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Aktuelle Meldungen rund um den Schulsport
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Im Mittelpunkt stehen Beiträge, welche die Bedeutung des Sports
in der Schule bearbeiten und Hinweise auf innovative Projekte geben.


aktuelle Beiträge
 
25./30.1. 2003

VDS-Schulsporttagung „Vom Lieblingsfach zum Stiefkind“

„Vom Lieblingsfach zum Stiefkind – Analysen und Perspektiven zum Schulsport in Deutschland“
 lautete das Thema eines Forums zum Schulsport, zu dem der Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) renommierte Fachleute aus Sportwissenschaft, Sportverbänden und Politik sowie Sportpraxis eingeladen hatte.

Eine kritische Bestandsaufnahme der Schulsportsituation und die besonderen Förderungsmöglichen durch Bewegung, Spiel und Sport waren Schwerpunkt der Veranstaltung.

"Sportunterricht.de" dokumentiert Teile dieser Tagung anhand der Berichterstattung der "Westfälischen Rundschau" (Meinerzhagen). Besonderer Dank gilt  Ronald Pfaff (Sportredakteur der Westfälischen Rundschau), der uns die verschiedenen Artikel zur Verfügung gestellt hat.
 
 
 


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30.1.  Westfälische Rundschau /Meinerzhagen

Eine frühe Spezialisierung verhindert den Spitzensportler

"Es gibt kein anderes Fach, das in seiner Fördermöglichkeit so vielseitig ist wie der Schulsport", macht sich Professor Dr. Dietrich Kurz (Uni Bielefeld) stark, räumt aber auch ein: "Das kann ein Vorteil sein, doch liegt darin auch die Schwere der Aufgabe."

Beim Schulsportforum des Verbandes Deutscher Sportjournalisten in Münster redete sich Kurz mit zunehmender Zeit sogar in Rage. Denn im Schulsport liegt für Kurz eine ganz wichtige pädagogische Perspektive: "Am Sport kann man Probleme erfahren und lernen damit umzugehen. Sportunterricht bietet die Chance für das Erlernen des sozialen Miteinanders. Das Fach Sport macht aus Theorie die Praxis."

Für Kurz bleibt die Forderung nach der täglichen Sportstunde ein Muss. "Im Vergleich zu den 70-er und 80-er Jahren geht es dem Schulsport heute nicht mehr so gut. Das hat seine Gründe in der personellen Besetzung und in der Ausstattung. Doch im internationalen Vergleich steht Deutschland immer noch gut dar."

Gründe gibt es für den Sportwissenschaftler aus Bielefeld reichlich, den Schulsport aufzuwerten. "Auch Noten und Zensuren sind in diesem Fach wichtig, weil ein Fach ohne Noten verliert an Wertigkeit - auch im Lehrerkollegium", betont Prof. Dr. Dietrich Kurz, der in Münster auch über die vom DSB anberaumte und von der Kultus-Minister-Konferenz bestätigten Schulsport-Untersuchung Kritik übte.

"250000 Euro für eine solche Untersuchung zu veranschlagen, sind ein Witz. Aber immerhin dennoch ein Anfang", so Kurz, der darin aber nicht die Antwort auf Pisa sieht, weil im Vergleich dazu der Leistungstest fehlen wird.

"Wer dieses Niveau nicht erreicht, dem wird in Zukunft dieses passieren", fasste Kurz Sinn und Zweck der Pisa-Studie für die naturwissenschaftlichen, sprachorientieren Fächer zusammen. "Doch", so der Professor weiter, "im Fach Sport ist dieser Anspruch allenfalls im Bereich Gesundheit möglich." Daher muss der Sportunterricht auch motivieren, dass Kinder Spaß und Freude an der Bewegung finden. Prof. Dr. Kurz verwahrte sich aber dagegen, dass der Schulsport das Feld der Talentförderung werden kann: "Er kann nur der Talentsichtung dienen."

"Eine frühe Spezialisierung wird nie einen wirklich guten Spitzensportler hervorbringen", stellte Kurz eine These vor, die vor allem auch den Deutschen Fußballbund gerichtet ist: "Es ist ein gesellschaftlicher Skandal wie sich der reichste Verband um seinen Nachwuchs bemühlt. Was wird sein, wenn der deutsche Fußball mal auf seinen eigenen Nachwuchs setzen muss?"

Daher ist für Kurz wichtig, dass der Schulsport sich der ganzen Leibeserziehung widmet, auch wenn das Wort veraltet klingt.

Ronald Pfaff

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"Stille Post" hing bei Unkoordinativen

 "Beim Spiel Stille Post blieb die Nachricht genau bei dem Schüler hängen, der zuvor auch koordinative Schwierigkeiten hatte." Professor Dr. Dietrich Kurz erkannte in der Praxis nicht nur als Einziger Zusammenhänge, sondern sah sich in seinen Thesen zum Schulsport auch bestätigt.

Zum Schulsportforum in Münster gehörte auch die Praxis in Form des Besuchs einer Sportstunde der 2. Klasse der Gemeinschaftsgrundschule Berg Fidel. "Unsere Schule liegt im sozialen Brennpunkt der Stadt. Unsere 220 Schüler kommen aus 22 Nationen", erläuterte Schulleiter Dr. Reinhard Stähling vor Beginn einer eindrucksvollen Sportstunde.

