Studie: "Jugendarbeit im Sportverein"
 Jugendarbeit im Sportverein - wirkungsvoll, aber mit Ansprüchen überfrachtet
 

Zwischen 1998 und 2000 untersuchte ein Team der Universität Paderborn unter der Leitung des Sportwissenschaftlers Prof. Dr. Wolf-Dieter Brettschneider die Jugendarbeit in nordrhein-westfälischen Sportvereinen. Zentrale Befunde der Studie, die das Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes NRW in Auftrag gegeben hatte, wurden vor kurzem in Düsseldorf vorgestellt und werden hier dokumentiert:

Jugendarbeit in Sportvereinen soll - im Selbstverständnis des organisierten Sports wie auch in den Vorstellungen von Staat und Politik - zum einen das sportliche Engagement im Verein fördern und zum anderen die Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen in all ihren Facetten unterstützen und folglich dem Gemeinwohl dienen. Aufschluss zu gewinnen, inwieweit die Sportvereine diesem Anspruch gerecht werden, was das Ziel der Forschungsarbeit.

Die Gesamtkonzeption sah drei Teilstudien vor: eine Fragebogenerhebung, motorische Tests und Interviews mit Vereinsjugendlichen und deren Eltern. Untersucht wurden Gymnasiasten und Hauptschüler nach spezifischen Verteilungskriterien an 40 ausgewählten Schulen NRW's im Alter zwischen 12 und 16 Jahren. Zugleich wurde die Vereinslandschaft in ihrer Vielfalt und Buntheit abgebildet. Die Ergebnisse sind für die genannte Population verallgemeinerbar. Alle Teilstudien waren längsschnittlich angelegt. Das heißt, die Jugendlichen wurden im Verlauf von drei Schuljahren mehrfach untersucht. Auf diese Weise konnten Aussagen über die individuelle Entwicklung aller Probanden gemacht und zugleich Vergleiche zwischen aktiven Vereinsmitgliedern und vereinsdistanzierten Jugendlichen angestellt werden.

Die wichtigsten Befunde:

Nach wie vor ist der Sportverein die unangefochtene Nummer 1 unter den Jugendsportorganisationen. In Übereinstimmung mit der aktuellen Shell-Jugendstudie wird im Zehnjahresvergleich tendenziell sogar eine Steigerung des Organisationsgrades festgestellt. Mehr als 60 Prozent der 12-Jährigen und ca. 40 Prozent der 18-Jährigen sind aktive Mitglieder im Sportverein (mehr Jungen als Mädchen, mehr Gymnasiasten als Hauptschüler). 18-jährige aktive Vereinsmitglieder sind im Durchschnitt 9 Jahre im Verein und verbringen dort etwa 5 Stunden pro Woche. Fazit: Der Verein besitzt eine hohe Integrationskraft.

Bei den motorischen Tests verfügen Vereinsjugendliche hinsichtlich Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer und Koordinationsfähigkeit durchgängig über die besseren Ausgangswerte. Im Entwicklungsverlauf kommt es - von Ausnahmen abgesehen, wo die Leistungsabstufungen gleich bleiben - zumeist zu einer Annäherung der Entwicklungslinien. Die Verlaufslinien zur motorischen Leistungsfähigkeit lassen Entwicklungsvorteile auf Seiten der Vereinsjugendlichen kaum erkennen. Fazit: Den Sportvereinen gelingt es offensichtlich, die motorisch begabten und sportlich interessierten Kinder und Jugendlichen zu rekrutieren und an sich zu binden. Der anfangs vorhandene Leistungsvorsprung wird gelegentlich gehalten, kann aber zumeist nicht ausgebaut werden. Der Vereinssport ist insofern eher als "Bewahrer" denn als Förderer der motorischen und sportlichen Potenziale seines Nachwuchses einzustufen.

Kann der Jugendsport im Verein dazu beitragen, Ressourcen zu erschließen, die Heranwachsenden bei der Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben helfen? Aufschluss kann das Bild geben, dass Jugendliche von sich selbst haben. Bei der Entwicklung des Selbstwertgefühls profitieren Heranwachsende von ihrem Engagement im Sportverein, allerdings geschlechtsspezifisch unterschiedlich. Mädchen entdecken den Sport als Quelle des Selbstwertgefühls im Entwicklungsverlauf eher als Jungen; letztere profitieren länger. Bei der Einschätzung ihrer sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen des gleichen und des anderen Geschlechts wie auch des intergenerationellen Verhältnisses unterscheiden sich Vereinsjugendliche nicht signifikant von ihren vereinsdistanzierten Altersgenossen. Der Aufbau von Freundeskreisen mag zeitweise vom Sportverein positiv beeinflusst werden. Eine nachhaltige Wirkung auf das soziale Selbstkonzept kann nicht nachgewiesen werden. Bei der Einschätzung der eigenen sportlichen Leistungsfähigkeit wie auch der Zufriedenheit mit der eigenen körperlichen Attraktivität gibt es geschlechtsunabhängig mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen zwischen jugendlichen Vereinsmitgliedern und Nicht-Mitgliedern. Wenn es um die emotionale Stabilität und ihre Entwicklung im Jugendalter geht, stellen Alter und vor allem das Geschlecht die wichtigsten Einflussvariablen dar. Ein systematischer Einfluss des Sportengagements im Verein kann nicht nachgewiesen werden.

