Doping? - Der Fall Dieter Baumann
- Täter oder Opfer ? -



 
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Anti-Doping-Broschüre 1993
Dieter Baumann
Olympiasieger über 5000m in Barcelona

"Für mich ist Doping ein Straftatbestand. Dopingsünder haben die Konsequenzen für ihr Verhalten zu tragen, und die Strafen müssen hart sein. Nicht der Ruf nach dem Staatsanwalt macht den Sport kaputt, sondern Doping."  (21.5.99)

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Chronologie
 

17. November 1999: Dieter Baumann wird von der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) wegen des Verdachts eines Anabolika-Missbrauchs angehört. Der Weltmeister beteuert seine Unschuld.

19. November: Der DLV suspendiert Baumann mit sofortiger Wirkung. Als Grund wird mitgeteilt, dass gegen den Athleten "Doping- Verdacht besteht". Analysen einer am 19. Oktober vorgenommenen Trainingskontrolle und einer Kontrollprobe am 12. November hätten jeweils einen weit über dem erlaubten Grenzwert von zwei Nanogramm liegenden Nandrolon-Anteil von über 20 Nanogramm im Urin des Athleten ergeben.

20. November: Baumann beauftragt einen Heidelberger Anwalt und will "aktiv an der Aufklärung arbeiten".

22. November: Der schwedische Vorsitzende der Anti-Doping-Kommission des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), Arne Ljungqvist, spricht von einem "klaren Fall" von Nandrolon-Doping, "ob bewusst oder unbewusst".

25. November: Dieter Baumann erklärt an Eides statt, "dass ich nie Dopingmittel genommen habe".

30. November: Der Leiter des Kölner Doping-Kontrolllabors, Professor Wilhelm Schänzer, stellt fest: "Es gibt Nahrungsergänzungsmittel, die den Nandrolon-Wert in die Höhe treiben, auch in die Höhe wie bei Dieter Baumann oder noch höher."

3. Dezember: Untersuchungsergebnisse des Kölner Doping-Labors von Schänzer werden bekannt, wonach das anabole Steroid Norandrostendion in der Zahnpasta des Olympiasiegers gefunden wurde. Schänzer: "Wir haben damit eine Quelle lokalisiert, mit der man die Befunde erklären kann. Ich gehe davon aus, dass die Substanz in die Zahnpasta gebracht wurde."

3. Dezember: Dieter Baumann spricht in einer öffentlichen Erklärung von einem "kriminellen Akt" und stellt mit Datum des 2. Dezember Strafanzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung bei der Staatsanwaltschaft Tübingen.

22.1. 2000 : Der Deutsche Leichtathletikverband spricht sich für eine zweijährige Sperre für Baumann aus.

23.6. 2000: Baumann darf wieder starten

25.6. 2000: Dieter Baumann startet wieder und schafft die Olympianorm über 5000m

18.9. 2000: IAAF sperrt Baumann für zwei Jahre. Der Olympiastart ist nicht möglich.

10.2. 2001: Baumann scheitert vor dem Landgericht

27.2. 2001: IAAF sperrt Baumann bis 2003

5.12. 2001: Baumann darf wieder laufen

Jan. 2002: Baumann veröffentlicht Buch über Dopinggeschichte - Angriffe auf Funktionäre

27.1. 2002: Comeback über 3000m

7.8. 2002   Baumann Vize-Europameister

September 2003 - Ende der Leistungssportkarriere


 
 

19.11.99

Persönliche Erklärung von Dieter Baumann

"Habe niemals Dopingmittel genommen"

"Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat mir in dieser Woche die überaus schockierende Nachricht eröffnet, dass zwei meiner Trainingskontrollen auf das Anabolikum Nandrolon positiv getestet wurden. Ich habe dafür keine Erklärung, aber ich werde alles in meiner Macht stehende tun, den Sachverhalt aufzuklären.

Ich versichere, dass ich zu keiner Zeit meines Lebens Dopingmittel eingenommen habe. Dies würde zutiefst meiner Einstellung zum Leistungssport und meiner Grundeinstellung zum Leben widersprechen.

