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Wie sich sportliche Bewegungen analysieren und strukturieren lassen
U. Göhner

 

 
 

"...Eine in der Sportpraxis besonders gut verwertbare Typisierung ist die Unterscheidung von Haupt- und Hilfsfunktionsphasen. Letztere sind Phasen mit denen andere Funktionsphasen unterstützt werden. Dabei soll gleichgültig sein, ob die zu unterstützende Phase schon abgelaufen ist, ob sie gleichzeitig verläuft oder ob sie erst noch folgen wird.

  • Typisch für Hilfsfunktionsphasen ist, dass bei der Beschreibung  ihrer Funktion auf andere Funktionsphasen Bezug genommen werden muss.
  • Typisch für Hauptfunktionsphasen dagegen ist, dass bei ihrer Funktionscharakterisierung direkt auf die gestellte Bewegungsaufgabe und nicht auf andere Funktionsphasen Bezug genommen werden muss.


Hauptfunktionsphasen sind insofern von anderen Funktionsphasen unabhängig. Sie sind unmittelbar mit der Bewegungsaufgabe verbunden.
 
Am Beispiel des Tennisschlags lassen sich die eingeführten Begriffe verdeutlichen:

Das Treffen des Balls, die (sehr kurze) Phase, in der der Ball mit dem Schläger in Berührung kommt, kann als eine Hauptfunktionsphase gesehen werden. Die in dieser Phase zu erreichende Funktion, nämlich dem Ball die gewünschte Geschwindigkeit und Flugrichtung und möglicherweise auch einen bestimmten Drall zu geben, kann ohne Verweis auf andere Phasen beschrieben werden. Dagegen sind das Ausholen mit Arm und Schläger oder das Einnehmen einer bestimmten Bein- und Körperhaltung Hilfsfunktionsphasen, weil man beide in ihrer Funktion nur durch einen Verweis auf andere Phasen begründen kann.


Feinere Funktionstypisierungen
Die Unterscheidung in Haupt- und Hilfsfunktionsphasen lässt sich vor allem bei den letzteren weiter verfeinern.
Zunächst einmal kann man durch Beachtung der Zeitfolge unterscheiden in

  • vorbereitende,
  • unterstützende und
  • überleitende Hilfsfunktionsphasen.
Im ersten Fall wird bei der Funktionsbeschreibung auf eine nachfolgende, im zweiten Fall auf eine zugleich ablaufende und im dritten Fall auf eine bereits abgelaufene Funktionsphase Bezug genommen.

Diese Gliederung kann weiter unterteilt werden.
Bei den vorbereitenden Hilfsfunktionsphasen bestehen in der Regel die Hilfsfunktionen aus dem Erreichen von bestimmten Ortsstellen, wie beim Laufen zum Ball im Tennis oder Volleyball, aus dem Erreichen bestimmter Raumlagen und / oder Körperpositionen, wie dies etwa für das Einnehmen einer Innenlage während des bogenförmigen Anlaufs beim Flop zutrifft, und aus dem Erreichen von bestimmten Bewegungszuständen, wie dies etwa für den Anlauf beim Weitsprung der Fall ist, bei dem der Springer die größtmögliche Geschwindigkeit zu erreichen versucht.

Bei den unterstützenden Hilfsfunktionsphasen unterscheidet man in direkt und indirekt unterstützende. Für den ersten Fall ist charakteristisch, dass Körperteile, die bei der Ausführung einer Funktionsphase nicht unbedingt einzusetzen sind, zusätzlich in den Bewegungsablauf eingeschaltet werden. Einen Wurf könnte man allein mit dem Arm ausführen. Direkt unterstützen läßt er sich jedoch, wenn wir noch den Rumpf mit in die Bewegungsrichtung drehen.

Anders sind die indirekten Hilfsfunktionsphasen zu erklären. Bei ihnen kommt die Hilfe gewissermaßen indirekt zustande.
Skilaufanfänger neigen sich z. B. während des Schrägfahrens mit dem Oberkörper häufig zur Bergseite. Sie verschlechtern dadurch indirekt den Griff der Kanten.

Wenn wir dem Schüler die Aufgabe stellen, bei der Schrägfahrt den Oberkörper talwärts zu neigen, so verlangen wir eine Aktion, die nur indirekt die eigentliche Aktion des Schrägfahrens unterstützt, und zwar dadurch, dass wir erwarten, dass die Oberkörperbewegung zu einer das Einkanten fördernden Beinbewegung führt.

Bei den überleitenden Funktionsphasen kommt es darauf an, den in einer vorangehenden Funktionsphase gegebenen Bewegungszustand in einen neuen, der natürlich auch ein Ruhezustand sein kann, zu überführen.
Am Beispiel "gehockter Salto" soll diese Phase verdeutlicht werden. Wenn der Springer richtig einleitet, der Absprung also richtig ausgeführt wird, dann befindet er sich während der Flugphase in einer Vorwärtsrotation mit einer bestimmten Drehgeschwindigkeit. Die Phase der Überleitung beginnt nun dort, wo der Springer versuchen muss, sein Drehtempo durch Strecken des Körpers so zu verringern, dass er in den angestrebten neuen Zustand, etwa den des Eintauchens ins Wasser oder des Stehens auf einer Matte, übergehen kann....

Die Gewichtung einzelner Phasen
Bereits in der Bezeichnung der verschiedenen Funktionsphasen ist eine ihrer wesentlichen Eigenschaften berücksichtigt: Es gibt wichtige und weniger wichtige Phasen, auf manche kann etwa beim Erlernen einer Bewegung verzichtet werden, andere wiederum dürfen auf keinen Fall ausgelassen werden.

