DOPING - Wirkungen und Nebenwirkungen
Experten nehmen Stellung


Übersicht Doping
aus: Arte Archimedes (5.10.99)
Prof. Dr. Helmut Digel, Nationales Olympisches Komitee, Darmstadt

"Davon müssen wir ausgehen, insbesondere in einigen Sportarten, in denen beispielsweise Ausdauer oder Kraft eine ganz besondere Rolle spielen. Aber wenn wir über Doping sprechen, müssen wir vermutlich über alle Anforderungsprofile im Sport sprechen und darüber, dass sich dort Athleten ständig in der Gefahr befinden, sich unerlaubter Mittel zu bedienen. Diese Mittel gibt es. Wir haben einen Markt mit leistungssteigernden Medikamenten, der weltweit wächst. Und wenn diese Medikamente frei zugänglich sind und ihr Nachweis nicht möglich ist, dann ist diese Gefahr im Hochleistungssport ständig gegeben."

Deutsche Sporthochschule - Nebenwirkungen von Dopingmitteln
Grafik: Dopingmittel - Wirkungen und Nebenwirkungen

Beispiel Anabolika-Missbrauch - die künstliche Zufuhr von Testosteron, dem männlichen Sexualhormon. Es bewirkt die Zunahme roter Blutkörperchen, verbessert den Sauerstofftransport, erhöht die Leistungsfähigkeit; vor allem aber bildet sich mehr Muskelmasse bei gleichzeitiger Abnahme des Körperfetts. Anabolika sind die weltweit am meisten verwendeten Dopingmittel ... Und die Nebenwirkungen? Das Herz vergrößert sich – die Arterien aber nicht.
Das kann zum Herzinfarkt führen durch Unterversorgung des Herzmuskels, und zur Arteriosklerose durch Ablagerungen in den Blutgefäßen. Außerdem können Tumore in der Leber entstehen. Zudem verändern künstliche Sexualhormone das Geschlecht: die Brust der Frau geht zurück; die des Mannes wächst zu weiblichen Formen, während gleichzeitig seine Spermien abnehmen: er wird zeugungsunfähig. Das Nachweisverfahren von Dopingsubstanzen aus dem Urin ist kompliziert und aufwendig, weil die Mittel in anderer Konsistenz wieder ausgeschieden werden, als sie eingenommen wurden – der Körperstoffwechsel verändert sie. Deshalb muss zuerst eine Hydrolyse gemacht werden, die zur Aufspaltung der Moleküle führt. Das Zugeben eines organischen Lösungsmittels zum Testurin führt –nach einer längeren Prozedur – zur Reinigung und Konzentration und damit zum Nachweis von möglichen verbotenen Dopingmitteln.Die reduzierte Testsubstanz muss noch einmal chemisch verändert werden – für den eigentlichen Nachweis am Ende der Testreihe bleiben nur noch drei Mikroliter übrig. Aus diesen wenigen Tropfen ermittelt ein Massenspektrometer exakt die enthaltenen natürlichen – oder eben die synthetisch zugeführten Hormone. Diese Werte werden als grafische Signale auf den Bildschirm übertragen.

Prof. Dr. Helmut Digel
„Ein Athlet selber ist sicherlich dann verantwortlich, wenn er das in eigener Regie macht – ist ganz klar. Er muss natürlich die Strafe dann auch nachher ganz alleine austragen, selbst wenn er das mit Athleten und mit Trainern gemeinsam gemacht hat. Und deshalb ist ja auch immer eine Forderung gewesen, dass man versucht zu untersuchen, wer maßgeblich beim Dopingvergehen beteiligt gewesen ist - und dass man dann auch die Trainer bestraft und die Ärzte, wenn sie das gefördert haben."

Muskelzuwachs und die Stärkung von Sehnen und Gelenken verspricht die Substanz Somatropin, das Wachstumshormon; nachgewiesen bei Schwimmern, Leichtathleten und Bodybuildern. Das natürliche Hormon wird in der Hirnanhangdrüse gebildet und sorgt für Körperwachstum. Dabei produziert es unterschiedliche Formen. Das gentechnisch erzeugte Hormon hat jedoch nur eine einzige Form. Die Gabe des synthetischen Hormons führt bei gesunden Menschen zu mehr Muskelmasse einerseits – zu Herz- und Diabetes-Beschwerden andererseits. Vor allem aber wachsen Hände, Füße und Kiefer. Denn bei Erwachsenen können nur noch die Körperenden wachsen.

Dr. Christian Strasburger, Medizinische Universitätsklinik, München
"Langfristig hat diese Krankheit, die aufgrund von zuviel Wachstumshormonen zustande kommt, und die wir Akromegalie nennen, die Auswirkung, dass die Herzpumpfunktion schlechter wird. Die Patienten sterben leichter an Herz-Kreislaufversagen, sie kriegen vermehrt tumorartige Neubildungen im Darm, und das genau würde auch zutreffen, wenn man von außen, also künstlich Wachstumshormone auf Dauer in zu großer Menge zuführt."

Bis jetzt konnten Athleten unerkannt mit Wachstumshormonen dopen; der Nachweis war kaum möglich. Vor kurzem veröffentlichte das renommierte Wissenschaftsmagazin „Lancet" den erfolgreichen Abschluss nach 8-jähriger Forschungsarbeit an der Münchner Universitätsklinik: der endokrinologischen Arbeitsgruppe war – erstmalig – der Nachweis von Somatropin im Blutserum gelungen.

Wer sicher gehen will, bisher noch unerkannt zu bleiben, der arbeitet mit der neuen Zauberformel EPO. Das Hormon Erythropoetin – kurz EPO – entsteht in den Nieren und regt die Produktion roter Blutkörperchen an; das bedeutet mehr Energie durch bessere Sauerstoffreserven im Blut. Die Nebenwirkung: das Blut wird dickflüssig; das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt steigt.

Prof. Dr. Wilhelm Schänzer, Deutsche Sporthochschule, Köln
Das ist meiner Meinung nach das Dopingmittel der Gegenwart, weil es schlecht kontrollierbar ist. Sie können ihre Ausdauerleistung dadurch wahrscheinlich verbessern, und das ist natürlich ganz ideal für Leute, die dopen wollen. Früher wurde Blutdoping gemacht, das war eine aufwendige, komplizierte Methode, da musste Blut abgenommen werden, irgendwann musste es wieder zurückgebracht werden in den Körper, und das ist mit Gefahren verbunden. EPO ist in der Hinsicht weit einfacher zu handhaben, man kann es sich selber spritzen und so wie es aussieht, scheint es effektiv zu sein."

Sind wir mit diesen Mitteln und Möglichkeiten auf dem Weg zum Monster-Athleten, zur künstlich hochgezüchteten Leistungsmaschine?

Prof. Dr. Wilhelm Schänzer
„Zunächst einmal wird der positive Wert des Sports in einer unglaublichen Weise eingeschränkt. Der Sport wird in seiner Vorbildbedeutung für Kinder und Jugendliche in Frage gestellt und Eltern werden sich, wenn sie verantwortungsvoll sind, sehr genau die Frage stellen, ob sie ihre Kinder in einen Sport schicken, bei dem am Ende eine Doping-Karriere steht. Und wenn dies in der Tat unser Problem ist, dann begehen jene, die diesem Kulturgut schaden, Verbrechen. Und deswegen spreche ich auch in diesem Zusammenhang von Betrugsverbrechen, und ich glaube, dass man sich dafür nicht zu entschuldigen hat."

Werden die „sauberen" Athleten den Versuchungen der „Dopingfalle" langfristig widerstehen können ? ..."

 


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