62 Jahre und kein bisschen müde - Sportlehrer Becker hat sich den Sportunterricht zur Leidenschaft erkoren und vergibt eine Menge Herzblut in diesen. Die Kinder spiegeln jedoch seine Einstellung wider, denn die 45-minütige Sportstunde hinterließ bei den Betrachtern tiefsten Eindruck.

"Das war heute eine sehr intensive Bewegungsstunde", fasste Sportlehrer Becker den Unterricht zusammen, der unter dem Oberbegriff "Was macht ein Postbote" stand. Dafür erntete er auch von Sportwissenschaftler Kurz höchstes Lob: "Es war eine vorbildliche Bewegungsstunde in einer fröhlichen Atmosphäre, in der auch Ruhephasen eingebaut waren."

In dieser Phase rückten die Kinder - Mädchen und Jungen - eng aneinander und schickten die "Stille Post" durch ihre Reihen.

Danach folgte wieder die Bewegung und Durcheinander. Und hatte es auch den Anschein von Chaos (um Shakespeare zu zitieren), so hatte dieser Unterricht doch sehr viel Methode.

Der Auszug aus dem Schulprogramm untermauert den Stellenwert des Schulsports: "Da Bewegung wichtige Voraussetzung allen Lernens ist, bieten wir vielfältige Bewegungsmöglichkeiten an: In der Turnhalle und auf dem Sportplatz, in der Klasse, auf dem Schulgelände, auf dem Spielplatz und bei Schulfesten. Um die Freude am Bewegen zu erhalten, spielt bei uns der Wettkampfgedanke eine geringe Rolle."

Dabei ist es der Schule wichtig, dass Kinder ein Gefühl für den eigenen Körper entwickeln, in Rhythmik und Tanz ihre Empfindungen ausdrücken können, Spielfreude und Regelbewusstsein in der Gemeinsamkeit erleben, eigene Ideen für Bewegungen entwickeln, Anregungen für die Freizeit mitnehmen und Anstrengungsbereitschaft als lohnend erfahren sowie Freude an sportlicher Leistung empfinden.

Ein völlig anderes Beispiel bot das Berufskolleg für Technik in Ahaus. Hier steht der Sportunterricht von Rolf Engels, einem ehemaligen Leistungssportler, unter dem Aspekt: Gesundheitsbewußt handeln, mit beruflichen Belastungen umgehen lernen und Ausgleichschancen wahrnehmen.

Das Projekt "Trioning" wurde hier entwickelt mit den Schwerpunkten: Verbesserung der Beweglichkeit, Verbesserung der Ausdauerfähigkeit sowie Haltungsverbesserung, Muskelaufbau und Trainingsprinzipien.

Die Schlosser-Lehrlinge verbanden berufliche Ausbildung mit Nutzwert. Das Ergebnis war ein eigener Fitnessraum mit selbst erstellten Geräten, die an nichts mangeln ließen. "Das war fächerübergreifender Unterricht mit Motivation für demotivierter Schüler - letztlich auch eine Hilfe zur Selbsthilfe als Rüstzeug für sportives Handeln", erklärte Rolf Engels, der auch im Kollegenkreis erst gegen Windmühlen kämpfen musste. Doch die Mechatroniker - so heißt der Ausbildungszweig - danken diesem Konzept mit großer Begeisterung und wenigen Fehlstunden.


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Kritik an Lehrerausbildung

Würden Grundgesetz (Artikel 7) und die Schulgesetze der Länder zweifelsfrei klären, dass der Elementarbereich zum staatlichen Bildungssystem gehört, dann wäre nicht nur die Bezahlung von Kindergartenplätzen - spätestens nach PISA ein Anachronismus, den sich Deutschland nicht mehr leisten kann - vom Tisch, sondern auch die institutionelle Ungleichbehandlung von Elementar- und Primarstufe.
"Verheerende Zustände an den Schulen beklagt" und "Nach dem Referendariat arbeitslos", das sind dicke Überschriften aus vielen Regionalzeitungen aus der ersten Julihälfte 2002. Die KMK-Präsidentin versprach in ihrem Statement: "Wir wollen die Professionalität der Lehrtätigkeit verbessern, insbesondere im Hinblick auf diagnostische und methodische Kompetenz als Bestandteil systematischer Schulentwicklung."
War Schulentwicklung bisher kein Thema der Lehrerbildung? Fehlende Zielvorstellungen, eine unsichere Basis und ständige Veränderungen der Rahmenbedingungen haben Schul- entwicklung zu einem Reizthema bei allen Betroffenen gemacht. Kontinuierliche Schulentwicklung verstellt gelegentlich den Blick für die Praxis des Schulalltags.
In den letzten zwanzig Jahren haben alle Bundesländer Zigtausende von Lehrkräften ausgebildet, die niemals in den Schuldienst gelangt sind. Das bedeutet zum ersten, dass Hunderte von Millionen Mark in den Sand gesetzt wurden, und zum anderen, dass moderne Ausbildungsinhalte überhaupt nicht mehr in die Schulen gelangt sind, und zum dritten, dass die Altersstruktur der Lehrerschaft völlig unausgewogen ist.
Vor zwei Jahren machte der abrupte Übergang von jahrzehntelanger Lehrerarbeitslosigkeit zu akutem Lehrermangel Schlagzeilen, was inzwischen dank neuer Hiobsbotschaften längst vergessen ist. Muss das so sein?
Der Lehrerbedarf hat einen prognosefreien Vorlauf von wenigstens sechs Jahren. Die zweiphasige Lehrerausbildung besteht aus einem sieben- bis achtsemestrigen Studium an einer Hochschule und dem zweijährigen Referendariat an einem Seminar für Schulpädagogik. Beide Phasen sind seit ihren Anfängen vor einem halben Jahrhundert institutionell nicht verbunden. Das bedeutet, dass das heute üblicherweise sechs und mehr Jahre dauernde Stu-dium und die nachfolgende schulpraktische Ausbildung, die bis 1999 bundesweit auf 24 Monate festgelegt war, weder inhaltlich, noch im Ablauf, noch in der Zielsetzung Verbindung miteinander haben, noch aufeinander bezogen sind. (Dies gilt in dieser schroffen Form nicht für die exotischen Länder, die noch Pädagogische Hochschulen haben.) Das mit dem ersten Staatsexamen (= Wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt) abgeschlossene Studium wird erst gültig, wenn auch das Referendariat erfolgreich mit dem zweiten Staatsexamen (= Pädagogische Prüfung für das Lehramt) abgeschlossen worden ist. Der Absolvent ohne Referendariat hat daher keinen validen Hochschulabschluss.
Das Fächerstudium an Universitäten verlängert die Lehrerausbildung seit eh und je unkalkulierbar. Es ist aus prinzipiellen Gründen - ein Universitätsstudium ist keine Berufsausbildung - auf zukünftige Lehrertätigkeit nicht ausgerichtet und daher zeitlich nicht zu strukturieren. Die didaktische, pädagogische und psychologische Ausbildung mit praktischem Bezug zum Unterricht hat allein das Referendariat zu leisten.

