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Presseecho zu den Endergebnissen der Schulsportstudie - Juli 2005
 

Übersicht - Schulsportstudie
Frankfurter Allgemeine Zeitung 6.7. 2005

Studie
Deutschland im Schulsport Mittelmaß

Ist der Schulsport in Deutschland schlecht, oder wird er schlechtgeredet? Professor Wolf-Dietrich Brettschneider von der Universität Paderborn ist dieser Frage im Auftrag des Deutschen Sportbundes (DSB) seit Januar 2003 mit empirischen Methoden auf den Grund gegangen. Am Dienstag legte er in Berlin die Endergebnisse seiner Sprint-Studie vor (Sprint steht für Sportunterricht in Deutschland).

In seinem offiziellen Fazit hielt er sich jedoch mit einer eindeutigen Antwort zurück: "Der Sportunterricht in Deutschland ist weder besonders gut noch besonders schlecht. Er liegt irgendwo im Mittelfeld." Schon bei der Vorstellung der Zwischenergebnisse im Dezember vergangenen Jahres hatte sich angedeutet, daß mit einem Pisa-Schock im Sportunterricht nicht zu rechnen sein würde. Beim Schulsport, das wurde bei der finalen Präsentation der Studie deutlich, sind einfache und absolute Urteile verfehlt.

Von Richthofen fordert Ruck

Ist es alarmierend, wenn die Schüler ihrem Sportunterricht im Schnitt die Note 2,3 verleihen? Muß man sich Sorgen machen, wenn 20 Prozent der deutschen Schulen zu wenige geeignete Sportstätten stellen können? Ist es ein Skandal, wenn an Grundschulen die Hälfte des Sportunterrichts von fachfremdem Personal erteilt wird? Sportfunktionäre und Politiker übten sich nach der Präsentation in unterschiedlichen Lesarten der Ergebnisse.

Nach Meinung des DSB-Präsidenten Manfred von Richthofen sind durch die Sprint-Studie hinlänglich bekannte Problemfelder wissenschaftlich belegt worden. Als Konsequenz daraus forderte er von der Politik den notwendigen Ruck im Schulsport ein. "Vor allem dem Schwimmunterricht in Deutschland kann man kaum noch die Note ausreichend erteilen", sagte er. Das sei besonders besorgniserregend, weil im vergangenen Jahr so viele Kinder und Jugendliche ertrunken seien wie noch nie seit 1945.

Situation an den Hauptschulen alarmierend

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Johanna Wartam, zeigte sich dagegen erleichtert über die aus ihrer Sicht positiven Befunde der Untersuchung. "Es freut mich, wenn die Leistungsfähigkeit unseres Schulsystems auch in diesem Bereich belegt wird", sagte sie. Mit Blick auf den DSB-Präsidenten merkte sie an: "Ich habe zu manchem, was Sie hier gesagt haben, heftigen Widerspruch." Aus ihrer Sicht gibt es keinen kausalen Zusammenhang zwischen der steigenden Zahl von Badeunfällen und dem Ausfall von Schwimmstunden. Nur am Rande räumte Johanna Warta ein, daß von seiten der Kultusministerien Handlungsbedarf bestehe. So soll bei der zunehmenden Ganztagsbetreuung an Schulen dem Sport zukünftig eine exponierte Stellung zukommen.

Brettschneider verließ im Anschluß an die Präsentation die Ebene des objektiven Wissenschaftlers und forderte von seiten der Bildungspolitiker konkrete Zusagen statt vager Versprechungen. Er war daher sichtlich darum bemüht, provokante Details aus seiner Untersuchung herauszulesen. "Leider sind die Endergebnisse nicht so spektakulär, wie ich mir das vorgestellt habe", gab er zu. Brettschneider wies allerdings darauf hin, daß seine Daten im Bundesdurchschnitt beruhigender aussähen, als sie im Einzelfall seien. "Es bleibt dabei: Jede vierte Sportstunde findet nicht statt. Es ist wenig konstruktiv, wenn die KMK dieses Problem zu verschleiern versucht", sagte er. Besonders an Hauptschulen sei die Situation alarmierend. Damit ist genau die Gruppe von Jugendlichen betroffen, die sich auch außerhalb der Schule am wenigsten körperlich anstrengt. Das Problem des Schulsportes könnte daher künftig sein, daß er zu voreilig zu gut geredet wurde.



