Doping in der ehemaligen DDR

DDR-Doping (Planet Wissen)

Über eine besonders unmenschliche Art von Doping-Experimenten in der DDR hat die ehemalige Dresdner Schwimmerin Catherine Menschner berichtet. Die heute 31-jährige, die nach eigenen Angaben durch die damalige Doping-Einnahme stark gesundheitlich geschädigt ist, sei bereits als Neunjährige zusammen mit fünf anderen Mädchen in eine neugebildete Experimentierklasse der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Dresden aufgenommen worden. Zuvor waren Talente höchstens in der fünften Klasse an die KJS geschickt worden.

Die heute in Hamburg lebende Menschner prangert vor allem die skrupellosen Methoden an. Der Plan der Funktionäre sei nicht darauf aus gewesen, die junge Dresdnerin in internationale Spitzenbereiche zu führen. Das ahnungslose Mädchen sollte vielmehr eine Antwort auf die simple Frage liefern, wie früh kann man Schwimm-Talente hart belasten, um später optimale Ergebnisse erzielen zu können. Erst in der siebten Klasse hätte Catherine Menschner von einem reumütigen Trainer erfahren, "dass man sie mit Doping-Mitteln mästete". Doch die hochgezüchtete Rückenschwimmerin sei mit zwölf Jahren zu jung gewesen, um zu rebellieren.

Catherine Menschner, die zusammen mit Olympiasiegerin Rica Reinisch trainiert hatte, ist inzwischen ein medizinischer Problemfall. 18 Monate, trug sie ein Stützkorsett. Heute plagen die studierte Theaterregisseurin Unterleibsprobleme, eine tiefe Stimme und eine vergrößerte Lunge. Jahrelang hätte sie an Erstickungsanfällen gelitten. Sechs Fehlgeburten habe die 31-jährige inzwischen hinter sich, "auch wegen der hormonellen Probleme, die Doping-Pillen auslösen". 
("Wiesbadener Kurier" 6.12. 95)



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Die Bilanz ist erschütternd: Rund 30 Todesfälle hat es jährlich im Hochleistungssport in der DDR gegeben. Nach Recherchen des Sporthistorikers Giselher Spitzer wurde diese Statistik vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Im Deutschlandfunk erläuterte der an der Universität Potsdam arbeitende Wissenschaftler: "Die Aufstellung war manipuliert mit dem Ziel, Zahlen präsentieren zu können, die die des Westens nicht überstiegen. Nicht einbezogen wurden Todesfälle bei Armee, Polizei und Staatssicherheit sowie im Schulsport."

Trotz dieser Einschränkung führe die DDR-Statistik in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1984 und 1988 als Beispiel jährlich allein zwischen fünf und neun Todesfälle in der Altersgruppe zehn bis 20 Jahre. Bei den Gründen für diese hohe Zahl tödlich Verunglückter nennt Spitzer Indizien, wonach "einige Fälle auf die aufputschende enthemmende Wirkung von Dopingmitteln zurückzuführen" seien.

Männliche Sexualhormone wie beim Anabolikum Oral-Turinabol "wirken nicht nur auf die Muskeln, sie vergrößern auch Angriffslust und Risikobereitschaft und enthalten ein enormes Suchtpotential", so die Spitzer-Recherchen. Weiter wurden bewusst enthemmende Psychopharmaka wie Aponeuron oder Sydnacarp eingesetzt, beispielsweise im Fußball. Der Wissenschaftler, der an der Uni Potsdam für den Bundestag DDR-Doping und Stasi in einem Projekt des Kölner Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISP) erforscht, hat mysteriösen Todesfällen im DDR-Sport nachgespürt.

Ein Ergebnis dieser Untersuchungen: Der medizinische Befund des am 17. Januar 1973 gestorbenen 16 Jahre alten Leistungsschwimmers des SC Magdeburg, Jörg Sievers, habe eindeutige toxische Veränderungen an Leber, Milz und Nieren dokumentiert. Spitzer: "Solche toxischen Veränderungen sind typische Folgen von Langzeitmissbrauch oder Hochdosierung von Anabolika. Die Hinweise zur Trainingsmethodik des Jungen lassen außerdem die Vermutung zu, dass er nicht nach den zentralen Richtlinien gedopt, sondern in einem Menschenexperiment einer Belastungsprobe unterzogen wurde." 
(sid, 14.10.2001) 


Doping - Problemaufriss