Die schulpraktische Ausbildung, das Referendariat, wird seit vielen Jahren je nach Gusto und Finanzlage des jeweiligen Bundeslandes manipuliert, zum einen durch ständige Veränderung des zeitlichen Umfangs, zum anderen durch Ausdehnung des eigenverantwortlichen Unterrichts der Auszubildenden zur Behebung des Lehrermangels. Seit 1999 hat die KMK den zeitlichen Umfang des Referendariats "zur Erprobung neuer Modelle" ins Belieben der Bundesländer gestellt, was auf breiter Front zur Verkürzung des Referendariats von 24 auf 18 Monate führte.

Die Erziehungswissenschaft kritisiert seit langem beides, das Studium und das Referendariat der Lehrerausbildung. Ihre eigenen Vorschlägen überzeugten aber bisher niemanden.

Die aktuelle Lehrerausbildung in Deutschland ist nicht nach Bedarf steuerbar. Sie ist in ihrer zeitlichen Ausdehnung unkalkulierbar. Die formalrechtliche Verbindung der beiden Phasen verhindert eine Neuorientierung nach dem Ersten Staatsexamen und zwingt die Länder zur Bereitstellung der Referendarausbildung, auch wenn keine Lehrkräfte gebraucht werden. Diese Struktur verursacht die Finanzierung vorhersehbarer akademischer Arbeitslosigkeit. Trotz einer in den letzten fünfzig Jahren völlig veränderten Schullandschaft, bezogen auf die Schülerzahl, die Anforderungen an die Lehrkräfte und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, halten alle Bundesländer seit Bestehen der Bundesrepublik an dieser in Europa einzigartigen Lehrerbildung fest. Auch der Abschlussbericht der KMK-Kommission Perspektiven der Lehrerbildung in Deutschland von 1999 führt nicht weiter. Es werden letztlich die leeren Kassen der Bundesländer sein, die Bewegung in die Lehrerbildung bringen werden.

Ganztagesschulen - oder was? Was wirklich Geld kostet sind Ganztagesschulen, nicht die Betreuung von Kindern in Schulhäusern. Das fängt beim Bau geeigneter Immobilien an und hört bei deren Wartung und Haltung auf. Wer glaubt, dass man Lehrkräfte und Eltern für dieses Unternehmen kostengünstig einspannen kann, der baut auf Sand. Die Unterhaltung weithin autonomer Schullandschaften kann man nicht nach dem bisherigen Schema bewältigen. Die Veränderung der Bildungslandschaft - von der Halbtages- zur Ganztagesschule - macht eine völlig neue Finanzplanung zwischen den Ländern und bisherigen oder jeder Art von zukünftigen Schulträgern erforderlich.

Die aktuelle Finanzsituation der Kommunen und die seit Jahren aufgeschobene Überholung von Zehntausenden deutscher Schulen und dazu gehörender Anlagen zeigt klar, dass man hier nichts mehr drauf packen kann.

Hansjörg Kofink

(ehemaliger Präsident und jetziger Ehrenpräsident des Deutschen Sportlehrerverbandes).


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Prof. Hübner: Im Schulsport Risiko achten

 "Der Schulsport besitzt die Aufgabe, die Entwicklung der Schüler durch Bewegung, Spiel und Sport zu fördern und die Bewegungs-, Spiel- und Sportkultur zu erschließen", forderte Professor Dr. Horst Hübner (Bergische Universität Wuppertal) beim Schulsportfourm in Münster.

