| SWR 13.12 2004
Schulsport laut Studie
in Deutschland schlecht
Schlechte Noten für
Schulsport
Jede vierte Sportstunde fällt
aus, die Lehrer sind überaltert, die Unterrichtsinhalte oft langweilig
oder schlicht nicht mehr zeitgemäß. Zu diesem Ergebnis kam eine
Studie des Deutschen Sportbundes (DSB). "Die üblichen drei Sportstunden
pro Woche stehen nur auf dem Papier, werden aber nicht erteilt", kritisierte
DSB-Präsident Manfred von Richthofen die Verantwortlichen für
die Bildungspolitik in den Ländern. Über 8800 Schüler im
Alter zwischen zehn und 15 Jahren, mehr als 1150 Sportlehrer und über
100 Schulleiter sowie 4350 Eltern hatten an der bislang einmaligen Studie
teilgenommen - und den Sport-Unterricht an Deutschlands Schulen als unzureichend
kritisiert.
Vor allem in den Haupt-
und Grundschulen seien die Ergebnisse "alarmierend", warnte Sportwissenschaftler
Wolf-Dietrich Brettschneider bei der Vorstellung der Studie. In den Hauptschulen
unterrichtet ein Drittel der Lehrer fachfremd, in den Grundschulen habe
sogar die Hälfte aller Lehrer keine Sport-Ausbildung. Insgesamt fehlten
jeder fünften Lehrkraft, die Sport unterrichtet, die nötigen
Kenntnisse.
"Ausgeglichen und fröhlich"
durch Sport
DSB-Präsident von Richthofen
sprach von bedenklichen Werten: "Gerade in jungen Jahren wird die Basis
für das zukünftige Sporttreiben gelegt." Deshalb müssten
in der Grundschule eigentlich die am besten ausgebildeten Sportlehrer arbeiten.
Zudem sei es angesichts der Erkenntnis, dass Bewegungsmangel eine der Hauptursachen
für übergewichtige Kinder ist, höchste Zeit, die Rahmenbedingungen
für den Schulsport zu verbessern, forderte auch Brettschneider. Denn
jedes sechste Kind in Deutschland sei übergewichtig, erinnerte der
Experte.
Von einem qualitativ überzeugenden
Schulsport könnten jedoch positive Impulse für die motorische
Entwicklung der Kinder und Jugendlichen ausgehen. Sie seien "nicht nur
fitter, sondern auch emotional ausgeglichener, fröhlicher und sozial
besser integriert", erklärte der Sportwissenschaftler. Zudem wiesen
sportlich aktive Kinder auch bessere Schulleistungen auf, fügte er
hinzu.
Fun-Sport ist gefragt
Das sehen auch mehrheitlich
die befragten Schülerinnen und Schüler so: Zwei Drittel aller
Schüler halten den Sportunterricht für wichtig oder sehr wichtig,
nur 13 Prozent erklärten das Gegenteil. "Die Schüler wollen weg
von den Traditionssportarten Leichtathletik und Turnen, hin zu modernen
Sportarten, dem Fun-Sport. Das muss uns auch zu denken geben", sagte DSB-Chef
von Richthofen. Hoffnungen setze er auf die künftige Ganztagsbetreuung
der Jugendlichen in den Schulen: "Da werden sich neue Möglichkeiten
in den Nachmittagsstunden eröffnen", sagte er.
Die Studie, die vom Deutschen
Sportbund und den fünf deutschen Olympia-Bewerberstädten finanziert
wurde, zeigte außerdem, dass die Sportlehrer überaltert sind:
Sportlehrerinnen sind im Schnitt 43 und ihre männlichen Kollegen 45
Jahre alt. Die 45- bis 60-Jährigen sind stärker an den Schulen
vertreten als die Altersgruppe der 30- bis 45-Jährigen.
FAZ 13.12. 2004
Schulsport-Studie
„Die Politiker kriegen
die Hucke voll”
13. Dezember 2004 An diesem
Montag werden in Berlin die ersten Ergebnisse der mit Spannung erwarteten
Schulsportstudie vorgestellt. Leiter dieser breitangelegten Untersuchung
ist Professor Wolf-Dietrich Brettschneider. Der Lehrstuhlinhaber an der
Universität Paderborn gilt seit seiner aufsehenerregenden Studie über
die Wirkungen des Sports als Deutschlands bekanntester Sportwissenschaftler.
