...... Die morphologische (phänografische) Betrachtungsweise


 
"..Ihr primäres Ziel ist es, dem praktisch tätigen Lehrenden oder Lernenden alle erforderlichen Informationen für die Beschreibung, Anleitung und Korrektur von Bewegungsausführungen zu liefern.
Das Kernstück der morphologischen Methodik bilden die Selbstbeobachtungen, die auf der Selbstwahrnehmung der eigenen Bewegungen beruhen, und die Fremdbeobachtungen, z. B. durch einen Sportlehrer, Übungsleiter oder Trainer."

 

Animierte Lehrbildreihen .... "Ausgangspunkt der Selbsterfahrung der Bewegung ist der sogenannte Bewegungssinn bzw. die Bewegungsempfindung. Es darf als gesichert angesehen werden, dass Sportler kinästhetisch-motorische Erfahrungen genau in demselben Sinne sammeln, wie sie optische, akustische und andere Signale aufnehmen. Wesentlich für die Selbstbeobachtung ist, dass die Empfindungen mit Hilfe der Sprache klar fixiert werden. Nur wenn diese voll ins Bewusstsein gelangen, helfen sie, bestimmte Phasen des Ablaufs, seine dynamische Gliederung usw. genau zu erfassen und zu beschreiben. Die Beurteilung der eigenen Bewegungen erfordert dabei eine gewisse Distanzierung; die Ausführungen müssen erst zum Objekt werden, ehe der Sportler sie diagnostizieren, lenken oder verändern kann (Meinel 1960).

Die Hauptmethode der Fremdbeobachtung wird in der Morphologie als Eindrucksanalyse (wie der Außenstehende die Bewegung wahrnimmt) bezeichnet. Ihre Zuverlässigkeit und Differenziertheit hängt entscheidend von den jeweiligen Erfahrungen des Beobachters im Bewegungssehen ab, von seiner Fähigkeit zum Mitvollziehen der Bewegung sowie von der Schnelligkeit und Vielseitigkeit seiner Betrachtungen. Von prominenten und erfolgreichen Sporttrainern ist bekannt, daß sie außerordentliche Fähigkeiten in diesem Bereich besitzen. ...

In vielen Fällen wird bei Eindrucksanalysen auf allgemeine Beurteilungskategorien zurückgegriffen, mit denen vor allem jene Aspekte von Bewegungen ganzheitlich erfasst werden sollen, die einer analytischen Betrachtung nicht oder nur schwer zugänglich sind. Es sind dies die Bewegungsmerkmale, Bewegungseigenschaften oder Bewegungsqualitäten/-quantitäten. Über ihre konkrete Auswahl und Zusammenstellung herrscht allerdings keine einheitliche Auffassung.

...Die Methode der Fremdbeobachtung kann neben der Eindrucksanalyse auch Video- und biomechanische Verfahren einschließen. Besonders, wenn

  • die Bewegungen so schnell ablaufen, dass das Auge nicht mehr folgen kann,
  • die Bewegungen eine große räumliche Ausdehnung besitzen und
  • die Gesamtbewegung und die Einzelbewegungen der Gliedmaßen zugleich beobachtet werden müssen
führen Eindrucksanalysen alleine, selbst bei großer Erfahrung und hervorragender Fähigkeiten der Beobachter, zu Ungenauigkeiten oder gar Fehlschlüssen. Wird der Bewegungsablauf aufgezeichnet, dann ist er beliebig oft reproduzierbar; durch entsprechende Aufnahmefrequenzen und regelbare Recorder lässt sich jede gewünschte Verlangsamung erreichen, und die Aufmerksamkeit kann sukzessiv auf verschiedene allgemeine Bewegungsqualitäten oder andere Merkmale der Gesamt- wie auch der Einzelbewegungen gerichtet werden.

Biomechanische Analysen ermöglichen darüber hinaus über "Weg-Zeit-", "Winkel-Zeit-", "Geschwindigkeits- oder Kraftdiagramme" eine Ergänzung, Sicherung und Objektivierung morphologischer Erkenntnisse. Die subjektive Fremdwahrnehmung kann durch objektive Methoden und Maßzahlen in vielen Fällen entscheidend präzisiert, aber keineswegs vollständig ersetzt werden.

Eine Bewertung der Morphologie muss die Ziele berücksichtigen, die mit ihrer Anwendung bezweckt werden. Für den Sportlehrer und Trainer, der an Praxisnähe und Anschaulichkeit interessiert ist, ist sie, vor allem, wenn sie verschiedene Methoden der Fremdbeobachtung einbezieht, wertvoller als eine empirisch-analytische oder rein biomechanische Sicht; für wissenschaftliche Untersuchungen dagegen kann ihr nur ein begrenzter Aussagewert zugesprochen werden."

(Roth: in Sportwissenschaftliches Lexikon)
 



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