinnen. Ziel ist es, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, ihr Handeln im Sport und ihren Umgang mit dem eigenen Körper in zunehmender Selbstständigkeit und Selbstverantwortung zu entwickeln. Im Folgenden werden die sechs Pädagogischen Perspektiven in einem Schema zusammenfassend dargestellt und anschließend im Hinblick auf die wichtigsten „didaktischen Thematisierungen“ näher erläutert.


 

Das Leisten erfahren, verstehen und einschätzen
Leisten soll verstanden werden als eine sportmotorische Handlung, die resultatsorientiert ist und mit Bezugsnormen verglichen werden kann. Es kann sich hierbei um folgende Bezugsnormen handeln:

  • individuelle Bezugsnorm (Vergleich mit eigenen, vorher erbrachten sportmotorischen Ergebnissen),
  • soziale Bezugsnorm (Vergleich mit den sportmotorischen Ergebnissen anderer Personen),
  • kriterienorientierte Bezugsnorm (Vergleich mit fremdgesetzten Normen oder Standards).


Das Erbringen einer Leistung ist eine grundlegende pädagogische Aufgabe aller Fächer. Der Sportunterricht in der Schule ist ein exemplarisches Feld zur Leistungserziehung, da Sport und Leistung immer miteinander verbunden sind. In den meisten sportlichen Situationen ist Leistung die zentrale Sinnrichtung, viele sportliche Situationen werden von dieser Perspektive dominiert. Unter der Zielsetzung eines mehrperspektivischen Sportunterrichts soll das Leistungsprinzip jedoch auch durch andere Perspektiven ergänzt werden, denn Leistungsprobleme stellen sich häufig dort, wo das Überbietungsprinzip zur alleinigen pädagogischen Richtschnur wird. Die Gestaltung von Leistungssituationen ist daher im Schulsport eine pädagogisch verantwortungsvolle Aufgabe. Schülerinnen und Schüler finden in der gymnasialen Oberstufe Gelegenheit, in ausgewählten Bewegungsfeldern und Sportbereichen langfristig und kontinuierlich auf ein individuelles Leistungsoptimum hin zu arbeiten. Dazugehörige Prozesse des Übens und Trainierens werden von den Schülerinnen und Schülern reflektiert, und - situativ abhängig - auch selbstständig geplant, organisiert und durchgeführt. Sie gewinnen so auch Grundlagen für eine kompetent geführte kritische Auseinandersetzung mit dem Leistungsbegriff.
 


 

Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln
Die aktuelle gesundheitswissenschaftliche Forschung versteht Gesundheit als das physische, psychiche und soziale Gleichgewicht eines Menschen, das dann gegeben ist, wenn sich dieser Mensch im Einklang mit den gegebenen inneren und äußeren Lebensbedingungen befindet. Diese umfassende Definition macht deutlich, dass Gesundheitserziehung sowohl die Verbesserung der körperlichen als auch der psychischen Verfassung des Menschen anstrebt und vor allem Verhaltenwirksamkeit erreichen muss. Auch wenn der Sportunterricht meist nur Gesundheitspraktiken thematisieren kann, so sollte doch zumindest ihr Stellenwert im gesamten Gesundheitskonzept deutlich gemacht werden. Außerdem kann in Zusammenarbeit mit anderen Fächern das überfachliche Anliegen der Gesundheitserziehung umgesetzt werden.

Stets wurde es als Aufgabe des Schulsports angesehen, einen Beitrag zu leisten zum Erhalt und zur Förderung der Gesundheit der Jugendlichen, zumal sich die körperliche Verfassung vieler Heranwachsender ständig verschlechtert. Vor diesem Hintergrund scheinen Gegenmaßnahmen dringend geboten, wobei aber wegen der geringen Stundenzahl, die dem Fach Sport zur Verfügung steht, keine direkte Beeinflussung des Gesundheitszustandes der Jugendlichen erwartet werden kann. Aber es lässt sich ein entsprechendes Gesundheitsbewusstsein bei ihnen entwickeln, wenn ihnen entsprechende Praktiken zur Gesunderhaltung vermittelt werden. Auch wenn Jugendliche in der Regel ihre Gesundheit nicht in Frage gestellt sehen und für sie daher der Gesundheitsaspekt kein vorherrschendes Motiv zur Ausübung sportlicher Aktivitäten darstellt, können sie doch einen Sinn darin sehen, sich mit ihrem Körper auseinander zu setzen, seine Funktionsfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern oder als jugendlicher Hochleistungssportler ein „Körpergewissen“ zu entwickeln und zu der Einsicht gelangen, dass letztlich die Gesunderhaltung als permanenter Prozess zu verstehen ist, der in die Verantwortung jedes Einzelnen gestellt ist.


 

Kooperieren, wettkämpfen und sich verständigen
Unter dieser Perspektive geht es allgemein um die Gestaltung von sozialen Beziehungen in Zusammenhängen, die sich im Sport ergeben. Sport ist typischerweise ein Feld sozialen Handelns.