Ich habe die Offenlegung meiner gesamten medizinischen Betreuung angeboten und darum gebeten, umfangreiche Untersuchungen einzuleiten.

Ich habe mich in der Vergangenheit immer für einen sauberen Sport eingesetzt und ich werde dies auch in Zukunft tun. "



 
 

Stichwort: Nandrolon

Nandrolon gehört zur Familie der anabolen Steroide. Sie werden sowohl im Männer- als auch im Frauensport verwendet, um vor allem einen Kraftzuwachs zu erreichen. Die anabolen Steroide dienen aber auch dazu, größere Erholungswerte nach hohen Trainingsbelastungen zu erzielen. Nandrolon steht wie auch die bekannteren Wirkstoffe Testosteron und Clenbuterol auf der Liste der verbotenen Mittel des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

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"FR" 20.11.99

"Nichts genommen", aber positiv getestet

Baumanns Dopingfall hinterlässt Ratlosigkeit und Fragen

"Ich tue mich a bissle schwer zum Einstieg." Da sitzt Dieter Baumann vor den Fernsehkameras und den Journalisten, und er weiß, dass er in dieser von ihm eilends angesetzten Pressekonferenz im schwäbischen Kunstturnzentrum in Stuttgart allein seine Ratlosigkeit mitteilen kann. "Ich habe nichts genommen, aber ich habe eine positive Probe." In seinem Urin fand sich eine Konzentration, die mit 20 Nanogramm das Zehnfache des Erlaubten aufwies.

Aber er ist der Super-Gau der deutschen Leichtathletik in Person. Er hat immer offensiv gegen Doping gekämpft, erst am 4. Oktober hatte er die Württembergische Sportpresse zu einem Forum zu sich nach Tübingen eingeladen. Das Thema lautete: "Wie gehen die Medien mit Doping um?" Jetzt hat sich die Frage umgedreht. Wie wird er, als ein Betroffener, wie es hier zu Lande von ähnlicher Prominenz und Ansehen noch keinen gab, selber damit fertig: am Pranger zu stehen.

 Baumann findet Sympathie, gedämpfte Sätze, bedrückte Stimmung. Seine Zuhörer treffen sich im Gefühl der Fassungslosigkeit. Der 5000-m-Olympiasieger erzählt ruhig und sehr bedächtig von Anfang an, wie das Schicksal seinen Lauf nahm und er ihn nicht beeinflussen kann. Der Anruf aus der Verbandsgeschäftsstelle, am Montag. Er habe den Angestellten Jan Kern sagen hören, es gäbe da einen Fall von Nandrolondoping. "Zuerst wusste ich gar nicht, um wen es geht." Entschuldigung, um ihn. "Das konnte nicht sein. Ich habe ja nichts verbrochen."

 Er bat um schnellstmögliche Anhörung, "ich muss nicht taktieren", man traf sich am Mittwoch. Mitten in die Anhörung hinein platzte die Mitteilung von einer zweiten positiven Probe, nach dem am 19. Oktober genommenen Urin wies auch der vom 12. November die verräterischen Spuren auf. "Sie können sich vorstellen, dass ich gewankt bin." Baumann lauscht seinen Worten nach, und weil er seit fünf Tagen an nichts anderes mehr denken kann, wiederholt sich in seinem Kopf wohl auch diese Leerzeile. "Ich habe nichts genommen." Er schreit nichts hinaus, er erklärt, will betont sachlich bleiben.

 Zehn Urinproben habe er über eineinhalb Jahre bis zum Juli 1999 abgegeben, nie habe sich ein Problem aufgetan. Doch am 5. August, während des Höhentrainingslagers, sei "ein Schleier" bei der Probe aufgetaucht. Da war etwas, doch noch zu wenig. "Ich habe das letzte halbe Jahr kein einziges Medikament zu mir genommen. Das kann ich ausschließen."