Ihre sogenannte Brettschneider-Studie
versetzte vor einigen Jahren die deutsche Sportszene in heftige Turbulenzen.
Darf man nun auch von der Schulsport-Untersuchung spektakuläre Ergebnisse
erwarten?
Es wird vielleicht nicht
so einen Aufschrei geben. Aber auch diese Studie wird Unruhe erzeugen,
vor allem unter den politisch Verantwortlichen. Salopp ausgedrückt:
Die Politiker kriegen ganz schön die Hucke voll. Ich kann nur hoffen,
daß die Untersuchung ähnlich viel bewirkt wie meine Vereinsstudie.
Inwiefern?
Es ist ja die erste Studie
überhaupt, die die Situation des Sportunterrichts an deutschen Schulen
untersucht, in allen Schulformen, verschiedenen Altersklassen und verschiedenen
Bundesländern. Seit zehn, fünfzehn Jahren hat man diese Studie
vehement gefordert, aber sie ist immer wieder an der Kultusministerkonferenz
gescheitert. Wenn man die ersten Ergebnisse sieht, weiß man auch,
warum: Die hatten natürlich kein Interesse daran, sich in die Karten
schauen zu lassen.
Wo gibt es die gravierendsten
Mißstände?
Zu den überraschendsten
Ergebnissen gehört für mich der Befund, daß die meisten
Schüler mehr Anstrengung und mehr Leistung im Sportunterricht wollen.
Die wollen keine Kuschelpädagogik, die wollen sich bewegen und schwitzen.
Das wird einige schockieren. Anstrengung und Leistung sind in der Sportdidaktik
über ein Jahrzehnt tabuisiert worden. Es wird Zeit, daß man
das wieder zu einem pädagogischen Schwerpunkt macht.
Die unbekannte Größe
in der Schulsportdiskussion war immer, wieviel von den offiziellen Wochenstunden
in Wirklichkeit gegeben werden. Was läßt sich dazu sagen?
Leider nichts Angenehmes.
Im Durchschnitt fällt jede vierte Sportstunde aus. Das ist ein katastrophaler
Befund. Es wird ja immer damit argumentiert, daß man drei Wochenstunden
Sport hat. Aber die gibt es meistens eben nur auf dem Papier.
Wie kommen die Sportlehrer
in der Studie weg?
Besser als ihr Unterricht,
das ist ein bißchen kurios. Die Schüler bewerten die Lehrer
im allgemeinen recht positiv, man hält sie für kommunikativ sowie
fachlich und sozial kompetent. Aber die Bewertung ihres Unterrichts ist
nicht gerade überschwenglich. Die Schüler haben dafür Noten
im schwachen Zweierbereich verteilt. Wie gesagt, viele empfinden den Sportunterricht
als langweilig und nicht bewegungsintensiv genug.
Können Sie auch etwas
über die Situation an Grundschulen sagen?
Das ist der nächste
Hammer. Gerade in der Grundschule und in der Hauptschule, wo ein qualifizierter
Sportunterricht am nötigsten ist, sind die Lehrer nicht qualifiziert
genug. Ein beträchtlicher Teil des Sportunterrichts wird von sogenannten
fachfremden Lehrern gegeben, also von Lehrern, die im Sport überhaupt
nicht ausgebildet sind. Da ist die Politik gefordert, ganz dringend.
Und der körperliche
Zustand der Schüler?
Motorische Tests sind leider
kein Bestandteil unserer Studie, das ging aus finanziellen Gründen
nicht. Aber das ist gut erforscht, da kann man nichts Neues mehr erwarten.
Fest steht, daß die körperliche Leistungsfähigkeit der
Kinder europaweit in erschreckendem Maße abnimmt. Die Kinder von
heute sind im Durchschnitt ungeschickter, unbeweglicher und dicker als
früher. Da kommt ein gewaltiges gesellschaftliches Problem auf uns
zu. Aber viele Bildungspolitiker haben das anscheinend noch nicht begriffen.
FAZ 15.12.
