Bodycheck
— Wie viel Körper braucht der Mensch?lautet das Thema der Ausschreibung des Deutschen Studienpreises der Körber-Stiftung, die den Forschungswettbewerb zum dritten Mal für Studierende aller Fachrichtungen und Hochschulen ausschreibt. Einsendeschluss ist der 30. April 2001.
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Unser Körper: Beim nächtlichen Surf durchs Netz vergessen wir fast, dass wir einen haben. Erst wenn wir wieder auftauchen und spüren, dass die Augen brennen, der Nacken verspannt und der Rücken krumm ist, werden wir bußfertig und schleppen uns ins Fitnessstudio. So geht es hin und her zwischen Körpervergessenheit und Körperkult. Und während wir noch darüber nachdenken, wie wir unseren Frieden mit diesem Ding namens Körper machen können, wird andernorts längst über das "Verschwinden des Körpers" nachgedacht, an seinem Umbau gearbeitet — oder wahlweise auch seine "Wiederkehr" proklamiert. Was wir am besten zu kennen glauben, weil wir es selbst haben, steht neu zur Debatte: unser Körper. Die Selbstverständlichkeit, dass wir von Natur aus körperliche Wesen sind, gerät ins Wanken, die alte Überzeugung, aus seiner eigenen Haut könne man nun einmal nicht heraus, wird nicht länger fraglos hingenommen.Was ist überhaupt der Körper? Eine in etwa 1,7 Quadratmeter Haut eingehüllte Masse von durchschnittlich 70 Kilogramm Gewicht, die zu mindestens 50 Prozent aus Wasser besteht? Der Gegensatz zu Geist und Seele? Die Materialisation eines genetischen Bauplanes? Der Sitz unserer Empfindungen? Oder ein Rechtsobjekt, wie die Juristen meinen? Darf ihn die Wissenschaft wie andere Gegenstände zerlegen, vermessen und klassifizieren? Oder ist ihm nur ein "ganzheitliches" Verständnis angemessen? Gibt es so etwas wie den Körper vielleicht gar nicht, sondern jeweils nur historisch und kulturell bedingte Vorstellungen von ihm? Wäre demnach eine biologische Tatsache nur das Produkt unserer Ideen? Das scheint jeder Intuition zu widersprechen, klingt aber schon weniger abenteuerlich, wenn am Beispiel des Geschlechts verdeutlicht: Was ist hier Biologie und was sozial erzeugt? Was wird andererseits aus dem Körper, wenn er immer mehr aus Ersatzteilen oder künstlichen An- und Ausbauten besteht? Was bis vor kurzem als unabänderlich hingenommen werden musste, kann heute in rasant wachsendem Ausmaße vorherbestimmt und verändert werden. Von der pränatalen Diagnostik bis zu der schon realistisch gewordenen Vision des Klonens wachsen die Möglichkeiten menschlicher Eingriffe. Je nach Sicht scheinen diese Möglichkeiten faszinierend oder erschreckend zu sein, aber unweigerlich steht die Menschheit vor der Frage, ob der Mensch, so wie er jetzt ist, weiterhin das Produkt der Evolution bleiben muss oder ob sich dieser Prozess nicht abkürzen und verbessern lässt. Aber auch von einer ganz anderen Seite wird das alltägliche Körperverständnis in Frage gestellt: Was bedeutet es, wenn der Körper im Cyberspace verschwindet? Führt die Körperlosigkeit virtueller Welten dazu, dass wir zu Bioschnittstellen oder bloß zerebralen Anhängseln weltweiter Datenströme werden? Oder holt die Virtual Reality-Technik den Körper mittels tast- und temperaturempfindlicher Datenanzüge schon wieder zurück? Selbst Beobachtungen im Alltag zeigen vor allem Widersprüchliches.