ZDF 5.7. 2005

Schwimmunterricht ist Mangelware
DSB-Studie: Wachsende Zahl an Nichtschwimmern führt zu mehr tödlichen Badeunfällen
Die steigende Zahl von Toten bei Schwimmunfällen in Deutschland steht nach Ansicht von Wissenschaftlern im direkten Zusammenhang mit dem mangelhaften Schwimmunterricht an deutschen Schulen. Das ist das Ergebnis einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Studie zum Sportunterricht an deutschen Schulen, die Wissenschaftler von sechs deutschen Universitäten in den zurückliegenden zwei Jahren im Auftrag des Deutschen Sportbundes (DSB) erstellten.

"Der höchste Stand an ertrunkenen Schülern im Vorjahr hat auf jeden Fall seine Ursachen auch in der wachsenden Zahl an Nichtschwimmer. Und dies steht nicht zuletzt in direktem Zusammenhang zum mangelhaften Schwimmunterricht an unseren Schulen", erklärte DSB- Präsident Manfred von Richthofen.
Die Studie belegt, dass an 20 Prozent aller Schulen keine Sportstätten für den Schwimmunterricht zur Verfügung stehen. Damit sei die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Schüler während ihrer gesamten Schulzeit kein einziges Mal Schwimmunterricht erhalten.

Video des ZDF zur Schulsportstudie



 

Berliner Zeitung 6.7. 2005

Mangelhaft für den Schulsport
Eine neue Studie weist eine Vielzahl von Defiziten auf

BERLIN, 5. Juli. Der Inhalt der 229-seitigen Studie zum Schulsport in Deutschland (Sprint-Studie), die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, dürfte die Bildungspolitiker nun unter Druck setzen. "Wir wissen jetzt fundierter, wo sich die Schwachstellen im Schulsport befinden", sagte der Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), Manfred von Richthofen. "Nun kommt es darauf an, wann und wo die notwendigen Schlussfolgerungen gezogen werden."

Die Kernkritik der Studie, die vom DSB und den fünf ehemaligen deutschen Bewerberstädten für Olympia 2012 mit 240 000 Euro finanziert wurde lautet: Im Sekundarbereich der Schulen fällt jede vierte Sportstunde aus, betroffen sind vor allem die Hauptschüler. Außerdem hat in den Grundschulen die Hälfte der Lehrer keine Sportausbildung. Gerade in den Grundschulen entwickeln die Kinder jedoch ihre motorischen Fähigkeiten. Es sei wichtig, dort eine positive Einstellung zum Sport zu legen, sagte der Paderborner Sportwissenschaftler und Leiter der Studie, Wolf-Dietrich Brettschneider: "Wenn das von nicht ausgebildeten Lehrern geleistet wird, ist das nicht wieder gut zu machen." Da der Stellenwert des Sportunterrichts an einzelnen Schule oft von der Biografie des Schulleiters bestimmt werde, forderte Brettschneider die Kultusminister auf, nicht nur den Umfang des Sportunterrichts, sondern auch die Qualität zu steigern.

Zudem fanden die Wissenschaftler bei der Befragung von 8 800 Schüler, 1 158 Sportlehrern, mehr als 100 Schulleiter, 4 350 Eltern an 219 Schulen unterschiedlichen Typs heraus, dass sowohl das soziale Milieu als auch das Bildungsniveau des Elternhauses die sportlichen Aktivität der Kinder beeinflusst. Die Kluft zwischen aktiven und inaktiven Kindern werde demnach immer größer.

