Das Kleinhirn - Fertgkeitsspeicher für Sportbewegungen

   Die Fähigkeit, zielgerichtete Bewegungen situationsangemessen zu koordinieren,
   ist das Ergebnis von (sensomotorischen) Lernprozessen
 
"Sehr vereinfachend skizziert wird aus psychologischer Sicht eine Bewegungsaufgabe gelöst, indem nach Wahrnehmung einer zur Bewegung auffordernden Situation und den damit verbundenen Motivationsprozessen eine Bewegungshandlung erfolgt. Dabei hängt vor allem bei schnellen Bewegungen der Handlungserfolg davon ab, inwieweit Teile einer Bewegungsfolge ohne Beteiligung des Bewusstseins - gewissermaßen automatisch - ablaufen können. Demnach müssen zur Lösung sportlicher Aufgaben Bewegungsautomatismen (Fertigkeiten) verfügbar sein, deren Programme im "Unterbewusstsein" verankert sind.

Mit großer Wahrscheinlichkeit ist davon auszugehen, dass Programme für schnelle Bewegungen im Kleinhirn gespeichert werden. Das Kleinhirn ist ein Organ, das in viele Rückmeldungssysteme eingebaut ist und dadurch die sensomotorischen Programme kontrollieren kann. Bei Versuchen, neue Bewegungstechniken zu erlernen, laufen aus den dem Kleinhirn übergeordneten motorischen Zentren des Großhirns Impulse zu den Motoneuronen im Rückenmark, um die geplante Bewegung auszulösen. Die Bewegungsausführung wird dem Kleinhirn über die Kanäle der Sinnesorgane rückgemeldet und falls Programmierungsfehler vorhanden sind, greift das Kleinhirn ein, um die Leistung zu verbessern. Dieser Mechanismus kommt aber bei schnellen Bewegungen zu spät und reicht nicht aus, um die Kleinhirnfunktion bei schnellen und exakten Bewegungen zu erklären...

Bei der Koordination schneller, zielgerichteter Bewegungen ist das Kleinhirn bereits an der Programmierung beteiligt, wozu es durch die während der Lern- und Übungsprozesse gespeicherten Erfahrungen befähigt ist. Bei gekonnten Bewegungen entladen sich schon vor Beginn der Bewegung Kleinhirn-Neurone und beteiligen sich an der Modellierung des Endprogramms. Wenn also im Großhirn der Entschluss zur Bewegungsausführung entstanden ist, existiert ein äußerst rascher und zuverlässiger Informationswechsel zwischen Großhirn und Kleinhirn.

Das Großhirn kann keine Aktion in Gang setzen, ohne dass das Kleinhirn sofort darüber Bescheid weiß. Es gibt keinen Zweifel darüber, dass das Großhirn das Kommandozentrum ist, aber alle Instruktionen, die es zu den Motoneuronen des Rückenmarks feuert, werden unmittelbar in die gesamte Computermaschinerie der Kleinhirnrinde eingegeben. 

Es wird angenommen, dass der Input in der Kleinhirnrinde unter Einsatz ihrer Gedächtnisspeicher verarbeitet wird und nach weiterer Verarbeitung in den Kleinhirnkernen zur gleichen motorischen Region des Großhirns zurückgegeben wird (Eccles 1979, 168).

Von Neurophysiologen wird heute allgemein akzeptiert, daß intensive neuronale Aktivitäten Spuren im ZNS hinterlassen, die sich zunächst in sog. dynamischen Engrammen niederschlagen. Darunter versteht man eine neuronale Organisation im Gehirn, die auf einer spezifischen Musterbildung von Impulsübertragungen beruht, bis zu Stunden bestehen bleibt und nur kraft dieses anhaltenden strukturierten Vorgangs existiert.

Es wird davon ausgegangen, dass die an der Impulsmusterbildung beteiligten Synapsen in der dynamischen Engrammzeit für Folgereize besonders empfänglich sind. Für das Erlernen sporttechnischer Bewegungsfertigkeiten ist es wichtig, dass zur Stabilisierung eines als richtig bewerteten und damit speicherungswürdigen Bewegungsmusters der nächste Versuch erfolgt, bevor das dynamische Engramm erloschen ist. Dann nämlich "schleift" sich das Nervenimpulsmuster durch überdauernde Veränderungen der beteiligten Synapsen ein und wird zum bleibenden Engramm, psychologisch ausgedrückt: zum motorischen Gedächtnisbesitz."

(Martin u.a, S.68)

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