Denn die im Bereich des Schulsports arbeitenden Sportwissenschaftler verweisen darauf, dass nicht jeder Sport gesund ist und dass der Schulsport verantwortungsvoll und sicher betrieben werden muss. Hübner: "Von daher gelangt die zweite Seite der Medaille in den Blick: die Risiken und Schädigungspotentiale, die alle Bewegungsaktivitäten beinhalten."

Für den Verkehrsbereich, für den Haushalts- und Freizeitbereich und für den Schulsport liegen umfangreiche Datenbestände und fundierte Studien über das Unfallgeschen vor. Die führende Forschungsstelle im Bereich der schulsportlichen Unfall- und Sicherheitsforschung beschrieb die Lage wie folgt:

Relative Unfallzahlen stagnieren

"Seit 1997 bewegt sich die Anzahl der Unfälle, die sich im Sportunterricht allgemeinbildender Schulen in der Bundesrepublik Deutschland pro Jahr ereignen, um die Marke von 700000. Trotz intensiver Bemühungen ist ein spürbarer Rückgang der Unfallzahlen im Schulsport noch nicht erreicht worden. Die relativen Unfallzahlen (1000 - Mann - Quote) stagnieren im Bundesgebiet seit dem Beitritt der neuen Bundesländer auf einem Niveau von 39 bis 42 Unfällen je 1000 Schülern. Auch der Anteil des Sportunterrichts am gesamten Unfallgeschehen im Bereich der Schule verharrt in den letzten fünfzehn Jahren mit nur geringen Schwankungen bei einem Wert von ca. 50 Prozent."

Risiko und Sicherheit, Wagnis und Verantwortung stellen wertvolle Themen eines zeitgemäßen Sportunterrichts dar. "Denn", so Hübner, "der Schulsport bietet einzigartige Möglichkeiten zum Erwerb lebenslang notwendiger Sicherheitskompetenzen."

Im Jahr 2001 passierten rund 1,44 Millionen Unfälle in deutschen Schulen, darunter waren 20 Tote. Die genaue Aufgliederung zeigt die Schwerpunkte der 1,44 Millionen Unfälle auf: im Unterricht 246000, in der Pause 44000, im Sportunterricht 678000.

Initiative "Mehr Sicherheit im Schulsport"

Deshalb gibt es in NRW die Initiative "Mehr Sicherheit im Schulsport". Dennnoch hat jeder statistischer Wert auch seine offenen Seiten. Denn Unfälle in Schulen werden grundsätzlich alle gemeldet, weil der Versicherungsschutz für die Schüler sehr gut ist.

"Der Großteil der Verletzungen hat aber eher eine mindere Schwere", so Hübner, der sich auf die Untersuchungen berief. Dabei stellte der Wissenschaftler aber auch klar: "Aggressionen spielen bei Unfällen im Schulsportunterricht eine kleine Rolle. Nur bei etwa 10 Prozent ist ein solcher Faktor zu erkennen. Fehlende Aufmerksamkeit oder Motorikmangel haben hier durchweg höhere Stellenwerte. Bei Unfällen auf dem Pausenhof sieht die Bewertung der Aggressionsursache anders aus."

Weitere Informationen können auch im internet nachgelsen werden. www.uniwuppertal.de
 



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25.1.  Westfälische Rundschau /Meinerzhagen

 Schulsportforum des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS)

"Kinder leben heute in einer Sitzwelt"

"Mehr Bewegung", da ist Professor Dr. Klaus Bös (Karlsruhe) sicher, "verbirgt viele Chancen: die biologische, die gesundheitliche, die emotionale und die gesellschaftliche."

Der Leiter des Instituts für Sport und Wissenschaft an der Universität Karlsruhe forderte daher auf dem 1. Schulsportforum des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) in Münster die "bewegte Schule". Denn guter Schulsport und zusätzliche Bewegungsangebote in der Schule nehmen auch die Aggressionen auf dem Pausenhof.

Denn in den wissenschaftlichen Untersuchungen der Uni Karlsruhe konnten Bös und seine Mitarbeiter feststellen, dass die Bewegungswelt der Kinder von heute zur Sitzwelt geworden ist: Liegen etwa 9 Stunden, Sitzen 9 Stunden, Stehen 5 Stunden und Bewegen eine Stunde. "Die intensive Bewegung ist sogar auf 15 bis 30 Minuten beschränkt", betonte Professor Dr. Klaus Bös, der die dramatische Veränderung der Bewegungswelt anmahnt. Denn Motorikprobleme und funktionelle Defizite steigen gravierend.

In einem Vergleich von 10-jährigen Schülern, die zu einem Test - ähnlich dem Münchner Fitnesstest wie er von rund 1000 Schülern in Meinerzhagen absolviert wurde - herangezogen wurden, gab es bei den Absolventen von 1976 und 1996 starke Defizite. Im Durchschnitt erreichten die Kinder 1976 bei Rumpfbeugen einen Wert von 2,96 im Plusbereich. Zwanzig Jahre später sank das Durchschnittsergebnis der Probanten auf minus 3,43. Damals kamen die Schüler in einem 6-Minuten-Lauf 1024 Meter weit, 1996 war bei 876 Meter bereits Schluss.
 


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 "Toben macht schlau": These mit Wirkung

 "Toben macht schlau" - mit diesem Artikel hat Professor Dr. Renate Zimmer (Osnabrück) bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt.