Bemängelt wurde in der Studie auch das viel zu geringe Angebot an außerunterrichtlichem Schulsport. In mehr als zwanzig Prozent aller Schulen stehen keine Becken für den Schwimmunterricht zur Verfügung. In diesem Zusammenhang wies von Richthofen darauf hin, dass es in Deutschland seit Kriegsende bei Badeunfällen noch nie so viele Schüler ertrunken seien, wie im vergangenen Jahr.

Die Diskrepanz zwischen Schülerwünschen und Angebot im Unterricht ist groß. Kinder wollen gefordert werden, mehr leisten und statt den traditionellen Ballspielen wie Fußball, Basketball, Turnen oder Leichtathletik auch Kampfsportarten, Klettern, Inline Skate oder Baseball ausprobieren. "Der Sportunterricht läuft Gefahr, zu einem Museum für den traditionellen Sport zu werden", wird in der Sprint-Studie gewarnt.

Es ist eine gesamtdeutsche Studie, in die alle Schultypen von der Grundschule bis zum Gymnasium einfließen, was das Bild verwischt. Trotzdem war die Reaktion der Kultusministerien nach Bekanntwerden des ersten Teils der Studie vergangenen Dezember heftig und dergestalt, dass Brettschneider den Eindruck gewann, "dass viele Ministerien die Igeltaktik bevorzugen und auf das beharren, was sie vorher schon hatten". Eine Rangliste der Länder wird es nicht geben, "um das Blut nicht noch böser wallen zu lassen". Immerhin haben Kultusminister, DSB und Wissenschaftler eine erste gemeinsame Schulsportkonferenz für Dezember geplant. "Das ist ja schon mal was", meint Brettschneider.
 
 



 
 

Neues Deutschland 6.7. 2005

Die Ministerin und die Misere

Die PISA-Studie entfachte hier zu Lande einen Wettbewerb der Schuldzuweisungen und der Verdrängung. Bei den handelnden Personen hat das hoch sensible Reflexe im rhetorischen Handgemenge entwickelt. Vor allem demagogische. Ein treffliches Exempel lieferte gestern Prof. Dr. Johanna Wanka (Brandenburg), die derzeit der Kultusministerkonferenz vorsteht.
Frau Wanka wurde in Berlin eine repräsentative Studie über den bundesdeutschen Schulsport überreicht. Eine – wie hier auf dieser Seite zu lesen – erschütternde, zur Aktion geradezu herausfordernde Bestandsaufnahme. Doch wie reagiert eine gestandene Ministerin? Erstens diskreditiert sie die Fakten mit dem Hinweis, dass Schule, also auch Sportunterricht, Ländersache sei, die Studie hingegen bundesweite Aussagen treffe. Zweitens zieht sie die Schlussfolgerungen mit dem Hinweis in Zweifel, dass sie es als Mathematikerin selbst verstünde, mit Statistiken umzugehen.
Es mag in der bundesdeutschen Bildungsmisere wahrlich Schlimmeres geben als die Schulsportmisere. Die hochnäsige Herablassung, mit der eine zuständige Ministerin der einen begegnet, erklärt indes auch die andere.
Michael Müller



TAZ 7.7. 2005

Schulsport besser als erhofft
In Berlin wurde eine Untersuchung zum Schulsport in Deutschland vorgestellt. Vor allem die Ausgestaltung der Lehrpläne, mangelnde Leistungsorientierung sowie das Fehlen von Fachlehrern an Grundschulen werden kritisiert
BERLIN taz  Mit diesem Satz hatte niemand gerechnet: "Der Schulsport in Deutschland ist gut", bilanzierte Ingo Weiß, der Vorsitzende der Deutschen Sportjugend, des Dachverbandes für den Nachwuchssport im Lande, die große Schulsportstudie des Deutschen Sportbundes. Vor gut zwei Jahren, als der Startschuss für die Untersuchung abgegeben wurde, da gingen die Sportfunktionäre und die beteiligten Wissenschaftler, allen voran Projektleiter Wolf-Dietrich Brettschneider von der Universität Paderborn, noch davon aus, dass die Studie dem Schulsport ein verheerendes Zeugnis ausstellen werde. Die Sportoberen hofften auf eine Art Pisa-Schock im Schulsportbereich.

