Dieter Brodtmann

"Was hält Kids gesund?"
Neues Denken über Gesundheit und eine gesundheitsfördernde Praxis von Bewegung und Sport für Kinder und Jugendliche.

(Vortrag beim Kongress der Sportjugend Hessen "Bewegte Kids für das neue Jahrtausend" am 22. Oktober l999 in Frankfurt am Main)



 
Sport ist gesund, erst recht für Kinder", sagen die einen; "Sport ist Mord", sagen die anderen, und jeder kann für seine Auffassung eine Fülle von Belegen anführen. Ich denke, kein halbwegs informierter Mensch kann heute noch blauäugig behaupten, jede Art des Bewegens, Spielens oder Sporttreibens sei gesund. Aber wir wissen auch: Sport kann gesund sein. Aber nur, wenn er auf entsprechende Weise betrieben wird.
Aber damit sehen wir überhaupt nicht klarer. Was heißt denn "auf entsprechende Weise"? Darüber möchte ich hier reden.

Das wird möglicherweise bei einigen von Ihnen zu Irritationen führen. Denn wenn ich hier beschreibe, wann Sport für Kinder und Jugendliche gesundheitsfördernd sein kann, werde ich nicht den üblichen Argumenten folgen. Sie kennen diese Argumente sicher zur Genüge und mögen sie vielleicht auch nicht mehr hören. Da heißt es: Kinder bewegen sich im Alltag zu wenig, also muss die Schule sie stärker in Bewegung bringen, damit Herz, Kreislauf und Muskulatur gestärkt, Gewandtheit und Geschicklichkeit gefördert werden. Oder: Die Schulranzen sind zu schwer, also müssen die Sportlehrkräfte dafür sorgen, dass die Rückenmuskulatur gekräftigt wird. Oder etwas weniger banal: Kinder von heute leben permanent unter "Hochspannung", sind als Folge nervös oder auch aggressiv und brauchen daher Spannungsabfuhr durch intensives Bewegen oder besondere Entspannungsübungen, damit sie es miteinander leichter haben und damit die Erwachsenen es leichter mit ihnen haben.

Aber was hier als "Therapie" vorgeschlagen und oft praktiziert wird, entspricht längst nicht immer dem heutigen gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnisstand. Manches ist bloßer Aktionismus (ein Foto mit Kindern auf Sitzbällen macht sich gut in der Lokalpresse) und manches bleibt in Unkenntnis der tatsächlichen Zusammenhänge reine Zeitverschwendung, suggeriert oft genau das Falsche. So frage ich mich z.B., weshalb immer noch keine Konsequenzen aus den Ergebnissen von zwei großen Überblicksstudien in den USA und in Deutschland gezogen werden, in denen es um die Effektivität von Rückenschulen ging. Immerhin kommen die Expertenteams unabhängig voneinander zu dem niederschmetternden Ergebnis, Mittel zum Finanzieren von präventiv ausgerichteten »klassischen Rückenschulprogrammen« seien fehlinvestiert, da von ihnen kein relevanter Beitrag zur Lösung des Problems »unspezifische Rückenschmerzen« zu erwarten sei (Lühmann u.a. 1998, 13; Daltroy nach "Psychologie heute", Heft 12/1997, S. 46 f).

Aber so geht es eben heute auf dem Gesundheitsmarkt zu: Man greift zum schnell Machbaren, zu dem, was kurzfristig sichtbare Effekte hervorruft, was der Öffentlichkeit signalisiert, dass etwas getan wird, und was damit zugleich das Gewissen beruhigt, was in die gewohnten Denkmuster passt und was erspart, über wirklich grundlegende Veränderungen nachzudenken. Nach dem langfristigen Sinn und nach der langfristiger Effektivität der jeweiligen Maßnahmen wird nicht gefragt.

Aber abgesehen davon: Wäre es denn überhaupt Aufgabe von pädagogisch ausgebildeten und für pädagogisches Handeln bezahlten Lehrkräften, Kinder zum Beispiel mit Rückenschulübungen zu behandeln? Oder durch Liegestütze ihre Arm- und Schultermuskulatur zu stärken? Oder sie einem systematischen Ausdauertraining zu unterziehen oder was sonst in dieser Hinsicht noch nahegelegt wird? Ich meine, Sie sollten sich hier von niemandem ein schlechtes Gewissen machen und vor allem kein unzulängliches Gesundheitsverständnis aufzwingen lassen. Sie sollten vielmehr pädagogisch selbstbewusst eigene Ideen fiir ein tiefgreifend gesundheitsförderliches Bewegung und Sporttreiben entwickeln, das dem derzeitigen gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnisstand entspricht.