Die Wissenschaftlerin hat an der Universität Osnabrück den Forschungsschwerpunkt "Frühkindliche Motorik" aufgebaut. Professor Dr. Zimmer: "Die Lebensbedingungen unserer hochtenisierten und mediengeprägten Gesellschaft bieten Kindern und Jugendlichem kaum noch die Möglichkeit, körperlich-sinnliche Erfahrungen zu machen."

Für sie ganz klar der Grund dafür, das eine Begrenzung des Erlebens und der eigenen Kreativität vorgezeichnet ist, und Bewegungsauffälligkeiten und Wahrnehmungsstörungen bereits im Kindergartenalter sind die Folge: "Es ist daher dringend geboten, nicht nur in Kindertagesstätten und Schulen, sondern auch in der Freizeitgestaltung und der Spielraumplanung den Wunsch der Kinder nach Spiel, Sport, Spaß und Bewegung wieder stärker einzubinden."

Professor Zimmer liebt die klaren Worte und Vergleiche: "Der früher oft kritisierte Laufstall ist doch noch ein Bewegungsparadies für Kleinkinder im Vergleich zum heutigen Baby-Safe!" Denn auf dem modernen Sitz ist stillsitzen angesagt, passend zu jedem Ort und jeder Gelegenheit. Der Laufstall bot hingegen die Möglichkeit zu krabbeln, sich am Geländer hochzuziehen, zu spielen oder gar durch die Gitter hindurchzugreifen.

"Bewegung ist nicht nur ein Hobby, das bei Bedarf im Sportverein betrieben wird. Spiel, Sport und Spaß sind vielmehr Grundvoraussetzung für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung der Kinder. Schon jetzt ist ein großer Teil von Verhaltensstörungen, Konzentrationsmängeln und Haltungsschäden auf Reizüberflutung durch die Medien und unzureichende Körper- und Bewegungserfahrungen von Kindern zurückzuführen, und diese Entwicklung wird sich in Zukunft noch weiter verschärfen."

Ihre Behauptungen belegt die Professorin mit einem an verschiedenen Kindergärten in Niedersachsen standardisierten Test: Rund 10 Prozent sind die Daten schlechter geworden als vor 15 Jahren. Hauptmangelpunkte: Koordination und Bewegung.

"Kinder stark machen" - ein Vereinsprogramm das Schule machen sollte. Dr. Harald Schmid, ehemaliger Spitzenathlet über die Hürden- und Sprintdistanzen, präsentiere in Münster sein Programm und stellte dies unter die Fragestellung, ob auch die Schulen bei diesem Vereinsprojekt Ansprechpartner sein können.

Trainer-Stellenwert

"Es würde ja nahe liegen. Denn alle Kinder gehen in die Schule, aber allenfalls 75 Prozent sind über die Vereine zu erreichen", so Schmid.

Doch die Befragungen der Betroffenen erbrachten eine interessante Erkenntnis: Die Kinder haben die Trainer in den Vereinen höher eingeschätzt als die Lehrer - als Bezugsperson, Vorbild und Vertrauter. Ein Plädoyer ist aber auch an die Vereine damit verbunden: Denn die Fortbildung der Vereinstrainer kann die Zukunft bedeuten.

Harald Schmid bietet sein Projekt "Kinder stark machen" im übrigen allen Vereinen an. Interessenten können anrufen unter: 06055/82155.
 

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Lobby schaffen für geändertes Verständnis

Gegen das Referatsthema "Hausaufgaben" wollte Renate Hendricks, Vorsitzende des Bundeselternrates, beim Forum "Schulsport" in Münster sich verwehren. "Die Rolle der Eltern beim Schulsport und zu Hause wäre mir schon lieber", korrigierte die Aachenerin, die bis zu ihrem Ehrenamt selbst die Leitung eines Sozialen Dienstes einer Werkstatt für Behinderte inne hatte, und zudem auf das Studium der Sozialpädagogik und der Psychologie verweisen kann.

Renate Hendricks, engagierte Sprecherin der Elternschaft auf Bundesebene, kämpft seit Jahren um die Verbesserung der Bedingungen im Schulsport, doch setzt sie schon vor dem Schulbeginn an: "Die Grundschule ist eigentlich schon zu spät, denn die Bewegung muss mit dem Tag der Geburt beginnen."

Schon vor längerer Zeit monierte der Bundeselternrat die Praktiken im Schulwesen. Seiner Meinung nach haben sich die unterrichtlichen Voraussetzungen an den Schulen verschlechtert. Regelmäßiger Sportunterricht sei nicht mehr in allen Schulformen gesichert, da auch in einigen Bundesländern die Stundentafeln im Bereich Sport gekürzt wurden.

Der Bundeselternrat in einer Erklärung wörtlich: "Dies hat weniger mit Überzeugung zu tun als vielmehr mit der Untertunnelung des noch immer anstehenden Schülerbergs, durch den sich die Kultusminister der Länder zu Einsparmaßnahmen im Schulbereich gezwungen sehen. Einsparungen werden in der Regel dort vorgenommen, wo der vermeintlich geringste Protest zu befürchten ist. Aufgrund einer Prioritätenverschiebung, die nicht zuletzt durch die internationalen Schulvergleichstests mit dem schlechten Abschneiden Deutschlands stattgefunden hat, wird derzeit die Forderung nach mehr und besser unterrichteten Kernfächern laut."