Wenn wir eine Saltobewegung ausführen wollen, müssen wir uns in einem Flugzustand mit einer Drehung um die Körperbreitenachse befinden. Die Hauptfunktion besteht aus diesem Drehen während eines Flugs. Erfüllen wir diese Funktion nicht, befinden wir uns beispielsweise nur drehend am Boden oder ohne Drehung in der Luft, so führen wir keine Saltobewegung aus.
Allgemein bedeutet dies: Auf die Hauptfunktion einer Bewegung kann bei der Ausführung nicht verzichtet werden. Wird sie weggelassen oder verändert, so führt man eine andere Bewegung aus.

Hauptfunktionsphasen sind daher die wichtigsten Phasen einer Bewegung.
Nicht von gleicher Bedeutung ist - am Beispiel des Salto verdeutlicht - der Absprung. Da wir einen Salto nicht nur am Reck, sondern auch von den Ringen oder gar von einer Schaukel ausführen können, brauchen wir bei ihm offensichtlich nicht immer abzuspringen. Wir müssen lediglich dafür sorgen, dass wir in einen Flugzustand mit Drehung gelangen können. Dies ist allerdings notwendig. Und daher liegt hier der Fall einer notwendigen Hilfsfunktion vor. Sie muss erfüllt, kann jedoch mit sehr unterschiedlichen Aktionen erreicht werden. Man kann zum Salto aufschwingen, von einer erhöhten Plattform in ihn hineinfallen oder auch durch andere zu ihm geschleudert werden (Wurf- oder Schleuderbrettsalto). 

Als eine solche not wendige Hilfsfunktionsphase kann z. B. das Verringern des Drehwiderstands der Ski beim Richtungsändern im Skilauf angesehen werden. Ohne die Drehwiderstandsverringerung wäre das Drehen der Ski für den Normalskiläufer nicht möglich. Die Aktionen des Skiläufers, die die Funktion der Drehwiderstandsverringerung erfüllen, können vielfältiger Art sein. Diese Vielfalt hat den Vorteil, dass man beim Lehren und Lernen solcher Bewegungen unter verschiedenen Aktionen wählen und dadurch günstige von weniger günstigen trennen kann.

Schließlich gibt es Hilfsfunktionsphasen, über die man relativ frei verfügen kann, weil sie für das Erreichen der geforderten Bewegungsziele nicht unbedingt notwendig sind. Man spricht daher von frei verfügbaren oder kürzer von freien Hilfsfunktionsphasen. Das Umfassen der angehockten Beine bei einer Saltobewegung oder das Einsetzen des Skistocks beim Richtungsändern erfüllen zwar Funktionen, die über die Bewegungsaufgaben begründbar sind; diese Funktionen müssen jedoch nicht unbedingt erfüllt werden. Sie erhalten ihre Bedeutung in der Regel erst im Bereich der Höchstleistungen, da dort auch die allerkleinste Unterstützung wichtig ist.

Die zeitliche Verkettung der Funktionsphasen
Bisher ist über die Funktionsphasen stets so berichtet worden, als müssten sie entweder nacheinander oder zugleich ausgeführt werden. Diese zeitliche Einordnung ist sicherlich nicht falsch, sie ist jedoch in vielen Fällen nicht hinreichend genau. Wenn wir beim Weitspringen hinsichtlich der Laufbewegung in der Flugphase nur feststellen, daß sie nach dem Absprung zu erfolgen hat, so ist dies zwar nicht falsch. Von seiner Funktion her ist dieser Bewegungsabschnitt jedoch nur dann zeitlich exakt festgelegt, wenn wir durch ihn unmittelbar vor der Landung die günstigste Landeposition einnehmen können...

Über diese in der Funktionsphasenstruktur erkennbare Zeitordnung hinaus sind für das Gelingen einer Bewegung noch andere zeitliche Bedingungen zu beachten. So kann der Anfang einer Funktionsphase mit dem Erreichen einer bestimmten Ortsstelle oder eines bestimmten Bewegungszustands verknüpft sein. Das ist beispielsweise beim Hochklappen der Beine bzw. der Unterschenkel beim Flop der Fall.

Ebenso kann die zeitliche Dauer einer Funktionsphase an Gegebenheiten anzupassen sein, die erst in der Bewegung ermittelt werden können. Das trifft zum Beispiel auf die Ausführung einer Volleykickbewegung zu. Schließlich ist oft auch das Ende einer Phase auf einen Zeitpunkt hin auszurichten; der erst, wie das Beispiel des Weitspringens gezeigt hat, durch das Einbeziehen anderer Funktionsphasen erkennbar wird.

Die durch die Einteilung in die verschiedenen Funktionsphasentypen erkennbare zeitliche Anordnung ist daher stets noch um Überlegungen zu ergänzen, die klären können das

  • Wann-Danach
  • Wie-Lange-Zuvor oder
  • Wie-Lange-Überhaupt
In den Fällen, in denen zwei nachfolgend verknüpfte Funktionsphasen unmittelbar aufeinanderfolgen müssen, in denen es also darum geht, dass eine Phase nicht nur nach, sondern unmittelbar nach der vorausgehenden auszuführen ist, spricht man von kritischen Phasenübergängen."

U. Göhner: Wie sich sportliche Bewegungen analysieren und strukturieren lassen.
In: Digel, H. (Hrsg:) Lehren im Sport, Reinbek bei Hamburg 1983, S.139 ff.

 
Die funktionale Ablaufanalyse bei Göhner
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