Und jetzt das: Der Schulsport steht besser da als erhofft. Er ist beliebt bei den Schülern. Die Sportlehrer genießen hohes Ansehen. Nicht einmal um die Sportstätten ist es arg schlecht bestellt, sieht man einmal von der mangelnden Ausstattung mit Schwimmhallen ab. Natürlich ist nicht alles gut, was in den Schulturnhallen des Landes stattfindet, aber zum großen Aufschrei gibt die Studie keinen Anlass. Und so sind es weniger die Ergebnisse der Studie selbst, die zu Diskussionen führen werden, als deren Interpretationen durch die Sportwissenschaftler.

So haben die Forscher bei ihren Befragungen festgestellt, dass viele Schüler im Sportunterricht gerne mehr gefordert würden. "Die Zeit der Kuschelpädagogik ist vorbei", posaunte Brettschneider im Dezember vergangenen Jahres, als erste Zwischenergebnisse veröffentlicht wurden. Jetzt heißt es: "Das Notenspektrum wird nicht annähernd ausgeschöpft." Und es wird bemängelt, dass die Noten im Sport im Durchschnitt besser seien als die in anderen Fächern. Dass der adipöse Jüngling wohl nicht allein dadurch zu Höchstleistungen angespornt wird, wenn er für einen lahmen 100-m-Lauf eine Sechs kassiert, wissen auch die Sportwissenschaftler.

Sportpädagogische Themen wie diese werden sicher heiß diskutiert werden auf der im Dezember in Karlsruhe stattfindenden Fachtagung "Perspektiven des Schulsports", an deren Ende der Deutsche Sportbund, die Kultusministerkonferenz (KMK) und die Sportministerkonferenz ein Grundsatzpapier unterzeichnen wollen.

Studienleiter Brettschneider treiben in sportpädagogischer Hinsicht noch ganz andere Dinge um. Für ihn ist die Richtung, die die Lehrpläne für das Fach Sport eingeschlagen haben, falsch. Dort wird dem Sportunterricht eine Doppelrolle zugewiesen. Es soll zum Sport erzogen werden, also sportliche Kompetenz vermittelt werden - andererseits soll durch den Sport erzogen werden, um beispielsweise soziales Verhalten zu schulen. Brettschneider befürchtet dass ob dieser Doppelfunktion der eigentliche Kern der Sache, der Sport selbst, auf der Strecke bleibt. Er fordert eine Rückbesinnung auf den Kompetenz vermittelnden Unterricht. Aber auch diese Diskussion findet vor dem Hintergrund allgemeiner Zufriedenheit mit dem Schulsport statt. Kein Grund also, zum eiligen Halali auf die angeblichen Hätschelstunden im Sport zu blasen.

Wirklich problematisch ist indes die mangelnde Ausstattung vor allem der Grundschulen mit Fachlehrern. Das Klassenlehrerprinzip steht dem Einsatz von Sportpädagogen entgegen. Warum aber ausgerechnet die fachfremden Lehrer so wenig Fortbildungen zum Thema Sport machen, wird auch die Kultusminister zum Handeln anregen. Genau das hat Johanna Wanka, Brandenburgs Wissenschaftsministerin als Vorsitzende der KMK, bei der Entgegenahme der Studie angekündigt. Dann meinte sie noch, dass sie den Einsatz der Sportfunktionäre durchaus verstehe. Sie müsse aber auch zum Beispiel an den Musikunterricht denken. Warten wir also auf die große Schulmusikstudie.

ANDREAS RÜTTENAUER
 
 


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