Vorsicht Gesundheit !
 Zu gesellschaftspolitischen Inanspruchnahme des Sports
 
"...Zentrales Motiv des Sporttreibens der Aktiven jeder Leistungskategorie, die Woche für Woche im Verein üben, trainieren und sich am Wochenende in Wettkämpfen zu bewähren versuchen, war und ist, sich in einer Leistungssituation zu bewähren, den Aufschlag im Tennis zu verbessern, schneller zu laufen. Man bemüht sich darum, weil man den Gegner besiegen, letztlich Freude am Sieg haben möchte.
 

Bezogen auf die Gesundheit ist solches Handeln in gewissem Maße immer unvernünftig; zumindest hat der Athlet bezüglich seiner Gesundheit unvernünftig gehandelt. Er hat seine Muskeln bei Zerrungen vereist und trotz Verletzung weitergespielt, hat durch zu intensives Training die Menisken in den Kniegelenken beschädigt, nahm möglicherweise mehrfache Knochenbrüche bei seinem Sporttreiben in Kauf. All dies war unvernünftig, und dennoch kann genau diese Art Sport zu treiben als kulturell bedeutsam bezeichnet werden.

Die kulturelle Bedeutung dieses Handelns liegt in erster Linie in der Symbolik für menschliches Leisten, die im Sport zum Ausdruck kommen kann.

Gerade wenn der Sport weiterhin ein kulturell bedeutsames Symbolsystem bleiben soll, darf ihm kein umfassender Gesundheitsauftrag erteilt werden. Der Sport muss auch weiterhin ein Erfahrungsfeld für Wetteifer, Spiel und Leistung bleiben. Darin liegt sein besonderer Wert für unsere Gesellschaft. Der Gesundheitswert, den der Sport wohl haben kann, im leistungsorientierten Sport jedoch nur selten hat, sollte dem kulturellen Wert des Sports untergeordnet werden.

Der Sport wird einen Großteil seiner Anhänger verlieren, wenn er sich in Zukunft in erster Linie unter Gesundheitsgesichtspunkten instrumentalisieren lässt.

Eine einseitige Instrumentalisierung des Sports im Hinblick auf einen noch näher zu präzisierenden Gesundheitsauftrag könnte zu einer völlig neuen Mitgliederstruktur in den Sportvereinen führen. Es ist zu vermuten, dass zumindest nicht mehr jene Menschen Mitglied in Vereinen wären, die bislang auf der Grundlage sehr viel diffuserer Motive dort Sport getrieben haben. Eine einseitige Instrumentalisierung würde aber auch zu einer Infragestellung des Sports selbst führen. Wenn Sport lediglich über seine gesundheitsprophylaktische Wirkung legitimiert wird, verändern sich nicht nur seine konkreten Strukturen und seine Handlungswelt. Der Sport würde auf diese Weise prinzipiell verzweckt, ohne dass man dabei jedoch sicher sein könnte, dass der über ihn angestrebten Zweck auch erreicht werden kann...

Unser Wissen über den Zusammenhang von Sport, Gesundheit und Wohlbefinden ist bis zum heutigen Tag höchst ungenügend. Der Sport kann unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden positiv beeinflussen. Der Sport kann unsere Gesundheit aber auch beeinträchtigen und unser Wohlbefinden schmälern. Mehr wissen wir eigentlich über diesen Zusammenhang nicht. Auf dieser vagen Basis von Wissen sollte sich der Sport davor hüten, sich gesundheitspolitisch vereinnahmen zu lassen. Er selbst sollte sich davor hüten, Handlungsempfehlungen in bezug auf die Gesundheitswirkung des Sports zu geben. Sie können zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verantwortet werden.

Mit dieser These werden in gewisser Weise die Gesundheitskampagnen des Deutschen Sportbundes in Frage gestellt. Diese Infragestellung ist deshalb notwendig, weil der Stand der medizinischen Forschung zum Zusammenhang zwischen Sport, Gesundheit und Krankheit höchst unbefriedigend ist. Allenfalls kann als gesichert gelten, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen mäßig intensivem Ausdauersport und dem Zustand des Herz-Kreislauf-Systems gibt. Ebenso gesichert ist jedoch, dass Leistungssport, vor allem in belastungsintensiven Sportarten (Joggen!) unter orthopädischen Gesichtspunkten gesundheitsschädlich wirkt.

Der Stand der medizinischen Forschung ist jedoch vor allem deshalb unbefriedigend, weil bislang so gut wie keine repräsentativen prospektiven Untersuchungen vorliegen. Wer sich heute für den Sport  unter Gesundheitsgesichtspunkten ausspricht, bezieht sich zumeist auf Untersuchungen, in denen gleichsam nur die Sieger des Sporttreibens zum Vorschein kommen. Hinzu kommt, dass die gewählten Stichproben meist nur Ouerschnitte erfassen. Querschnittsbefunde taugen jedoch allenfalls zur Formulierung von Vermutungen. Zu ihrer Bestätigung sind repräsentative Längsschnittbefunde erforderlich. Solange solche Untersuchungen noch nicht vorhanden sind, ist Vorsicht angebracht. Am Beispiel der "Sport für alle"- Kampagnen lässt sich dies verdeutlichen. Ohne die Erfolge dieser Kampagnen schmälern zu wollen, muss zumindest darauf hingewiesen werden, dass das Ziel der Kampagnen ein uniformes Muster von Körperlichkeit ist. Dieses Verständnis von Körperlichkeit ist den Fitnesskampagnen des DSB ebenso eigen wie jenen Gesundheitswellen, die kommerziell und massenmedial vorgetragen werden. Solche Kampagnen befinden sich in der Gefahr, gleichmacherisch zu sein, alle sollen dasselbe tun, alle werden an einem Stereotyp ausgerichtet, und weil alle und alles gleichgemacht werden, wird die ganze Sache zum Geschäft.

Mit der Masse lässt sich ja bekanntlich erst so richtig Geld verdienen. Solche Kritik kann natürlich ihrerseits mit dem Hinweis beiseite gewischt werden, dass derartige Vermarktungsstrategien unserer Gesellschaftsform immanent sind und erst über Massenkampagnien sich gesundheitliche Effekte erzielen lassen. Gerade das letzte Argument ist jedoch gesundheitspolitisch sehr fragwürdig.

Sehr viele Massenkampagnen in bezug auf die Volksgesundheit haben in der Vergangenheit ihre Wirkung verfehlt, dabei aber häufig unbeabsichtigte Nebenwirkungen hervorgerufen. Wer denkt z.B. bei einer Fitnesskampagne, vorgetragen von einem weiblichen Idealkörper, der ohne Aerobic und vor dem Training diese äußerliche Idealität besessen hat, an all jene Frauen, die - sich an diesem Idealbild von Körperlichkeit orientierend - scheitern, weil ihnen eine naturgegebene Fettleibigkeit eigen ist. Die psychischen Folgen solchen vergeblichen Bemühens lassen sich in psychiatrischen Praxen beobachten, wo Krankheit als Folge von angeblicher Prävention zu behandeln ist.

Was ist daraus zu lernen?
Nicht alles, was im Sport vorgibt, gesund zu sein, ist gesund, und Fitness kann durchaus auch eine Variante lustorientierter Kultur sein, bei dem der Körper zunehmend ohne Geist erscheint...."
 

(von Helmut Digel, aus "Olympische Jugend" 4/87, gekürzt)
 


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