Hierbei möchte Ihnen heute ein wenig zu helfen versuchen, und ich tue dies, indem ich Ihnen vor allem ausführlich darstelle, wie sich in den letzten 20 Jahren ein neues Denken über Gesundheit entwickelt hat, aus dem sich ganz neue und manche wohl auch überraschenden Perspektiven fiir ein gesundheitsförderliches Bewegen von Kindern und Jugendlichen ergeben.
Bevor ich dazu aber etwas sage, zur Einstimmung ein erstes Beispiel zum Nachdenklichmachen, eines unter vielen, die man anführen könnte.
Im Jahr 1995 erschien in der "Zeitschrift für Gesundheitspsychologie" ein Bericht von zwei Gesundheitswissenschaftlern aus der Schweiz, Röthlisberger und Calmonte (Röthlisberger/Calmonte 1995). Sie hatten untersucht, wie es um die Gesundheit und gesundheitliche Befindlichkeit einer größeren Gruppe von Jugendlichen im Stadium der Adoleszenz bestellt war. Dazu hatten sie zunächst zwei Untergruppen gebildet. Die eine Untergruppe umfasste die Jugendlichen, die in einem Sportverein waren, die andere Untergruppe die Nichtmitglieder. Das Ergebnis: Die Sportvereinsmitglieder erwiesen sich - gemessen an Aussagen zur körperlichen und seelischen Beschwerdenfreiheit - als signifikant gesunder als die Gruppe der Nichtmitglieder.
Aber bevor Sie jetzt denken "Das haben wir doch schon immer gewusst", hier noch eine kleine Zusatzinformation. Die beiden Wissenschaftler hatten die Gruppe der nicht einem Sportverein angehörenden Jugendlichen noch einmal unterteilt, nämlich in eine Gruppe mit den Jugendlichen, die zwar keinem Sportverein, aber irgendeiner anderen Vereinigung fiir Jugendliche angehörten (z.B. CVJM, Gewerkschaftsjugend, Jugendfeuerwehr), und in eine Gruppe ohne jede Bindung an eine Vereinigung. Und nun kommt das, was einen nachdenklich machen kann: Die Gruppe der Jugendlichen mit einer anderen als Vereinsbindung erwies sich als faktisch genau so gesund wie die Gruppe der Sportvereinsangehörigen, und das, obwohl ihre Mitglieder auch noch am wenigsten Sport trieben. Ich denke, dieses Beispiel ruft geradezu nach Erklärung, und diese Erklärung können Sie im "neuen Denken" über Gesundheit finden.

Die salutogenetische Wende in den Gesundheitswissenschaften
Zu den einflussreichsten Arbeiten, die das gesundheitswissenschaftliche Denken der letzten 20 Jahre geradezu revolutioniert haben, zählen die Untersuchungen und Überlegungen des amerikanischen Medizinsoziologen Aaron ANTONOVSKY (1979; 1987). Lassen Sie mich kurz schildern, was für ANTONOVSKY den Anstoß zu neuem Denken über Gesundheit gab.

ANTONOVSKY versuchte um 1970 in Israel, einem ausgesprochenen Einwanderungsland, herauszufinden, ob die ethnische Herkunft eine Rolle dabei spielt, wie Frauen zwischen 47 und 56 Jahren mit dem Klimakterium zurechtkommen. In den dafür entwickelten Fragebogen hatte er bei den aus Europa stammenden Frauen aus einem ihm im Nachhinein nicht mehr erklärlichen Grund auch die Frage eingefügt: Waren Sie in einem Konzentrationslager?
Ein Vergleich der Gruppe dieser Frauen mit der Gruppe der Frauen, denen das KZ erspart geblieben war, ergab: Nur 29 Prozent der KZ-Überlebenden fühlten sich recht gesund, dagegen 51 Prozent der Kontrollgruppe ohne KZ-Vergangenheit. Das KZ - ein Risikofaktor. Wer hätte anderes erwartet? ANTONOVSKY aber fragte sich angesichts dieser Zahlen etwas anderes: Waren nicht diese 29 % der Frauen, die das KZ überlebt hatten, gleichsam durch die Hölle gegangen, dann als "displaced persons", die niemand aufnehmen wollte, durch die Welt geirrt, und hatten sie nicht schließlich in einem Staat Heimat gefunden, der in der Folge drei Kriege zu bestehen hatte, die jeweils an die nackte Existenz des Staates und seiner Bevölkerung gingen? Was befähigt Frauen, die dies alles durchgemacht haben, sich in einer der schwierigsten Lebensphasen einer Frau immer noch gesund zu fühlen?
Und er begriff plötzlich: Er hatte die ganze Zeit in der falschen Richtung geforscht. Er hatte gefragt: Was lässt Menschen krank werden? Die wirklich entscheidende und das Denken über Gesundheit revolutionierende Frage aber war (und ist seitdem): Was lässt Menschen trotz oft außerordentlicher Belastungen gesund bleiben?