Der Bundeselternrat hat diese einseitige Entwicklung stets abgelehnt. Denn Schule muss nach Elternmeinung mehr als die Vermittlung von Mathematik, Deutsch, Fremdsprachen und Naturwissenschaften sein. Gerade der Sportunterricht könnte eine wesentliche integrierende und präventive Funktion in der Schule haben.

"Es fehlt an vielem", fasst Renate Hendricks wie folgt zusammen: "Bewegung an Schulen, Gesundheitsbewusstsein, Sportlehrern, Sportstätten. Und vor allem hat Sport an den Schulen keine Priorität."

Eltern in der Pflicht

Daher nimmt Renate Hendricks auch die Eltern in die Pflicht und stellt fünf Forderungen für die auf, die sie zur Sprecherin gewählt haben: Motivieren und Bewegungsanlässe schaffen, Vertrauen in die Bewegungsfähigkeit der Kinder haben, Kinder selbstständig werden lassen, selbst Vorbild sein. "Aber Eltern benötigen auch mehr Infos und Anleitung - Stichwort: Parenting!" Mit gutem Beispiel geht die fünffache Mutter voran: Der Schulweg wird zu Fuß vorgenommen, das Auto bleibt stehen und fährt das Kind nicht bis in die Eingangstür.

"Es muss eine Lobby geschaffen werden für ein verändertes Verständnis des Sportunterrichts, zugleich muss die Schule von den Eltern auch kritisch begleitet werden. Ich sehe auch in der Ganztagsschule eine Chance eines veränderten Sportverständnisses", hält die Bundeselternrat-Vorsitzende die Kommunikation für Eltern und Schulen für unausweichlich.

 Von Ronald Pfaff



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25. 1. Weserkurier

Kann der Sport dem Schulsport helfen?

Defizite im Unterricht bekannt, Lösungen aber vakant

Bremen. „Der Schulsport in Deutschland ist krank, sein Zustand katastrophal!“ Das behauptet der Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen. „Nein!“, widerspricht Klaus Paul, Referatsleiter Schulsport im hessischen Kultusministerium und Vorsitzender der deutschen Schulsport-Stiftung vehement. „Der Schulsport wird nur schlecht geredet.“

Und Paul erfährt Unterstützung von seinem Bremer Kollegen Christian Hannig, Oberschulrat und Schulsport-Referent, der für Bremen ergänzt: „Wir haben zwar Probleme und Defizite, die meisten sind erkannt, wir arbeiten an deren Beseitigung.“ Als da sind: Zu wenig Sportunterricht, häufiger Ausfall der Sportstunden, überalterte Lehrerschaft, Mängel in der Ausbildung und wenig kindgerechte Sportanlagen.

Es sei, so erläutert Hannig, schon sehr viel auf den Weg gebracht worden. „Zufrieden allerdings können wir mit dem Erreichten längst nicht sein.“ Immerhin hätten die Schulbehörde, die Mehrzahl der Schulen, aber auch Eltern und auch der Landessportbund erkannt, dass es höchste Zeit sei, gegenzusteuern. Und zwar dem Trend, der sich bei Bremer Schülern deutlich zeigt:

Immer mehr Kinder sind übergewichtig.
Immer mehr haben motorische Mängel.
Immer mehr Kinder können nicht rückwärts laufen oder auf einem Bein hüpfen.

Bundesweite Reihenuntersuchungen haben ergeben, dass rund 40 Prozent der schulpflichtigen Kinder im Alter von fünf und sechs Jahren Sprach- und Verhaltensstörungen aufweisen, Hörschwächen beklagen oder einen nur eingeschränkten Bewegungsapparat besitzen.
In Bremen wiesen nach Erkenntnissen des Schulärztlichen Dienstes bei den Einschulungs-Untersuchungen des Jahrgangs 2000 rund vier Prozent der Kinder grobmotorische Auffälligkeiten auf, weitere acht Prozent hatten entsprechende Einschränkungen, die entsprechende Behandlungen erforderlich machten. Es gibt bundesweite Erkenntnisse, dass sich die Zahl der Auffälligkeiten deutlich erhöht habe.
Experten machen dafür ein stark verändertes Freizeit-, Bewegungs- sowie Ernährungsverhalten verantwortlich. Konnten früher die Kinder noch auf Straßen, Plätzen oder Schulhöfen unbeschwert toben, schränken heute der Straßenverkehr und zahlreiche Verbote den Bewegungsdrang der Kinder ein. Hinzu kommt, dass die elektronischen Medien die Kinder in ihren Bann ziehen. Fernsehkonsum schon am frühen Morgen, regungsloses Verharren vor der Glotze und eine fast totale Auto-mobile Mobilität sorgen dafür, dass sich immer mehr Kinder immer weniger bewegen.
 

Toben macht schlau

Dabei ist ausreichende Bewegung gerade im frühkindlichen Stadium das Wichtigste für die Entwicklung. Und zwar nicht nur für die körperliche, sondern auch geistige. „Toben macht schlau“, befindet auch Renate Zimmer, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Uni in Osnabrück. Kognitives Lernen allein reiche nicht aus, um bei dernächsten PISA-Studiebesser abzuschneiden. Bewegung müsse in die Sache kommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn viel Bewegung im frühkindlichen Alter fördere die Synapsen-Bildung im Gehirn. Und diese Verbindungen der Nervenzellen des Hirns seien schließlich dafür verantwortlich, dass „Denke“ überhaupt zustande komme.

