Was hält Kids gesund?
Neues Denken über Gesundheit und eine gesundheitsfördernde Praxis von Bewegung und Sport für Kinder und Jugendliche.


von Dieter Brodtman
Vortrag beim Kongress der Sportjugend Hessen "Bewegte Kids für das neue Jahrtausend" (Frankfurt am Main, 1999)


Der vorliegende Text von Brodtmann plädiert für eine „salutogenetische Wende“ in der Sportpädagogik. Statt Sport als rein mechanisches Mittel zur Korrektur körperlicher Defizitezu sehen, rückt er die Stärkung psychischer und sozialer Schutzfaktoren in den Fokus, um Kinder langfristig gesund zu erhalten.



Zusammenfassung
(KI-generiert)

Brodtmann kritisiert das traditionelle Verständnis von Schulsport, das oft auf bloßen Aktionismus oder medizinische Prävention (z. B. Rückenschulen) setzt, deren Wirksamkeit wissenschaftlich kaum belegt ist. Basierend auf dem Salutogenese-Modell von Aaron Antonovsky stellt er nicht die Frage, was Menschen krank macht (Risikofaktoren), sondern was sie trotz Belastungen gesund hält (Schutzfaktoren).


Zentral für die Gesundheit ist demnach der Kohärenzsinn: die tiefe Überzeugung, dass das Leben sinnvoll, verstehbar und bewältigbar ist. Brodtmann argumentiert, dass Sportunterricht vor allem das Selbstwertgefühl, die soziale Einbindung und die Selbstwirksamkeit fördern muss. Ein gesundheitsfördernder Sportunterricht sollte daher weniger auf Drill und isolierte Techniken setzen, sondern auf kooperatives Handeln, Mitbestimmung und Freude an der Bewegung aus eigenem Antrieb.



Zentrale Aussagen in 5 begründeten Thesen

1. Gesundheit ist primär ein psychisches und soziales Balanceproblem

These: Einseitige körperliche Fitness reicht nicht aus, um gesund zu bleiben; entscheidend ist die Fähigkeit, Stressoren durch personale Ressourcen auszubalancieren.


  • Begründung: Ohne einen stabilen „Sockel“ aus Lebensmut und Sinnhaftigkeit (Kohärenzsinn) können körperliche Gesundheitspraktiken wie Jogging Belastungen zwar kurzzeitig kompensieren, aber nicht deren Ursachen oder langfristige Folgen bewältigen.



2. Soziale Integration ist der wirksamste Schutzfaktor

These: Das Gefühl, sozial eingebunden zu sein und gebraucht zu werden, ist für die Gesundheit wichtiger als jeder körperliche Trainingsreiz.


  • Begründung: Studien zeigen, dass Jugendliche in Vereinen (egal welcher Art) gesünder sind als ungebundene Gleichaltrige. Soziale Unterstützung puffert Stress ab, während Einsamkeit das Immunsystem messbar schwächt.


3. Klassische Präventionsmaßnahmen im Sport sind oft ineffektiv

These: Isolierte Übungsprogramme wie Rückenschulen oder systematisches Ausdauertraining ohne Sinnbezug verfehlen ihr Ziel bei Kindern.



  • Begründung: Solche Maßnahmen werden oft nur „über sich ergehen gelassen“, fördern aber keine dauerhafte Bewegungsfreude

  • . Fachlich sind viele Programme zudem kaum wirksam gegen unspezifische Beschwerden, da sie die psychischen Ursachen von Verspannungen ignorieren.


4. Pädagogik muss „Könnensoptimismus“ statt Fehlerkorrektur fördern

These: Sportunterricht sollte darauf basieren, Schülern Erfolgserlebnisse und Autonomie zu ermöglichen, anstatt sie ständig an idealisierten Bewegungsvorbildern zu messen.



  • Begründung: Nur wer Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hat (Selbstwirksamkeit), sieht Herausforderungen als bewältigbar an. Dies „entschärft“ potenzielle Stressoren bereits im Entstehen.


5. Kooperation muss vor individuellem Wettbewerb stehen

These: Vermittelte Bewegungsfertigkeiten sollten primär darauf abzielen, die Teilhabe am gemeinsamen Spiel zu ermöglichen.



  • Begründung: Wenn Kinder lernen, einen Ball so zu werfen, dass andere ihn fangen können, oder synchron mit anderen zu agieren, stärkt dies ihre soziale Akzeptanz. Diese soziale Anerkennung ist ein direkter Gesundheitsfaktor, da sie das Selbstwertgefühl schützt.








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