Wenn Belastungen im Jugendalter nicht bewältigt werden, spiegelt sich das häufig in psychosomatischen Beschwerden und im Problemverhalten der betroffenen Heranwachsenden wider. Von Schlafstörungen und Kopfschmerzen sind Vereinsjugendliche im Entwicklungsverlauf weniger betroffen als ihre vereinsdistanzierten Altersgenossen. Die Prävalenzraten weiterer sieben erfasster psychosomatischer Beschwerdebilder lassen keine Unterschiede zwischen der Untersuchungs- und der Kontrollgruppe erkennen.

Die Befunde zum jugendlichen Problemverhalten: In ihrem Alkoholkonsum sind jugendliche Vereinssportler keineswegs zurückhaltender als Nicht-Mitglieder. Bei Zigaretten sieht die Entwicklung anders aus: Die Konsumraten der Vereinsjugendlichen liegen deutlich niedriger. Offensichtlich befürchten die Vereinsmitglieder Einbußen ihrer sportlichen Leistungen durch Nikotin. In beiden Punkten gibt es große sportartspezifische Unterschiede. Beim Konsum von Bier und Zigaretten sind Vereinsfußballspieler Spitzenreiter. Beim Konsum illegaler Drogen gibt es im Durchschnitt keine Unterschiede zwischen Vereinsmitgliedern und Nicht-Mitgliedern. Bei der Entwicklung der leichten Delinquenz ist für jüngere Heranwachsende von einer protektiven Wirkung des Vereins auszugeben, die sich im Verlauf der Jugendphase verflüchtigt. Die Prävalenzraten bei schwerer Delinquenz sind insgesamt niedrig und schließen insofern überzeugende Interpretationen aus. Fazit: Der Sportverein wird in seinen Leistungen und seiner Leistungsfähigkeit für die Entwicklung der psychosozialen Gesundheit überschätzt.

Insgesamt legen unsere Befunde nahe, allzu optimistische Annahmen von positiven Wirkungen der Sportvereine auf die jugendliche Entwicklung zu relativieren. Wenn sich Vereinsjugendliche in manchen Aspekten von ihren vereinsdifferenzierten Altersgenossen unterscheiden, dann dürfte dies vor allem der Tatsache geschuldet sein, dass vor allem solche Jugendliche vermehrt in den Sportverein gehen und sich an ihn binden, die sich von vorneherein einer starken Physis und Psyche erfreuen.

Der Sportverein stellt ein Feld dar, in dem Jugendliche vielfältige Erfahrungen machen können, die für ihre Entwicklung bedeutsam sind. Deshalb sollte die Jugendarbeit des Sportvereins weiterhin auf die beiden Säulen setzen: die Förderung des Sportengagements und die Unterstützung jugendlicher Entwicklung. Allerdings stellen sich Wirkungen sportlicher Aktivität nicht automatisch ein. Weder die Förderung psychosozialer Gesundheit noch die Entwicklung motorischer Leistungsfähigkeit geschieht so nebenbei. Dazu bedarf es einer spezifischen Inszenierung des Sports sowie entsprechender Kompetenzen und Ressourcen auf Seiten derer, die ihn anbieten und vermitteln.

Den von außen aufgebürdeten oder selbst auferlegten Leistungsansprüchen kann der Sportverein angesichts der sozialen und kulturellen Umbrüche in unserer Gesellschaft nicht gerecht werden. Wenn befürchtet wird, dass Sozialisationsinstanzen wie Schule und Elternhaus ihre Erziehungsaufgaben nicht mehr hinreichend wahrnehmen (können), kann auch der Sportverein nicht die Rolle eines Reparaturbetriebes für gesellschaftliche Defizite übernehmen. Die Empfehlungen an den organisierten Sport lauten: Er kann sich seines pädagogischen und sozialen Potenzials durchaus sicher sein. Bei der Erschließung dieses Potenzials ist mehr Realitätssinn und mehr Bescheidenheit an den Tag zu legen. Anzuraten ist eine Hinwendung zur Qualitätssicherung und damit verbunden zu verstärkter Evaluation. Wenn es gelänge, eine neue Debatte um Profilbildung und Neuorientierung der Sportvereine zu eröffnen, hätte die Studie mit ihren Befunden eine wichtige Aufgabe erfüllt.
 

(nach DSJ-Aktuell)

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