Hier allerdings stehen die Schulen vor einem Dilemma. Denn der Schulsport setzt ja frühestens im ersten Schuljahr ein. Also, wenn die Kinder etwa sechs Jahre alt sind. „Zu spät“, findet nicht nur Christian Hannig. Sport und Bewegung müssten schon früher vermittelt werden. „Hier sind eben die Eltern und auch der freie Sport gefragt.“

Und genau hier, im frühkindlichen Bereich, kann der Sport den Schulsport unterstützen. Einsetzend mit dem Mutter-und-Kind-Turnen. Und fortgeführt in den Kleinkindergruppen im Verein, wie sie beispielhaft und vorbildlich im „Bewegungsparadies“ am Baumschulenweg bei Bremen 1860 praktiziert wird. Toben ist erlaubt!

Hier sind, kein Zweifel, alle Vereine gefragt, entsprechende Angebote zu machen. „Es ist schon viel getan worden, Aber niemand kann die Eltern von kleinen Kindern in die Vereine zwingen. Wir können nur an deren Vernunft appellieren und informieren, welche Defizite sie bei ihren Kindern heraufbeschwören, wenn sie deren Bewegung nicht entsprechend fördern und fordern“, spricht Landessportbund-Präsidentin Ingelore Rosenkötter für Vereine und Verbände.

Aber auch im Kindergartenbereich gibt es noch viel zu tun. Denn immer jünger sind die Kids, die in den entsprechenden Einrichtungen „abgegeben“ werden. Auch die Erzieherinnen in den Kindergärten müssen, so fordern die Experten, stärker für das Problem sensibilisiert werden. In der Ausbildung der Erzieherinnen müssten bereits Sport-Schwerpunkte gesetzt werden.

Nach Expertenmeinung ist allerdings die aktive Unterstützung durch Übungsleiter für den klassischen Schulsport weniger bis gar nicht geeignet. „Denn es bedarf doch einer weitreichenden pädagogisch-didaktischen Ausbildung, um mit Schulkindern Schulsport betreiben zu können“, warnt Dietrich Kurz, Professor für Sportwissenschaften an der Uni Bielefeld sogar. Sportpraktische Kenntnisse allein reichten nicht. Denn das Fach „Schulsport“ sei besonders vielfältig in den Förderungsmöglichkeiten. Es vermittle nämlich nicht nur die reine Bewegung oder Regeln, sondern insbesondere auch die Sozialerziehung. Der freie Sport könne hier höchstens begleitend mitarbeiten. Für Kurz beantwortet sich die Frage „Kann der freie Sport dem Schulsport helfen?“ daher mit einem gedehnten „Jein“.



 

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Südwestpresse 25.1.

Schulsport

DSB-Präsident von Richthofen beurteilt Lage als katastrophal, sieht aber Hoffnungsschimmer
Druck auf Bundesländer mit Olympia-Bewerbung
 

Kürzlich hatte Manfred von Richthofen ein Schlüsselerlebnis. Als nämlich die hessische Kultusministerin Karin Wolf bei ihrer Antrittsrede als Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) den Schulsport vergaß, war es um die Ruhe des deutschen Sportführers geschehen. "Sie hat den Sport nicht mit einer Silbe erwähnt. Ich finde, das ist ein unglaublicher Vorgang": Mit harscher Kritik reagierte der DSB-Präsident beim Schulsportforum des Verbandes Deutscher Sportjournalisten in Münster.

Richthofen verteilt an den Schulsport in Deutschland miserable Noten: "Die Praxis in bestimmten Bereichen ist weiterhin katastrophal. Leider steht die dritte Sportstunde nur auf dem bekannt geduldigen Papier, ohne dass daran zu denken ist, dass sie gegeben wird." Dabei seien die zunehmenden körperlichen Mängel von Kindern und Jugendlichen ein Alarmzeichen, das ernst genommen werden müsse, ehe es endgültig zu spät sei.

Ungeachtet Karin Wolfs Rückfalls in alte Zeiten der Taten- und Sprachlosigkeit ist nach langjähriger Funkstille zwischen KMK und DSB Bewegung in die Ministerriege gekommen. Das hatte sich bereits unter den KMK-Präsidenten Willi Lemke (Bremen), Annette Schavan (Baden-Württemberg) und Dagmar Schipanski (Thüringen) angedeutet. Dass aber inzwischen wirkliches Tauwetter herrscht, hat einzig und allein mit einem fast schon genialen Schachzug des DSB zu tun.

Der verlangt nämlich in seinem Anforderungs-Katalog von den fünf Bewerber-Regionen, die deutscher Kandidat für Olympia 2012 werden wollen, einen vorbildlichen Schulsport. Erheblicher Druck auf immerhin fünf der 16 Bundesländer. "Wer sich um Olympia bewirbt und gleichzeitig den Schulsport vernachlässigt oder gar ignoriert, der stellt die Weichen falsch und hat deshalb schlechte Karten", hat von Richthofen unmissverständlich erklärt. Das hat den Olympia-Bewerbern Beine gemacht. Hamburg, wo der Berufsschulsport komplett gestrichen worden war, rudert eilfertig zurück. Und auch in Baden-Württemberg wird ein sinnvolles Modell wie die "200 Minuten Sport in der Woche" auf immer mehr Grundschulen ausgedehnt. Erste Schritte auf einem langen, beschwerlichen Weg.

