Entstehung des Turnen in Deutschland (Jahn)
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Ein Plädoyer für Friedrich Ludwig Jahn
   ".... In den Jahren 1806/1807 stand Deutschland an einem Wendepunkt seiner nationalen Entwicklung.

In dieser politisch wirren Zeit lebte Friedrich Ludwig JAHN (1778-1852), uns bis heute bekannt als "Turnvater Jahn", als Erfinder des Deutschen Turnens. In seinem Buch "Deutsches Volkstum", das er 1810 herausgab, äußerte er sich zunächst voller Sorge über die politische Zukunft seines Vaterlandes. Von Berlin aus wollte er seine Pläne zur Rettung des "Deutschen Volkstums" vor der Fremdherrschaft der Franzosen verwirklichen. Er rief zur Erhebung des ganzen deutschen Volkes gegen die napoleonische Fremdherrschaft auf und suchte nach Mitteln und Wegen, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Vor allem meinte er, wie andere Reformer seiner Zeit, es läge an der schlechten körperlichen Verfassung der Bürger, am Aussterben von Körper- und Waffenübungen, daß eine solche Katastrophe über Deutschland hereinbrechen konnte.

1811 entstand vor den Toren Berlins der "Turnplatz auf der Hasenheide", wo durch Turnen und Spiel die körperlichen Voraussetzungen für seine vaterländischen Ideen bei Jugendlichen und später auch bei den Erwachsenen geschaffen werden konnten. Die Errichtung dieses Turnplatzes kann also als die Geburtsstunde des Turnens (Gerätturnens) angesehen werden.

Fünf Jahre später (1816) berichtete JAHN darüber in seinem Buch "Die DeutscheTurnkunst": Die Turner trugen einheitlich graue Leinenkleidung, ohne Kopfbedeckung und Schuhe. Zu essen gab es Brot und Salz und zum Trinken Wasser. Auch die Mädchen sollten turnen; sie machten alle Übungen wie Klettern, Springen, Laufen, Spielen und auch das militärische Exerzieren und Schießen mit.
 

Turnplatz 1845
Trotz dieser uns heute streng erscheinenden Sitten, wurden die Jugendlichen immer mehr von dem Betrieb auf der Hasenheide angezogen (in anderen Städten wurden ähnliche Turnplätze errichtet). Dies mag mehrere Gründe gehabt haben: Auf den Turnplätzen war, entgegen der sonst üblichen "Schulzucht", auch das Spielen erlaubt, die Übungen waren sehr vielseitig und die Bewegung konnte in frischer Luft ohne beengende Kleidung durchgeführt werden.
F. L. JAHN wurde sowohl von seinen Zeitgenossen wie auch von den Historikern extrem widersprüchlich beurteilt. "Von extremer Ablehnung bis zu enthusiastischer Bewunderung reicht die Skala der Wertungen von Person und Werk des `Turnvaters'. Erst in jüngerer Zeit hat man zu einer ausgewogenen Würdigung gefunden." (RÖTHiG 1992, 223)

Dass JAHN ein Nationalist oder Chauvinist gewesen ist, dessen Nationalgefühl oder Nationalbewusstsein sich in reinen Nationalismus verwandelte, wird heute von keinem Historiker mehr bezweifelt. Dennoch wird man seiner Person und seinem Wirken in dieser einseitigen Charakterisierung nicht gerecht ...

Unter den politischen Problemen seiner Zeit sah JAHN die körperlichen Übungen "in frischer Luft" vor allem unter dem Aspekt der "Wehrhaftmachung". Da er aber zunächst auch bei der preußischen Regierung und in ganz Deutschland Unterstützung fand, wurde aus der mehr individuell getragenen Normierung JAHNs eine Norm im engeren Sinne (durch Autorität erlassen), ja man könnte sogar sagen, eine formale Grundnorm, die angesichts der kritischen politischen Lage an der Erhaltung des Sozialsystems (Gemeinwohl, Gerechtigkeit, Gleichgewicht) beteiligt war.

JAHN handelte in bester Absicht und glaubte, durch körperliche Erziehung, durch vormilitärische Ausbildung den Volkskrieg gegen die Franzosen gewinnen zu können. Da JAHN gleichzeitig aber auch die Abschaffung der Standesschranken - auf der Hasenheide turnten Jugendliche aller Schichten und Schularten miteinander - und die nationale Einigung forderte, wurden seine Bestrebungen von der preußischen Regierung in einer Zeit der Restauration bald mit Mißtrauen beobachtet und als staatsgefährdend angesehen. Man hielt JaHrvs Turner für oppositionelle politische Kräfte und schloss 1819 den Turnplatz auf der Hasenheide. JAHN selbst wurde ein Jahr später verhaftet und die "Turnsperre" ausgerufen.

JAHN hat zwar die Verwirklichung seiner Reformpläne nicht mehr erlebt, aber das Turnen, so wie er es begonnen hatte, wurde weiterentwickelt und als notwendiger Bestandteil der Erziehung akzeptiert. Die Entwicklung des Turnens in Turnvereinen (Deutsche Turnerschaft, gegr. 1860) bis hin zum Deutschen Turnerbund (gegr. 1950) nahm ihren Fortgang..."
(Kursbuch 4 - Sport und Gesellschaft)

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