Erfahrungen und Erkenntnisse im Miteinander und Gegeneinander zu sammeln, kann im sportlichen Handeln unmittelbar erlebt werden. Besonders deutlich wird dies in den Sportspielen, wo die Bereitschaft zur Kooperation innerhalb der Mannschaft (z.B. sich einlassen auf die Bedürfnisse von Mitspielern) und mit den gegnerischen Mannschaften (Aushandeln, Einhalten und evtl. Verändern von Regeln) für die Konstituierung eines Wettkampfes genauso wichtig ist wie das Konkurrenzverhalten.

Im Spiel können wichtige Schlüsselkompetenzen eingeübt und erlernt werden. Diese Erfahrungen können sowohl im normierten Regelwerk als auch durch Veränderungen der Gewichtung des Miteinanders/Gegeneinanders gemacht werden.
Unter diesem Gesichtspunkt lassen sich im Sport sehr konkrete („handgreifliche“) Anlässe für eine Erziehung zu Selbstständigkeit in sozialer Verantwortung finden.
 


Sich körperlich ausdrücken, Bewegung gestalten
Unter dieser Perspektive geht es darum, dass der Körper, insbesondere der Körper in Bewegung, von anderen und uns selbst immer auch als Träger von Botschaften über das Ich aufgefasst wird. Seine Körpersprache, die sich in Mimik, Gestik, Haltung und Gang widerspiegelt, lässt beispielsweise Rückschlüsse auf die momentane Befindlichkeit zu. Umgekehrt kann jedoch auch über den Körper auf die psychische Verfassung des Menschen Einfluss genommen werden (z.B. durch Entspannungstechniken). Im Bereich des Tanzes, des Tanztheaters oder der Pantomime ist der Körper nonverbales Ausdrucksmittel für Gefühle oder Handlungen.

Die Bewegungsgestaltung kann als Vorgang, als Produktionsprozess wie auch als Endergebnis eines wiederholbaren Produktes aufgefasst werden. Sie zeigt eine deutliche Strukturierung von Bewegungsformen nach räumlichen, zeitlichen, dynamischen und/oder rhythmischen Aspekten unter Berücksichtigung eines vorgegebenen Themas. Dieses Produkt kann auch als Komposition (Choreographie) bezeichnet werden. Die Bewegungsimprovisation kann ein explorativer, spielerischer Erfahrungsprozess sein, ein Experimentieren mit den Bewegungs- und Ausdrucksmöglichkeiten des Körpers“ – auch mit Objekten.

Schüler und Schülerinnen lernen hierbei die Ausdrucksmöglichkeiten ihres Körpers zu erproben, seelische Verfassungen zum Ausdruck zu bringen oder umgekehrt darauf Einfluss zu nehmen. In diesem Zusammenhang kann auch die Bewegung als Mittel zur ästhetischen Erziehung verwendet werden.


 

Sinneswahrnehmung verbessern, Bewegungserlebnis und Körpererfahrung erweitern
Unter dieser pädagogischen Perspektive kann der Sportunterricht die Wahrnehmungsfähigkeit erweitern und den Genuss am Bewegungsvollzug fördern.

Durch Bewegung, Spiel und Sport können häufig vernachlässigte Sinne und Wahrnehmungsfähigkeiten angesprochen und gefördert werden - insbesondere vestibuläre, kinästhetische und taktile Sinnesqualitäten - und damit ein Beitrag nicht nur zur Förderung von Bewegungserfahrungen und des Bewegungskönnens, sondern auch zur Verbesserung der allgemeinen Lernfähigkeit geleistet werden.

Unter Körpererfahrung sind Erfahrungen mit dem eigenen Körper, die Wahrnehmung des Körpers anderer Menschen und die Erfahrung des Körpers im Spiegel der anderen zu verstehen. Dies können der Wechsel von Körperspannung und Entspannung, statomotorische Sensationen (z.B. Schwindel oder Beschleunigungswechsel), Körperveränderungen (z.B. durch Muskelbildung), die Wahrnehmungszentrierung (z.B. auf die Innenwahrnehmung beim Üben mit geschlossenen Augen) und vieles mehr sein.
Körpererfahrung und Körpererleben können so die Fähigkeit von Schülerinnen und Schülern entwickeln, durch Bewegung den bewussten Umgang mit dem eigenen Körper zu erschließen.

Diese Perspektive ist auch in der gymnasialen Oberstufe von Bedeutung. Bei vielen Jugendlichen dieser Altersstufe geht die Freude an Bewegung deutlich zurück. Das Erlebnis der Faszination z.B. ungewöhnlicher Lagen im Raum, mühelosen Gleitens im Wasser, des „Fliegens“ bei Sprüngen mit ausgeprägten Flugphasen oder des rhythmischen Überlaufens von Hürden kann entwicklungspsychologisch nachlassenden Tätigkeitsreizen entgegen wirken und die Bewegungsmotivation nachhaltig fördern.