Am 31. Januar wird der DSB überdies entscheiden, welche Hochschule mit der "Untersuchung zur aktuellen Situation des Schulsports in Deutschland" betraut wird. 35 Institutionen sollen sich um die Befragung von Lehrern, Eltern und Schülern zur gesundheitlichen Situation beworben haben. Die 250 000 Euro für die Studie, die DSB und die Olympiabewerberstädte bezahlen, dürften freilich nur für eine Erhebung in zwei bis drei Bundesländern ausreichen. Die Forschungsarbeiten sollen schon bis Ende 2004 erste Ergebnisse bringen.

Einer der führenden deutschen Sportwissenschaftler winkt freilich schon mal ab. "250 000 Euro für eine bundesweit repräsentative Untersuchung sind ein Witz", bemängelt Prof. Dietrich Kurz aus Bielefeld, "die Bedenken von allen, die als Wissenschaftler ernst zu nehmen sind, liegen schriftlich vor."



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Südwestpresse 25.1.

Stiefkind Schulsport

Von allen Fächern ist Sport bei den Schülern nach wie vor das beliebteste. Und dennoch: Der Schulsport krankt. Das liegt zuallererst an den ungünstigen Rahmenbedingungen. Die dritte Wochenstunde Sport wird zwar in den meisten Bundesländern vorgeschrieben, die Praxis aber sieht anders aus. Kein Fach fällt so oft aus wie der Sportunterricht. Überdies hat das Saarland 1995 die dritte Stunde durchgängig gestrichen, Bayern seine vier Sportstunden 1996 halbiert. Da Sport oft in Doppelstunden erteilt wird, bedeutet das auch für viele baden-württembergische Schüler nur einen Bewegungsreiz pro Woche.

Erschwerend kommt hinzu, dass bis zu 70 Prozent der Lehrkräfte, die in Grundschulen Sport unterrichten, keinerlei Ausbildung dazu haben und die Kollegien nach zwei Jahrzehnten Einstellungsflaute hoffnungslos überaltert sind. Stiefkind Schulsport.

Dabei nimmt die Bewegungsarmut der Kinder in alarmierender Weise zu. "Indoor" ist in: Dem Sitzen in der Schule folgt das Sitzen am Fernseher, Computer oder Telefon. Das hat Folgen: Mindestens 20 Prozent der Kinder sind übergewichtig; 20 bis 30 Prozent haben wegen der abnehmenden Muskelkraft Haltungsschwächen; Konzentrationsprobleme, Rückenschmerzen und Herz-Kreislauf-Schwäche sind bei immer Jüngeren zu beobachten.

Als Reparaturanstalt ist der Schulsport trotz mancher ermutigender Projekte engagierter Lehrer völlig überfordert. Darüberhinaus ist zu befürchten, dass die Diskussionen um die Pisa-Studie die Kopffächer wie Mathematik, Deutsch oder die Fremdsprachen verstärken werden - zu Ungunsten des Sportunterrichts. Immerhin hat der geschickte Schachzug des Deutschen Sportbundes, von den Olympia-Bewerbern für 2012 einen funktionierenden Schulsport einzufordern, dazu geführt, dass die Kultusministerien in den betreffenden fünf Bundesländern plötzlich Aktivitäten entfalten, die jahrelang überfällig waren.

Die Lobby für den Schulsport aber ist schwach. Am geringsten bei der Elternschaft. Fallen Stunden in Mathematik oder Deutsch aus, gehen Erziehungsberechtigte schnell auf die Barrikaden. Ausgefallene Sportstunden hingegen werden meist kommentarlos hingenommen. Und die Zahl der Entschuldigungen für den Sportunterricht steigt weiter.

Wir töricht dürfen Eltern sein? Während viele joggen und sich in Vereinen, Studios oder VH-Kursen trimmen, scheint ihnen die Bewegungserziehung ihrer Kinder gleichgültig zu sein. Manches müsste ihnen sonst auffallen. Dass ihre Zöglinge ein paar Kilo zu viel auf den Rippen haben. Dass sie keinen Ball fangen, nicht auf einen Baum klettern oder über eine Mauer balancieren können. Dass sie nicht mal mehr einen einzigen Klimmzug schaffen oder ohne Stolperer rückwärts zu laufen vermögen. Dass sie beim kürzesten Sprint außer Puste geraten. Zudem: Fehlt die motorische Entwicklung, das haben Forschungen hinreichend bewiesen, bleiben in der Regel auch die Leistungen in den Kopffächern flau.

Eltern sollten deshalb Bewegungsanreize für ihre Kinder geben. Also: Die Youngsters nicht mehr mit dem Auto von der Schule abholen. Die Zeit vor Computer und Glotze begrenzen und stattdessen zu Touren mit Fahrrad oder Inliners anregen. Vielleicht mal einen Klettersteig machen oder auf dem Bolzplatz mitkicken. Bewegung tut nicht nur dem Körper gut, sondern schult auch den Verstand.

KLAUS VESTEWIG