 Der große unbekannte Dritte, der ihm übel will, hat er schon mal darüber nachgedacht? "Es gibt nicht diese Komplottheorie. Was man hier mit mir macht, das ist nicht lustig. Das erfordert eine kriminelle Energie, die traue ich niemand zu." Diesen Fluchtweg fände er zu billig.

 Wie wird es weitergehen? "Ich lege meine Daten offen. Ich will gläsern sein." Dann kommt der wichtigste Punkt, hat die Wissenschaft am Ende mit Nandrolon ein Problem? Es sei wohl nicht so einfach, sagt Baumann, wie man das in Sportkreisen sehe. Die Urine der im August bekannt gewordenen Nandrolon-Fälle der Sprinter Merlene Ottey und Linford Christie, Weltmeister und Olympiasieger, werden zurzeit einer peinlich genauen Prüfung unterzogen. Womöglich wird aus dem Super-Gau ein grandios-böses Missverständnis? Denkbar und möglich ist es inzwischen. Und der Olympiasieger sagt: "Mir geht es um eine grundsätzliche Nandrolon-Doping-Diskussion."

 Im Radio hat ein Arzt mitgeteilt, das Anabolikum sei in Augentropfen enthalten. Baumann trägt Kontaktlinsen. Im übrigen, es heißt doch, Nandrolon könne in den USA in Nahrungsergänzungsmitteln im Supermarkt gekauft werden. Er benötige doch auch so was, generell. "Das sind gängige Mittel."

 Die Nandrolon-Quelle. Wird er sie finden? Er werde in den nächsten drei, vier Wochen genau so normal essen und trinken wie in den voraus gegangenen. Er werde aktiv werden, Informationen sammeln, "ich werde kämpfen. Ich möchte lückenlos kontrolliert sein, zwei-, dreimal in der Woche. Das ist für mich der einzige Weg." Die These klingt nicht nur einfach, sie ist es. Wer weiß, irgend etwas nimmt er zu sich, in dem die ihm übel wollende Substanz sich versteckt hält. "Es ist noch ein schwebendes Verfahren", sagt er zwischendurch. Bis jetzt ist er vom Deutschen Leichtathletik-Verband suspendiert, er darf keine Wettkämpfe bestreiten. Im Falle der positiven B-Probe muss er eine Sperre von zwei Jahren gewärtigen. Baumann nahm sich den Heidelberger Michael Lehner zu seinem Rechtsbeistand, den Anwalt der prominenten Dopinggegner Brigitte Berendonk und Professor Werner Franke. Baumann stößt auf viel Wohlwollen, weil seine Vergangenheit für ihn spricht.

 Überhaupt, wieso, so stellt er die Frage, sollte er Nandrolon nehmen, das leicht nachzuweisen ist? "Die intelligentere Lösung wäre, mit EPO zu dopen." Dieses Blutdoping ist nicht nachweisbar, und es bringt viel mehr Profit als ein Muskeldoping. "Es ist nicht die Frage, ob Nandrolon etwas bringt, sondern es steht auf der Liste." Die Gedanken kreisen und kreisen ohne Unterlass. "Das ist ein Beweisstück gegen mich, und jetzt bin ich auf der Suche nach einem Beweisstück für mich."

 Für dieses Doping-Kontrollsystem habe er gearbeitet, es mit initiiert, "das habe ich getragen. Meine Kontrollen verliefen so unkompliziert." Das Leben hat sich dramatisch geändert. Er sei mitten in einer "neuen Einordnung meiner selbst", dazu waren ihm nur fünf Tage Zeit gelassen. Sein Verbandspräsident, Helmut Digel, sie gehen freundschaftlich miteinander um, sie mögen und schätzen sich gegeneinander, der intellektuelle Soziologe und sein Vorzeigeathlet. "Eine gewisse Tragik", sagt Baumann, als der Name vorsichtig an ihn herangetragen wird. "... auch für mich." Schließlich: "Das muss mein Ziel sein, dass man Athleten nicht zu Unrecht verurteilt."


 

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