Die Arbeitswelt scheint den Körper als entscheidenden Produktionsfaktor immer weniger zu brauchen, dafür treiben im Freizeitsektor ständig wildere Sensationen des Körperlichen hervor: Abenteuerurlaube bis an die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit, Risikosportarten oder Designerdrogen, die den ultimativen Kick versprechen, Doping im Leistungssport und Bodybuilding im Fitnessstudio, schrankenlose "Man gönnt sich ja sonst auch alles"-Philosophien im bunten Mix mit fernöstlichen Askesepraktiken. Kulturen und Gesellschaften produzieren nicht nur bestimmte Vorstellungen vom idealen Körper, sondern sie formen ihn in ihren Institutionen in einem ganz physischen Sinne. Fabrik oder Kloster, Schule, Krankenhaus oder Altersheim — all diese Einrichtungen beeinflussen körperliche Verhaltensweisen. In diesem Sinne ist der Körper ein Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse, gleichzeitig ist er aber auch deren Basis. Denn alle Beziehungen, zwischen Individuen ebenso wie zwischen Gruppen, haben nicht zuletzt eine körperliche Dimension. Wen wir gut riechen können, wer als Ranghöherer anerkannt wird und wem wir uns überlegen fühlen — die Verhältnisse im gesellschaftlichen Verkehr werden auch aufgrund körperlicher Merkmale geregelt. Vielleicht lautet die geheime Botschaft der Gegenwart: Unseren Körper haben wir nicht einfach, unseren Körper machen wir uns. Das Verhältnis zu unserem Körper verändert sich in kleinen, aber immer rascheren Schritten.
Immer weniger akzeptieren wir Krankheiten und Behinderungen als naturgegebene Einschränkungen unseres Lebens. Selbst der Tod gilt als prinzipiell aufhebbare Grenze. Selbstbestimmung heißt nicht mehr nur die Befreiung von sozialen Zwängen, sondern erstreckt sich zunehmend auch auf die Gestaltung der eigenen Verkörperung. Aber wie jede Freiheit Gestaltungsmöglichkeiten mit sich bringt, birgt sie auch neue Zwänge. Wenn Eltern körperliche Merkmale ihrer Kinder vorbestimmen können, wenn ich selbst meinen Körper wählen kann, entstehen ganz neue Verantwortlichkeiten. Verlierer in diesem Prozess könnten heute diejenigen sein, die diesem Ideal nicht entsprechen, die aus welchen Gründen auch immer nicht dazu in der Lage sind, ihrem Körper die Form zu geben, die als versteckte Bedingung vollständiger gesellschaftlicher Teilhabe gilt. Wäre hier also eine neue Runde von Ausgrenzung eröffnet, deren Kriterium wieder einmal körperliche Merkmale wären, wie es Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Krankheit oder Behinderung waren und sind? All diese Fragen und Entwicklungen sind brisant. Ob wir in der Zukunft in der Lage sein werden, unsere körperliche Gestalt hinter uns zu lassen oder weitgehend frei zu wählen, wie weit wir dabei gehen dürfen oder sollen, sind unentschiedene Fragen. Was unser Menschsein in Zukunft ausmacht, wird aber zentral davon abhängen, wie wir uns zu unserem Körper stellen. Und dabei bleibt der Körper doch ein ganz besonderer Gegenstand. Wer hat nicht schon in einer unpassenden Situation plötzlich lachen müssen, wer hat nicht schon, obwohl hundemüde, schlaflos wach gelegen? In diesen Momenten kommt die Vorstellung ins Wanken, unser Körper sei eine Maschine, die wir beliebig kontrollieren können. Und was bedeutet es, dass der Körper als Betrachtetes immer schon Teil dessen ist, der betrachtet? Kein Wunder jedenfalls, dass das Thema "Körper" uns in jeder Hinsicht nahe geht, denn noch markiert der Körper die Grenze, die uns von der Welt und von anderen trennt, aber auch mit beiden verbindet. "Wie viel Körper braucht der Mensch?" — dieser Frage forschend nachzugehen, lädt der Deutsche Studienpreis Studierende aller Fächer im In- und Ausland ein. Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Einsichten, auf Einsendungen, die die engen Grenzen eines Faches überschreiten und die sich gleichzeitig um Praxisrelevanz und Verständlichkeit bemühen.
Kurz: Wir freuen uns auf Ihre originellen Wettbewerbsbeiträge zum Thema "Bodycheck"!
Einsendeschluss ist der 30. April 2001.
Weitere Infos unter
www.studienpreis.de