Mit den Aktivitäten
werden zum Teil erhebliche Risiken eingegangen, oft auch gesucht. Extremsport
wird zwar nur von einer Bevölkerungsminderheit - freilich von einer
auffälligen - geschätzt, doch Sportwissenschaftler sehen bereits
eine kommerzielle Manipulierung dieser Freizeitgestaltung.
Soll dies Außeralltägliche
nun in Serienproduktion gehen? Wenn Abenteuer von Spezialisten hinter den
Kulissen vorbereitet und geplant werden, könne man von einer «McDonaldisierung»
des Extremerlebnisses sprechen, konstatiert der Sportwissenschaftler Karl-Heinrich
Bette von der Technischen Universität Darmstadt. «Es gibt Anzeichen,
dass die Erlebnisindustrie derzeit an einer solchen Vermarktung und Standardisierung
arbeitet», schrieb er in der Zeitschrift «Psychologie heute»
(Weinheim).
Die Erlebnisindustrie wird
dabei aber nach seiner Auffassung an ihre Grenzen stoßen. «Weil
das Riskante typischerweise mit den Unwägbarkeiten von Natur, Körper
und Psyche zu tun hat und die Möglichkeit des Scheiterns beinhaltet,
wird es, zumindest in seinen extremen Varianten, immer eine anarchische
Qualität behalten. So bleibt das Außeralltägliche nachhaltig
vor einer Demokratisierung und Banalisierung geschützt», schreibt
der Professor.
Soziologen sehen in dem Phänomen
unter anderem eine Reaktion auf die Bedingungen modernen Lebens: Herrschaft
von Vorgegebenem und Organisiertem, von überindividuellen Ketten von
Handlungen, die der Einzelne mitmachen muss und persönliche Ohnmacht.
Abenteuer und Extrem-Aktivitäten schaffen Gelegenheit zur Erfahrung
individueller Bewältigung und Durchsetzung.
Bestandteile der Motivation
scheinen Prof. Bette auch elitäre Massenverachtung, Freiheitsfantasien
und Einsamkeitsbegehren zu sein. Ferner: «In der freiwilligen Selbstgefährdung
steckt deshalb ein so wirksames Potenzial, sich von anderen abzuheben,
weil Selbsterhaltung, Gesundheitsvorsorge, Lebensverlängerung und
die zeitgenössische Kultur des Genießens und Sich-Auslebens
für den 'normalen' Menschen einen hohen Stellenwert besitzen.»
Der Freizeitforscher Horst
W. Opaschowski (Hamburg) schreibt in einem Text zum gleichen Thema von
der psychotherapeutischen Wirkung des Extremsports - etwa gegen Aggressivität,
Gewalt und Vandalismus im Alltag. Außerdem sagt er: «Lieber
eine sportliche Entgrenzung auf Zeit als eine Drogenkarriere ohne Umkehr.»
Zur pädagogischen Wirkung
zitiert Opaschowski den britischen Pädagogen deutscher Herkunft Kurt
Hahn, der in seinem einmal stark beachteten Buch «Erziehung zur Verantwortung»
schrieb: «Ohne die Lust nach Abenteuer in der Jugend muss jede Zivilisation
dahinschwinden.» Neuerdings wird von Autoren immer wieder auch das
Internet als Bezug genannt - nach dem Motto: Besser eine halbe Stunde in
meterhohen Ozeanwellen surfen als den ganzen Nachmittag im Internet.
Die Grenzen zwischen Extremsport
und als normal geltendem Sport können durchaus offen sein. So kann
etwa Hochseesegeln bei extremen Wetterverhältnissen genauso ein Kampf
auf Leben und Tod sein wie die Attacke auf einen Achttausendergipfel. Neuerdings
oft genanntes Beispiel: die Regatta von Sydney nach Hobart zur Jahreswende
1998/99. Sechs Teilnehmer kamen damals ums Leben. Es grenzte an ein Wunder,
dass es nicht schlimmer kam. «Der Lärm des Sturms hörte
sich an wie ein Schnellzug, der auf einen zukommt. Die Wellenkämme
kamen wie schneebedeckte Berge daher», heißt es in einem Bericht.
Kaum jemand hat eindringlicher
das Psychische und Physische extremer Erfahrung in der Natur geschildert
als der Südtiroler Bergsteiger und Durchquerer von Polarregionen Reinhold
Messner. So etwa das ganz Auf-sich-selbst-gestellt-Sein in lebensfeindlichen
Räumen. Oder das einzigartige Erlebnis, tagelang nur das Geräusch
des Windes zu hören. «Wer etwas über sich selbst erfahren
will 'zwischen Himmel und Erde', gehe dahin, wo die anderen nicht sind»,
sagt er.
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