 

Etwas wagen und verantworten
Jugendliche werden in der heutigen Zeit vermehrt mit Erlebnis- und Reizangeboten konfrontiert, die sehr verlockend erscheinen und meist unreflektiert ausprobiert werden. Im Unterricht der gymnasialen Oberstufe kann die Ambivalenz von Risiko und verantwortbarem Wagnis aufgearbeitet werden. Die Thematisierung dieser Pädagogischen Perspektive knüpft vor allem an der Eigenaktivität der Schülerinnen und Schüler an und rückt einen zunehmend bewussten und umsichtigen Umgang mit Wagnissen in das Zentrum des Unterrichts. Der Mut zum Nein-Sagen, der sich auf diese Weise entwickeln kann, stellt eine grundlegende Voraussetzung sowie die pädagogisch wünschenswerte Befähigung zur realistischen Einschätzung eigener Fähigkeiten und Grenzen dar, was zur Steigerung des Selbstwertgefühls bei den Jugendlichen führen kann. Durch eine gestärkte Ich-Identität gewinnen die vor-dergründig verlockend wirkenden Angebote meist kommerzieller Anbieter vor diesem Hintergrund einen veränderten Stellenwert.

Bei der Profilbildung im zukünftigen Regelunterricht des Oberstufensports wird diese Pädagogische Perspektive nicht so große Berücksichtigung finden können wie andere, da viele der geeigneten Bewegungsfelder und Sportbereiche eher im außerunterrichtlichen Bereich (und hier insbesondere im Rahmen von Fahrten mit sportlichem Schwerpunkt) realisiert werden können.
Dennoch hat diese Pädagogische Perspektive ihren Stellenwert innerhalb eines ganzheitlichen Ausbildungskonzepts.
 
 
 

Auslegung und methodische Umsetzung der Pädagogischen Perspektiven
Die Erweiterung des individuellen Bewegungsrepertoires und des Bewegungskönnens bleibt zentrale Aufgabe des Sportunterrichts. Um die Entwicklung von Können und Wissen geht es bei jeder der sechs Perspektiven. Bei der Behandlung der Perspektive Leistung im Unterricht wird Leistung, deren Entstehung und Bewertung sowie der Umgang mit ihr im sozialen Miteinander explizit zum Thema gemacht. Es geht demnach um eine gezielte Leistungserziehung, so wie es unter anderen Perspektiven um eine ästhetische Erziehung, Gesundheitserziehung oder Wagnis-/Sicherheitserziehung geht.

Zur methodischen Umsetzung der Pädagogischen Perspektiven bieten sich unterschiedliche Verfahrensweisen an. Beim Akzentuieren werden Perspektiven eröffnet, die von den Schülerinnen und Schülern auf Grund von Vorerfahrungen oder Vorurteilen nicht erwartet werden, wodurch die Schülerinnen und Schüler in sportlichen Tätigkeiten mehr Sinn entdecken können als es ihre Vorerfahrung vermuten Viele sportliche Aktivitäten können unter verschiedenen Perspektiven betrieben werden. Dies lässt sich im Sportunterricht angemessen veranschaulichen, indem eine Bewegungsgrundform mit verschiedenen Sinngebungen ausgeübt und erlebt wird, z.B. eine Grundform in der Gymnastik unter gesundheitlichen Aspekten (Funktionsgymnastik), als gestalterische Kunstform oder als wettkampforientierte Leistung.

Es können auch mehrere Sinngebungen gleichzeitig erfahren werden. So können in einem gelungenen Sportspiel Leistungsaspekte, soziale Situationen und auch Spannungseffekte aufgrund der Offenheit des Spielgeschehens parallel erlebt werden.

Das kann aber nicht bedeuten, lediglich auf die immanent in einer sportlichen Tätigkeit – z.B. in einem Spiel - liegende sinnstiftende Wirkung zu vertrauen, ohne das Unterrichtsarrangement gezielt darauf auszurichten.
In der Regel lässt sich die Erfahrungs- und Deutungsvielfalt des Sports methodisch nicht ganzheitlich erschließen. Diese Vielfalt kann meist nur nacheinander – kontrastierend oder akzentuierend – aus einzelnen bedeutsamen Perspektiven zugänglich gemacht werden.

Es genügt nicht, wenn nur die Lehrkraft sportliche Sinngebungen vorgibt und nacheinander abarbeitet. Diese sollen auch von den Schülerinnen und Schülern eingebracht und handelnd erschlossen werden können. Ein derartiges Unterrichtskonzept wird auch den in Teil A dargestellten didaktischen Prinzipien des selbstständigen Lernens und Arbeitens sowie der Schülerorientierung gerecht.

 


zurück