Griffith-Joyners Tod hinterlässt Fragezeichen


.. Los Angeles - Nach dem tragischen Tod der legendären Florence Griffith-Joyner haben führende Sportmediziner das "Ende unerträglicher Dopingspekulationen" gefordert und damit einen neuen heftigen Meinungsstreit mit dem Heidelberger Molekularbiologen Professor Dr. Werner Franke ausgelöst. Die Welt des Sports trägt Trauer. Die 38 Jahre alte 100- und 200-m-Weltrekordlerin war in der Nacht zum Montag in Los Angeles einem Schlaganfall erlegen.

Lorna Boothe, ehemalige Trainingspartnerin Griffith-Joyners, nährte am Dienstag die Doping-Spekulationen um die Fabelathletin. "Ich war von ihrem damaligen Leistungssprung total überrascht. Im Jahre 1987 habe ich dann eine Krankenschwester getroffen, die in einem kalifornischen Hospital arbeitete und mir bestätigte, daß Flo-Jo regelmäßig mit anabolen Steroiden und Testosteron behandelt wurde", sagte die 43 Jahre alte heutige Team-Managerin des britischen Leichtathletik-Verbandes.

Professor Franke forderte die "Obduktion von Florence Griffith-Joyner" und eine staatsanwaltschaftliche Untersuchung in Los Angeles: "Dieser Todesfall war vorauszusehen. Die Staatsanwaltschaft muß auf die Veröffentlichung der Unterlagen der unter Verdacht stehenden Mediziner drängen." Die US-Sprinterinnen seien von dem Mediziner Robert Kerr behandelt worden. Nach Meinung Frankes seien seinerzeit nicht nur Anabolika, sondern schon in den frühen 80er Jahren auch erstmals Wachstumshormone eingesetzt worden.

Nach Aussage von Franke gibt es allein in Deutschland über 50 Forschungsarbeiten, die auch bei niedrigen Dosierungen von Anabolika dramatische Folgewirkungen nicht ausschließen. Franke vergleicht den Zustand von Florence Griffith-Joyner mit dem von Ralf Reichenbach. Der Berliner Kugelstoßer war im Februar an einem Herzinfarkt gestorben. Der Spiegel schrieb seinerzeit: "Der 47jährige hatte das schwache Herz eines 80jährigen." Eine Obduktion Reichenbachs hatte die Berliner Staatsanwaltschaft abgelehnt.

"Das sind alles unbewiesene Vermutungen"

Einen ersten tragischen Todesfall in Zusammenhang mit Medikamenten-Einnahme hatte es in der deutschen Leichtathletik am 10. April 1987 gegeben: Damals starb die Mainzer Siebenkämpferin Birgit Dressel an einem allergischen Schock.

Der Sportmediziner Professor Dr. Heinz Liesen (Paderborn) nannte die Vermutungen von Franke "unerträglich und an den Haaren herbeigezogen". "Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß ein Zusammenhang zwischen Anbolikagaben und einem Infarkt oder Schlaganfall nur bei extrem hohen Gaben über einen langen Zeitraum hergestellt werden kann", sagte Liesen. Liesen führte Todesfälle von bekannten Bodybuildern an, die sich nachweislich Höchstdosierungen verabreicht hätten.

Olympia-Arzt Professor Joseph Keul (Freiburg) verurteilte ebenfalls alle Spekulationen: "Man kann diesen tragischen Fall nicht automatisch mit Anabolikakonsum in Verbindung bringen. Das sind alles unbewiesene Vermutungen."

"Gesicherte Beweise gibt es nicht"

Auch Professor Dr. Wilhelm Schänzer, Leiter des Biochemischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln, hält den Zusammenhang von Anabolikagaben und Infarkten oder Schlaganfällen für nicht beweisbar. Schänzer: "Es gibt allenfalls Hinweise, daß bei Anabolikakonsum langfristige Folgeschäden nicht auszuschließen sind. Aber gesicherte Beweise gibt es nicht." Das sieht Franke völlig anders: "Gefäßveränderungen sind bei Anabolikakonsum vorprogrammiert, das ist nachgewiesen. Sowohl Schlaganfälle als auch Infarkte können da nicht überraschen."
 


 International löste der Tod der legendären Athletin heftige Reaktionen aus, auch international präsentiert sich das Meinungsbild kontrovers. Der neunmalige Olympiasieger Carl Lewis sagte: "Sie war eine große Athletin, ich bin unendlich traurig." In seiner Autobiographie hatte er geschrieben: "In der Welt der Leichtathletik hatte die Meinung, daß Florence gedopt war, Allgemeingültigkeit." Hürdenläuferin Sandra Farmer-Pattrick brach in Tränen aus, als sie vom Tod Griffith-Joyners informiert wurde: "Ich kann das immer noch nicht glauben, sie war eine so große Athletin. Sie ist die Patin meiner Tochter Sierra. Ich habe Florence immer für ihren Mut und ihre Disziplin bewundert."

"Unerhörte Spekulationen"

Der US-Leichtathletik-Verband reagierte betroffen. Vorsitzender Craig Masback: "Florence Griffith-Joyner war eine bahnbrechende Athletin, sie war eine der größten Athletinnen, die die amerikanische Leichtathletik je hervorgebracht hat." Masback wandte sich gegen die "unerhörten Spekulationen": "Florence Griffith ist in der Saison 1988, in der sie ihre größten Siege errang, elfmal getestet worden. Und alle Ergebnisse waren negativ."

Nach Aussagen der Polizeibehörden in Los Angeles soll eine Obduktion von Florence Griffith-Joyner angeordnet sein. Eine endgültige Entscheidung sei aber Sache der Staatsanwaltschaft. Florence Griffith-Joyner hatte bereits 1996 einen ersten Schlaganfall erlitten. Bei den Trials für Olympia 1988 hatte sie in Indianapolis den Weltrekord über 100 m auf sagenhafte 10,49 Sekunden geschraubt. In Seoul ließ sie dann über 200 m in 21,34 Sekunden die nächste noch heute gültige Rekordmarke folgen. Zermürbt von fortgesetzten Dopingspekulationen trat sie 1989 von der Bühne des Spitzensports ab.

(Rhein-Zeitung 22.9.98)


 

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