Deshalb sind wir auf einer falschen Spur, wenn wir ständig danach suchen, wie wir Risikofaktoren vermeiden oder wie wir sie - z.B. durch Vollwertkost oder sportliche Betätigung - kompensieren können. Auf der richtigen Spur dagegen sind wir, wenn wir nach den Schutzfaktoren fragen, die uns gesund bleiben lassen könnten, obwohl wir zum Teil unvermeidlich tagtäglich einer Vielzahl von Risikofaktoren ausgesetzt sind. Wer kann denn in Deutschland etwa den Risikofaktoren "Luftverschmutzung" oder "Verkehrslärm" entgehen? Wenn wir immer nur auf die Risikofaktoren starren, erscheint uns die Welt schließlich so voller Gefahren, dass wir resignierend feststellen, was schon einst ein Sponti an die Berliner Mauer gesprüht hat: Leben schadet der Gesundheit. Ausgangspunkt des neuen Denkens über Gesundheit ist die Vorstellung, dass Gesundheit eine Balanceproblem ist. Das bedeutet: Ein Mensch fühlt sich um so gesunder, je besser es ihm gelingt, die ständig mit unterschiedlicher Intensität und Zahl auf ihn einwirkenden "Stressoren" auszubalancieren. Das können Stressoren sein, die von außen kommen (Krankheitserreger, Lärm, berufliche Überforderung, soziale Diskriminierung etc.). Aber wir können uns auch selbst zum Stressor werden, indem wir uns z.B. durch überhöhte Sollwerte selbst erheblich unter Druck setzen und überfordern. Der Pseudo-Jogger, der in meinem Heimatort Hannover den Maschsee mit hochrotem Kopf hechelnd und mit ständigem Blick auf die Uhr umrundet, steht exemplarisch für Menschen, die meinen, sich immer und überall möglichst hohe Leistungen abverlangen zu müssen und die damit ihrer Gesundheit eher schaden als nutzen oder - wie UHLENBRUCK es etwas ironischer ausgedrückt hat die mehr fiir ihre Gesundheit tun, als selbst die beste Gesundheit auf Dauer aushalten kann. Das einzig Positive an unserem Pseudo-Jogger: Er erwärmt immerhin in begrenztem Maße seine Umgebung.

Wovon hängt es nun ab, ob und wie uns das Ausbalancieren von Belastungen gelingt?
Nach ANTONOVSKY ist das zum einen davon abhängig, in welchem Umfang und in welcher Ausprägung wir über Widerstandressourcen verfiigen. Solche Widerstandsressourcen wären z.B. das Beherrschen von Streßbewältigungsstrategien (etwa Autogenes Training), ein intaktes Immunsystem, gesundheitliche wichtige Kenntnisse (z.B. über Selbsthilfe bei Erkrankungen), eine günstige genetische Ausstattung, gute medizinische Betreuung, die dafür erforderliche finanzielle Absicherung ("weil du arm bist, musst du früher sterben").

Solche Widerstandressourcen zu besitzen, reicht aber allein nicht aus. Entscheidend ist letztlich, ob ein Mensch auch bereit ist, seine Ressourcen für das Ausbalancieren von gesundheitsbedrohenden Belastungen zu mobilisieren. Das aber hängt nach ANTONOVSKY davon ab, wie stark der Kohärenzsinn eines Menschen ausgeprägt ist, die wichtigste Grundlage von Lebenskraft, Lebenswille, Lebensmut. Es geht - um im Bild zu bleiben - um die Breite und Standfestigkeit des Sockels, auf dem jemand steht und Belastungen auszubalancieren versucht.

Das zentrale Element dieses Kohärenzsinnes ist für ANTONOVSKY die tiefreichende Überzeugung, dass das Leben, das man führt, und dass die Aufgaben, die man zu bewältigen hat, sinnvoll sind und dass es sich lohnt, sich dafür zu engagieren. Diese Überzeugung von der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens und Tuns wird begleitet und gestützt durch das grundsätzliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zum Zurechtkommen ("Ich werde das schon schaffen") und zum Verstehen angesichts künftiger Anforderungen, wie auch immer sie beschaffen sein werden ("Ich werde das schon begreifen"). Diese Überzeugung gründet bei vielen Menschen nicht zuletzt im Vertrauen, beim Bewältigen künftiger Lebensprobleme - falls notwendig - auch damit rechnen zu können, dass andere sie unterstützen, dass sich auf ein soziales Netz verlassen können.

Das heißt, die Fähigkeit zum Ausbalancieren gesundheitsbedrohender Belastungen beruht letztlich darauf, dass die Zuversicht in den Sinn des eigenen Lebens nicht dauerhaft beschädigt wird, da sonst mit dem Sockel das ganze Balancesystem buchstäblich in sich zusammenbricht. Wodurch kann so etwas ausgelöst werden? Es sind vor allem tiefgreifende soziale Verlusterlebnisse, die den Sockel des Balancesystems "Gesundheit" bedrohen, etwa, wenn ein alter Mensch beim Tod des langjährigen Ehepartners die einzigen noch Lebenssinn vermittelnden sozialen Bezüge verliert, oder wenn ein Kind von einem Erwachsenen, dem es vertraut hat, sexuell missbraucht wird, oder oft auch schon dann, werm sich jemand immer wieder als sozial unerwünscht erlebt (das soll es ja auch im Bereich des Sports geben) und dadurch in seinem Selbstwertgefühl zutiefst belastet wird. Lassen Sie sich nicht suggerieren, mit Entspannungsübungen oder einer Rückenschule könnten Sie vom Schicksal gebeutelte Kinder und Jugendliche schnell wieder aufrichten. Unsere Kinder und Jugendlichen leiden nicht unter ihrem möglicherweise krummen Rücken, sondern unter dem, was sie bedrückt, und das sind bestimmt nicht die zu schweren Ranzen.

