Die zehn Irrtümer des Sports

 
  Gelobt sei, was hart macht; bei Muskelkater am besten das gleiche weitermachen - jeder, der sich sportlich betätigt, kennt diese Sprüche. Doch sie gehören zu den berühmtesten Irrtümern des Sports.
Häufig werde mit Ammenmärchen und Halbweisheiten gearbeitet, kritisiert Thomas Wessinghage. Der ehemalige Spitzensportler muss es wissen: Heute ist er Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin ...
Und er will nun aufräumen mit den "zehn berühmten Irrtümern des Sports":

"Gelobt sei, was hart macht!" Das ist Wessinghage zufolge die zwar einfache, aber falsche Annahme, dass maximal anstrengende Belastungen die besten Trainingsergebnisse hervorrufen. Richtig sei, dass sich die positive Wirkung von Ausdauertraining wie Walking, Jogging oder Radfahren nur erreichen lasse, wenn man ruhig zu Werke gehe. Zu hohe Anstrengung mache wichtige Trainingseffekte wie Stressabbau oder die Stärkung des Immunsystems zunichte.

"Muskelkater ist das beste Zeichen für ein wirksames Training!" Die Zeiten, als man daran glaubte, sollten eigentlich längst vorbei sein, findet Wessinghage: "Heute weiß man, dass Muskelkater durch winzige Verletzungen der Muskulatur zu Stande kommt." Und die sollten tunlichst vermieden werden.

"Das beste Mittel gegen Muskelkater lautet: das selbe noch mal!" Noch so ein Tipp aus der Steinzeit der Trainingslehre, wie Wessinghage findet: "Selbst die ganz harten Trainer wie Felix Magath würden das heute nicht mehr fordern." Vielmehr sorgten ganz sanfte Bewegungen wie lockeres Joggen oder Schwimmen dafür, dass die Durchblutung in den verletzten Muskelanteilen zunehme und damit die Heilung unterstütze.

"Nach 30 Minuten Dauerlauf setzt die Fettverbrennung ein." Die Vorstellung sei handlich, aber falsch, kritisiert der ehemalige Sportler. Schon nach etwa zwei Minuten setze beim lockeren Dauerlauf die Fettverbrennung ein, allerdings zunächst mit einem minimalen Anteil am gesamten Energieaufkommen. Nach einer halben Stunde beginne die Energiemenge, die der Körper aus der Nutzung der Fettreserven gewinne, die anderen Energiequellen in den Schatten zu stellen, vor allem die Kohlenhydrate.

"Wenn man einmal in die Sauerstoffschuld gerät, dann ist der Lauf für die Katz!" Genau so falsch wie die vorherigen Aussagen, rügt Wessinghage: "Natürlich stellt sich der Organismus darauf ein, dass ich beim Training richtig Gas gebe ­ und reduziert zwangsläufig die Fettverbrennung." Das sei aber nur vorübergehend so. "Ein einzelner Berg, den ich mit Volldampf hinauf keuche, macht mein Training nicht kaputt. Ich muss, oben angekommen, einfach ein paar Minuten besonders ruhig weiter trainieren, um den entstandenen Sauerstoffmangel wieder abzubauen."

"Schwimmen ist der optimale Gesundheitssport." Diese Behauptung stimmt, sagt der Arzt ­ mit Einschränkung: "Leider schwimmt kaum jemand in der aus orthopädischer Sicht optimalen Kraultechnik. Die meisten Leute baden, hängen senkrecht im Wasser, kommen kaum vom Fleck, klammern sich nach einer halben Minute wieder an den Beckenrand."

"Lassen Sie sich Ihr Fett einfach wegmassieren." Wessinghage nennt dies einen Werbespruch, der auch durch häufiges Wiederholen nicht an Wahrheit gewinne. Erhöhtes Körperfett und Übergewicht ließen sich abbauen, indem mehr Energie verbraucht werde, als man beim Essen dem Körper zuführe - aber nicht durch Rubbeln und Kneten.

Der "Waschbrettbauch": Das sei ein Trick der Männerzeitschriften, klagt Wessinghage: "Ziele aufbauen, die die Leser ohnehin nie erreichen." Männer neigten genetisch dazu, Übergewicht am Bauch anzusetzen. Daran lasse sich nichts ändern, genau so wenig wie an der Veranlagung vieler Frauen zur Orangenhaut und zum dicken Po. Es reiche, wenn die Bauchmuskulatur gut genug in Form sei, um mit den Rückenmuskeln im Duett die Wirbelsäule zu stützen ­ gegen Rückenschmerzen.

"Mit einer Stunde Tennis in der Woche halte ich mich fit." Das sei keineswegs ausreichend, sagt der ehemalige Spitzenläufer. "Spiele wie Tennis oder Badminton haben zu lange Pausen und sind zwischendurch oft zu intensiv." Besser für den Kreislauf sei die gleichmäßige Beanspruchung durch Ausdauersport.

"Dauerlauf macht die Gelenke kaputt." Auch das sei falsch: Man wisse heute, dass gerade der regelmäßige, dosierte Gebrauch die Gelenkfunktionen erhalte. Gefährlich im Sport seien vielmehr die vielen Verletzungen, die bei den heftigeren Sportarten wie etwa Fußball, Handball oder Squash aufträten.

Nach: RP-Online 22.4. 2003


 

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