Die Bedeutung des sozialen Bezugsfeldes für das Gesundbleiben und Wieder-gesund-Werden ist durch eine inzwischen kaum noch überschaubare Zahl von Untersuchungen erhärtet worden (vgl. u.a. BADURA 1981 u. 1993, JUSTICE 1989, SAGAN 1992). Die Gewissheit, sozial eingebunden zu sein und auf soziale Unterstützung vertrauen zu können, ist in ihrer gesundheitlichen Bedeutung kaum zu überschätzen. "Wer allein lebt, lebt gefährlich", - z.B. nach einem Herzinfarkt. Bei einer amerikanischen Langzeitstudie lag die Rückfallquote bei Alleinlebenden fast doppelt so hoch wie bei denjenigen, die in einem intakten Familien- und Freundeskreis lebten. (Psychologie Heute 2/92,16; vgl. auch JUSTICE 1989,234). EDER (1990) hat in einer europaweiten Repräsentativuntersuchung eine Fülle von Befunden dafür zusammengetragen, wie sich Einsamkeit negativ auf das gesundheitliche Befinden von Jugendlichen auswirkt. Die Psychoneuroimmunologie, die sich mit den Zusammenhängen zwischen psychischen Einflüssen und der Leistungsfähigkeit des Immunsystems befasst, hat solche Befunde inzwischen mit naturwissenschaftlichen Methoden vielfach erhärtet (vgl. u.a. MIKETTA 1992, 112 ff.; SCHULZ/SCHULZ 1996, 399 ff.).

Auf dem Hintergrund von ANTONOVSKYs Überlegungen ist dies alles verständlich. Er macht ja auf das aufmerksam, was im traditionellen Risikofaktorendenken überhaupt keinen Platz hat, nämlich auf die zentrale Bedeutung aller jener Maßnahmen, die darauf gerichtet sind, die Überzeugung von der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens und Tuns zu erhalten und zu festigen. Alles, was dieses Gefühl der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens, was das Selbstwertgefühl von Menschen, was ihre soziale Integration und soziale Anerkennung fördert, dient unmittelbar ihrer Gesundheit und lässt sich durch Jogging und Funktionsgymnastik, durch Vollwertkost, Multivitaminkapseln und auch durch französischen Rotwein nicht im entferntesten ersetzen.

Gesundheitliche Schutzfaktoren entwickeln und stabilisieren
Was ich bis jetzt geschildert habe, ist ein Stück der historischen Entwicklung des neuen Denkens über Gesundheit. Im Anschluss an ANTONOVSKY ist in den letzten zwanzig Jahren - so jung ist die wissenschaftliche Entwicklung in diesem Bereich - von zahlreichen Gesundheitswissenschaftlern versucht worden, weitere Schutzfaktoren fiir Gesundheit zu identifizieren.
Bei der folgenden Auflistung von Schutzfaktoren beschränke ich mich vor allem auf die sogenannten "personalen Ressourcen" (BEUTEL 1989).
Grundlegend (und unverzichtbar) - darin sind sich alle einig - sind die Überzeugung von der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens und Tuns und - damit verbunden - ein positives Selbstwertgefühl. Auf dieser Grundlage existieren weitere, zum Teil sehr eng miteinander verflochtene Schutzfaktoren, die für das Bewältigen von alltäglichen Belastungen und kritischen Lebensereignissen wichtig sein können.

Hierzu gehören

  • die Bereitschaft, sich zu engagieren (und nicht darauf zu warten, dass andere es tun),
  • die Überzeugung, Kontrolle angesichts wichtiger Lebensereignisse behalten zu können (und nicht ständig zu befürchten, dass die Dinge über den Kopf wachsen könnten),
  • eine optimistische Grundeinstellung (statt einer "Es geht doch alles schief `-Haltung),
  • eine generelle Einstellung, Veränderungen im Leben als Herausforderungen zu sehen (und nicht als Bedrohungen, denen man möglichst ausweichen sollte),
  • die Erwartung, dank der verfügbaren Kompetenzen selbst wirksam werden zu können (statt einer "Das schaffe ich ja doch nicht"-Einstellung),
  • die Bereitschaft, eigene Ziele zu verfolgen (und sich nicht nur nach von anderen gesetzten Zielen zu richten),
  • eine grundsätzliche Offenheit fiir Neues (statt sich auf "Das haben wir schon immer so gemacht" zurückzuziehen)
  • soziale Beziehungsfähigkeit, u.a. gegründet im Vertrauen zu anderen Menschen (und ihnen nicht von vornherein erst einmal Negatives unterstellen)
  • Fähigkeit, Konflikte auszuhalten (z.B. wenn die Zugehörigkeit zu einer peer group von den anderen davon abhängig gemacht wird, dass man sich am Drogenkonsum der Gruppe beteiligt). (vgl. u.a. ANTONOVSKY 1979, 1987, MADDIIKOBASA 1984, SCHEIER/CARVER 1985, BANDURA 1986, BEUTEL 1989, BECKER 1992, SCHWARZER 1992, PAULUS 1994, WALLR 1995)
Ich will im Folgenden versuchen, anhand einer Skizze zu verdeutlichen, welche Faktoren nach heutigem gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnisstand im wesentlichen darüber entscheiden, ob und inwieweit sich aus einer potentiell gesundheitsbedrohenden Belastung tatsächlich Beeinträchtigungen der Gesundheit bis hin zur Erkrankung ergeben können (vgl. Maddi/Kobasa 1984, 27).

Es zählt zu den grundlegenden gesundheitswissenschaftlichen Einsichten, dass die Auswirkungen einer Belastung auf die Gesundheit eines Menschen zunächst einmal davon abhängen, wie der Einzelne sich zu dieser Belastung einstellt. So, wie wir ein Problem sehen, so ist das Problem.

Hier greifen die personalen Ressourcen eines Menschen. Wenn gesundheitsbedrohende Ereignisse auftauchen, gehen Menschen mit hohen personalen Ressourcen anders auf sie zu als Menschen mit schwach entwickelten personalen Ressourcen. Sie nehmen die Bedrohungen nicht einfach als unausweichliches Schicksal hin und versuchen auch nicht, ihnen auszuweichen. Sie schätzen vielmehr ihre Möglichkeiten hoch ein, Entwicklungen beeinflussen und unter Kontrolle behalten zu können, und sie sehen potentielle Belastungen (z.B. drohende Arbeitslosigkeit, Prüfungen oder einfach nur Klassenarbeiten) häufig auch als Herausforderung an die eigenen Fähigkeiten. Die Folge ist, dass dadurch für die Betroffenen - im Vergleich zu Menschen mit geringeren personalen Ressourcen eine potentiell bedrohliche Situation von vornherein "entschärft", also weniger stressreich erscheint. Hier liegt einer der entscheidenden Gründe dafür, dass manche Menschen trotz oft erheblicher Belastungen durch Risikofaktoren immer noch gesund bleiben. Je geringer dagegen die personalen Ressourcen entwickelt sind, desto stärker schlagen gesundheitliche Belastungen voll auf die Psyche und dann auf den Körper des einzelnen durch.

Nicht jede Belastung kann allerdings durch die personalen Ressourcen bereits vollständig eliminiert werden. Etliche Belastungen werden trotzdem - wenn auch in reduzierter Form - auf die aktuelle körperliche und seelische Befindlichkeit eines Menschen durchschlagen. Wie groß ihre Auswirkungen werden und ob sie sich eventuell letztlich sogar krankheitsauslösend bemerkbar machen, hängt von weiteren Faktoren ab, die das Ausmaß der Belastung und ihre Auswirkungen bestimmen können. Nach MADDI/KOBASA (1984) sind dies in erster Linie die konstitutionelle Stabilität des Belasteten sowie Art, Umfang und Qualität der jeweils beherrschten Gesundheitspraktiken.

Was ist unter konstitutioneller Stabilität zu verstehen? Konstitutionelle Stabilität ist auf jeden Fall eindeutig mehr als nur körperliche Fitness. Sie umfasst auch die angeborene oder erworbene körperliche Verfassung insgesamt, etwa die Leistungsfähigkeit des Immunsystems, den zu hohen oder zu niedrigen Blutdruck, chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus, den Ernährungszustand oder auch schlicht aus ständigem Schlafmangel resultierende Erschöpfung. Aber konstitutionelle Stabilität meint auch die aktuelle psychische Befindlichkeit (etwa Verspanntheit oder Lockerheit), die wiederum auf organische Systeme (z.B. das Hormonsystem) positiv oder negativ zurückwirkt.

Was sind Gesundheitspraktiken? Gesundheitspraktiken sind Mittel, mit deren Hilfe gesundheitlich belastete Menschen gezielt versucht können, negativen Auswirkungen von Belastungssituationen vorzubeugen oder aktuell auftretende Belastungen zu reduzieren.
Einigen Gesundheitspraktiken können eingesetzt werden, um die konstitutionelle Stabilität positiv zu beeinflussen (etwa durch Diät, durch Einnahme von Stärkungsmitteln oder/und Medikamenten oder auch durch aktive Stärkung der körperlichen Ressourcen durch Fitnesstraining). Mit anderen Gesundheitspraktiken - etwa Entspannungstechniken - kann versucht werden, Belastungswirkungen letztlich doch noch soweit abzupuffern, dass sie nicht mehr krankheitsauslösend wirken können. Noch andere Gesundheitspraktiken können sowohl die konstitutionelle Stabilität positiv beeinflussen als auch die Auswirkungen von Belastungen abpuffern. Das gilt insbesondere für körper- und umweltsensibel betriebenen Ausdauersport wie etwa das (echte) Joggen mit seinen sowohl kreislauf und stoffwechselbeeinflussenden als auch entspannenden und beruhigenden Wirkungen, aber auch fiir Formen der Bewegungsmeditation wie Tai Chi und Qi Gong.

Es sind die konstitutionelle Stabilität und die Gesundheitspraktiken, um die es heute auf dem Gesundheitsmarkt vor allem geht. Aber so wichtig alle diese Dinge fiir die gesundheitliche Befindlichkeit von Menschen sein können, - gegenüber den zentralen personalen Schutzfaktoren sind sie nur zweitrangig. Sie können Belastungen vielleicht kompensieren, aber nicht verkleinern. Und sie können fehlenden Lebenssinn, ein gebrochenes Selbstwertgefühl und fehlende soziale Einbindung nicht ersetzen. Wenn ein Angestellter - wie MADDI/KOBASA berichten - ständig Ärger mit seinem Chef hat, so kann er die Auswirkungen zwar durch Jogging am Abend kompensieren, aber er könnte sich viele Kilometer Joggen ersparen, wenn es ihm gelänge, die Beziehungen zu seinem Vorgesetzten in Ordnung zu bringen.

Auf dem Hintergrund des hier in extremer Kurzfassung dargestellten salutogenetischen Denkens über Gesundheit lässt sich die Frage, was für den Erhalt und die Förderung der Gesundheit unserer Kids Priorität haben sollte, nun mit großer Eindeutigkeit beantworten.
Zunächst: Es gibt einiges, für das wir besonders sensibel sein und was wir nach Möglichkeit vermeiden sollten. Hierzu zählt insbesondere alles, was dazu führen könnte, dass das Selbstwertgefühl von Kindern und Jugendlichen dauerhaft beschädigt wird, insbesondere dadurch, dass sie sich immer wieder als sozial unerwünscht erleben müssen. Ferner alles, was Könnensoptimismus zunichte macht oder Könnensoptimismus sich gar nicht erst entwickeln lässt. Und als drittes sind es solche Maßnahmen, die den Kindern etwas aufzwingen, was ihnen nicht unmittelbar sinnvoll erscheint, z. B. Maßnahmen, die zwar aus medizinisch-präventiver Sicht zweckmäßig sein mögen, aber von denen in keiner Weise irgendeine Form von Faszination ausgeht. Was Schülerinnen und Schülern im Rahmen von Aktionen wie "Die fitte Schulklasse" oder mit den Übungen von Rückenschulen zugemutet wird, gehört genau in diese Kategorie von Maßnahmen. Mit Sicherheit werden psychisch normal empfindende Kinder keinen Genuss daran finden, ein halbes Jahr lang dreimal wöchentlich ihre Schulterblattfixatoren zu trainieren (BMUK 1994b, 15). Sie lassen solche Übungen vielleicht noch über sich ergehen - vor allem, wenn sie in attraktive Musik "eingewickelt" werden -, aber mit Bewegen aus eigenem Antrieb hat das nichts zu tun. Und wie wenig sinnvoll das alles für unsere Übungsgruppen ist, wird deutlich, wenn wir von den Fachleuten hören, dass sich Erfolge mitunter erst nach monatelangem täglichen Üben einstellen (Kempf/Lutz 1987, 46).

Aber nur etwas vermeiden ist zu wenig. Was sollten wir positiv tun, wenn es uns um eine wirklich auf die entscheidenden Tiefendimensionen zielende Förderung der Gesundheit unserer Kids geht? Wenn wir nicht nur eine aufgeschreckte Öffentlichkeit und auch uns selbst durch vordergründige Maßnahmen beruhigen wollen?

Wenn es uns wirklich ernst in Sachen Gesundheit ist, dann müssen wir zu allererst fragen: Wie können wir unsere Kinder und Jugendlichen als Menschen stärken (und nicht nur ihre Körper)?

Am wichtigsten ist hierfür m.E. - wie zuvor bereits erläutert - die soziale Dimension unseres Arbeitsbereichs. Hier liegt eine unserer Hauptverantwortlichkeiten in Sachen Gesundheit unserer Kids. Denn wir haben es zu einem guten Teil in der Hand, ob und wie Kinder und Jugendliche sich im Sport sozial eingebunden fühlen.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die von uns gewählten Sozialformen. Wir wissen und erleben ja täglich, dass längst nicht alle Kinder problemlos auf andere positiv zugehen und mit anderen konstruktiv zusammenarbeiten können. Also sollten wir bei der Vorbereitung unserer Bewegungsstunden ein Höchstmaß an Phantasie aufwenden, um immer wieder neue Möglichkeiten zu schaffen, durch die die Kinder zum gemeinsamen Handeln herausgefordert werden und die dadurch zur Entwicklung lebenswichtiger sozialer Kompetenzen beitragen. Und wir sollten überhaupt kein schlechtes Gewissen haben, wenn es etwas länger dauert, bis eine Gruppe von Kindern eine richtig wackelige, tolle Balancierstation gemeinsam erfunden und aufgebaut hat. Da haben sie sich zwar in den Augen mancher Leute nicht genug und nicht intensiv genug bewegt, sich körperlich nicht genügend angestrengt. Aber was kann bei solchen Gelegenheiten alles angebahnt werden: Hilfsbereitschaft, Kompromissfähigkeit, Empathie, d. h. die Fähigkeit, sich in andere einfülen zu können, Flexibilität im Umgang mit Situationen, Verlässlichkeit, Verantwortung übernehmen und vor allem die Erfahrung: Ich werde gebraucht, ich bin wichtig und wir haben gemeinsam etwas geschafft. Und das ist fiir das Selbstwertgefühl und damit fiir die Gesundheit der Kinder (und übrigens auch von uns Erwachsenen) kurzfristig und langfristig sicher wichtiger als körperliche Trainingsreize, deren Effekt - wie wir aus der Trainingswissenschaft wissen - vielfach schon nach kurzer Zeit wieder zurückgeht oder sogar ganz verschwindet. Und - nebenbei bemerkt - die kleinen grauen Zellen waren beim Bauen der Balancierstation mächtig aktiv und haben sich - fiir die Kinder unbewusst - die ganze Zeit intensiv mit physikalischen Grundgesetzen beschäftigt.

Wer begriffen hat, wie wichtig z.B. unter gesundheitlicher Perspektive die Entwicklung des Selbstwertgefühls, von Könnensoptimismus, Herausforderungsoptimismus und Offenheit fiir Neues ist, der wird den Kindern ferner möglichst viele Chancen zur selbständigen Auseinandersetzung eröffnen, zum entdeckenden und problemlösenden Lernen, zum Handeln auf Probe und zum Lernen aus Irrtümern, wenn möglich auch als Auseinandersetzung mit Herausforderungen, die nur gemeinsam mit anderen bewältigt werden können. Das Beispiel der wackligen Balancierstation ist auch in dieser Hinsicht sehr ergiebig.

Aber ob unsere Kinder und Jugendlichen befähigt werden, Zugang zum gemeinsamen Spielen und Sportreiben mit anderen zu finden und dadurch in ihrem Selbstwertgefühl gekräftigt zu werden, hängt nicht nur von den gewählten Sozialformen und der ihnen erlaubten Selbständigkeit ab, sondern beginnt im Grunde noch darunter, dort, wo wir versuchen, unseren Kids Bewegungsfähigkeiten und Bewegungsfertigkeiten zu vermitteln. Hierüber ist in der Sportpädagogik bislang kaum nachgedacht worden und ich selbst stehe hier auch erst am Anfang. Trotzdem hoffe ich, die folgenden Beispiele werden Sie überzeugen, wie wichtig es ist, gerade in diesem Bereich mehr über die Konsequenzen unseres Tuns für das Gelingen des Miteinanders und damit für das soziale Wohlbefinden unserer Kids nachzudenken, bevor man weiter den ausgetretenen Pfaden folgt.

Deshalb sollten wir uns beim Planen unseres Unterrichts oder Übungsbetriebs fragen:
Was von dem, das wir dort alles an Bewegungsformen vermitteln könnten, sollte angesichts der oft nur sehr begrenzten Unterrichts- oder Übungszeit Vorrang haben, weil es nicht nur kurz-, sondern auch langfristig der Gesundheit unserer Kids dient, und was ist dann weniger wichtig? Und wer begriffen hat, welche außerordentlichen Bedeutung das soziale Integriertsein für die Gesundheit hat, der muss z. B. fragen: Ist es für die Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen nicht wichtiger,

  • dass sie erst einmal lernen, einen Ball anderen so gezielt zuzuwerfen, dass er problemlos gefangen werden kann, als dass sie als erstes lernen, ihn weiter als andere zu werfen;
  • dass sie erst einmal lernen, ihnen zugeworfene Bälle sicher zu fangen (weil sie damit nämlich akzeptable Spielpartner werden), als dass sie lernen, wie man andere mit dem Ball umdribbelt;
  • dass sie erst einmal lernen, synchron mit anderen vorwärts zu rollen, statt nach dem Erlernen der Rolle vorwärts gleich zur nächsten individuellen Fertigkeit wie Rolle rückwärts oder der Flugrolle oder gar dem Salto voranzuschreiten;
  • dass sie erst einmal lernen, wie man gesellig schwatzend und ohne zu hecheln lange miteinander laufen kann, als dass sie zu einem anstrengenden Ausdauertraining gezwungen werden, um etwa beim 1000 m-Lauf oder beim Cooper-Test bessere Ergebnisse als andere zu erzielen;
  • dass sie zunächst einmal miteinander tanzen lernen, als dass sie sich jeder für sich hinter- oder nebeneinander nach vorgegebenen Aerobicübungen bewegen.
  • Kurz: Dass sie zunächst einmal solche Kompetenzen erwerben, mit denen sie beim Spielen und Sporttreiben mit anderen mitwirken können und - noch wichtiger - mit denen sie dort gebraucht werden.
    Wenn wir außerdem ernst nehmen, dass Herausforderungsoptimismus ein wichtiger gesundheitlicher Schutzfaktor ist, dann muss dies Konsequenzen für die Art der Auseinandersetzung mit den Inhalten haben, die wir unseren Kinder und Jugendlichen ermöglichen. Diese Auseinandersetzung sollte nicht darin bestehen, dass sie Bewegungsvorbilder vorgestellt bekommen und solange korrigiert werden, bis etwa bei der Rolle vorwärts auch der kleine Finger der linken Hand genau zum richtigen Zeitpunkt an genau der richtigen Stelle aufgesetzt wird. Wir brauchen vor allem Methoden, durch die unsere Kids ermutigt werden, nicht Methoden, durch die ihnen zuerst einmal gezeigt wird, was sie alles noch nicht können.

    Das heißt konkret, dass wir ihnen nicht Bewegungsvorbilder zum Nachahmen bieten, sondern dass wir versuchen sollten, ihnen Bewegungsideen "in die Köpfe setzen", Bewegungsideen, die für sie so reizvoll sind, dass sie sie je nach Könnensstand zu realisieren versuchen (z.B. auf eine "Wand" zuzurollen, ohne sie zu berühren).
    Das heißt, dass wir sie mit Bewegungs- oder Spielproblemen konfrontieren und ihnen zutrauen, dass sie selbständig nach Lösungen suchen und Lösungen finden (z.B. wie ein Hochweitsprungwettbewerb beim Schulfest aussehen könnte).
    Das heißt, dass wir sie ermutigen, sich selbst neue Aufgaben zu stellen, neue Schwierigkeiten und damit neue Herausforderungen zu suchen, wenn sie sich unterfordert fühlen (z.B. eine Balancierstation mit geschlossenen Augen überwinden oder - wenn man schon gut fangen kann - schwieriger zu fangende Bälle wählen), - und dass wir uns natürlich auch mit ihnen freuen, wenn ihnen allein oder - noch besser - gemeinsam mit anderen etwas Neues gelungen ist.

    Zusammengefasst: Es geht darum, Anlässe zu schaffen, die dazu führen, dass Kinder und Jugendliche sich aus eigenem Antrieb bewegen und dabei in jenen personalen Ressourcen gefördert werden, die kurzfristig wie langfristig fiir das Gesundbleiben zentral bedeutsam sind. Aus eigenem Antrieb aber bewegt sich nur, wer in diesem Bewegen einen Sinn für sich sieht, wer ausreichend Spielräume für selbständiges Handeln eingeräumt bekommt und wer sicher ist, sich in einem sozialen Umfeld bewegen zu können in dem er geachtet wird und gern gesehen ist. Wenn dies der Fall ist, brauchen  wir uns im übrigen überhaupt keine Sorgen zu machen, dass unsere Kids sich nicht hinreichend umfangreich und intensiv körperlich belasten würden. Auf präventiv gemeinte Sondermaßnahmen könnten wir alle Mal verzichten.

    Zum Schluss wenige Sätze zu den Konsequenzen für das Rollenverständnis und Rollenverhalten der Sportlehrerinnen und Sportlehrer. Wenn es um das Ermutigen und Stärken von Kinder und Jugendlichen geht, dann brauchen wir nicht so sehr die vormachenden, sondern die mitmachenden Sportlehrerinnen und Sportlehrer. Wir brauchen Sportlehrkräfte, Übungsleiterinnen und Übungsleiter, die sich anstecken lassen, wenn die von ihnen betreuten Heranwachsenden sich neue Schwierigkeiten setzen, und die - wie die junge 61 jährige Sportlehrerin auf dem Foto - zum Beispiel selbst versuchen, wie niedrig das "Dach" gehalten werden kann, unter dem sie - ohne es zu berühren - gerade noch hindurchrollen können. Und die es aushalten und es nicht als Schande empfinden, sondern sich sogar noch darüber freuen, wenn ihre Kids das besser können.

    Wer in diesem Sinne menschlich stark ist und wer zugleich begriffen hat, wo Gesundheitsförderung heute zu allererst anzusetzen hat, dem sollten wir vertrauen, wenn es darum geht, unsere Kids für ein gesundes Aufwachsen in einer schwierigen Welt zu stärken.

     



    Literatur:

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    Waller, H.: Gesundheitswissenschaft. Eine Einführung in Grundlagen und Praxis. Stuttgart 1995 Weltgesundheitsorganisation: Die Ottawa-Charta. In: Trojan; A./Stumm, B.: Gesundheit fördern statt kontrollieren. Frankfurt a. M. 1992, S. 84 - 93



    Kontakt: Univ.-Prof. Dieter Brodtmann M.A., Universität Hannover, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Bismarckstraße 2, 30173 Hannover
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