Kommentar
Mit Sprint im Rennen
14. Dezember 2004 Und ganz
plötzlich wird der Schulsport zu einem öffentlichen Thema. Die
Landesvertretung von Rheinland-Pfalz in Berlin platzte aus allen Nähten,
als die ersten Ergebnisse der sogenannten Sprint-Studie präsentiert
wurden. Kamerateams gaben sich die Klinke in die Hand. Politiker waren
da, darunter die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz - ausgerechnet
jenes Bildungsolymps, der eine breit angelegte Schulsportstudie bislang
verhindert hat. Und wer immer noch Zweifel daran hatte, daß ein jahrelang
ignoriertes Thema nun doch den Weg auf die öffentliche Bühne
fand, mußte am Abend nur seinen Fernseher einschalten. Selbst in
den "Tagesthemen" wurden über die Mißstände im Sportunterricht
an deutschen Schulen berichtet.
Das plötzliche Interesse
läßt sich leicht erklären. Im Grunde genommen reicht ein
Wort: Pisa. Seit dieser vergleichenden Studie haben die Deutschen ganz
feine Antennen für Bildungsangelegenheiten. Erst recht, wenn sie mit
Mängeln zu tun haben. Merkwürdigerweise ist kaum jemandem aufgefallen,
daß Pisa so tat, als habe Bildung nur etwas mit dem Geist zu tun.
Aber das Feld war bereitet. Und so wirkt es wie ein perfektes Timing, daß
wenige Wochen nach der Veröffentlichung von Pisa II eine Studie auf
den Markt kam, die sich mit den Mängeln der körperlichen Bildung
befaßt. Dabei sind die Ergebnisse dieser Untersuchung etwa so überraschend
wie die Tatsache, daß Heiligabend am 24. Dezember begangen wird.
Sportwissenschaftler, Ärzte, Sportverbände und nicht zuletzt
die Sportlehrer selbst beklagen seit Jahren unüberhörbar, was
die Studie nun mit wissenschaftlichen Methoden nachweist: etwa, daß
zuviele Sportstunden ausfallen; oder daß in Grund- und Hauptschulen
der Sport von Lehrern erteilt wird, die dafür nicht ausgebildet sind.
Genauso wenig neu ist, daß die Kinder im Vergleich zu früher
dicker, unbeweglicher und leistungsschwächer sind - was gar nicht
Gegenstand der Sprint-Studie ist, aber in anderen Untersuchungen längst
belegt wurde.
Man kann nur hoffen, daß
dem Thema nun endlich die Aufmerksamkeit zukommt, die ihm zusteht. Allerdings
ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß das Reaktionsmuster dem
der Pisa-Hysterie gleicht. Dabei besteht kein Grund, alles in Bausch und
Bogen zu verdammen. Insgesamt ist die Situation des Sportunterrichts an
deutschen Schulen nicht gut, aber auch nicht miserabel. Nun müßte
es darum gehen, die Ergebnisse der Schulsport-Untersuchung mit kühlem
Kopf zu analysieren und auf dieser Basis nachhaltige Verbesserungen einzuleiten.
Die Gelegenheit ist so günstig wie nie zuvor. Denn je größer
der öffentliche Druck ist, desto schneller handelt die Politik. Und
umso größer ist die Bereitschaft einzusehen, daß Bildungsstudien,
die sich ausschließlich mit dem Kopf befassen, nur die halbe Wahrheit
darstellen.
Gerd Schneider
Spiegel-online 14.12.
Jede dritte Stunde fällt
aus
Deutschlands Schüler
mögen den Sportunterricht. Aber die Lehrer sind überaltert, und
längst nicht alle im Lehrplan vorgesehenen Stunden finden statt. Wie
die erste bundesweite "Sprint-Studie" zum Schulsport zeigt, schauen vor
allem Hauptschüler in die Röhre.
Berlin - Bei Schülern
ist der Sportunterricht beliebt. Drei Viertel der Jungen und Mädchen
freuen sich über die Stunden, nur 13 Prozent halten sie für entbehrlich.
Das ist die gute Nachricht. Aber an deutschen Schulen wird einer neuen
Untersuchung zufolge Sport nicht ausreichend und in notwendiger Qualität
unterrichtet. Von den in den meisten Bundesländern vorgesehenen 3
Stunden im Sekundarbereich würden im Schnitt nur 2,2 erteilt, wie
Manfred von Richthofen, Präsident des Deutschen Sportbundes, am Montag
mitteilte.
Der ersten umfassenden deutschen
Schulsportstudie (Sprint) zufolge ist jeder fünfte Sportlehrer nicht
speziell für das Fach ausgebildet und die Lehrerschaft überaltert;
die Inhalte des Fachs sind teilweise nicht mehr zeitgemäß. Die
Autoren der Studie hatten bundesweit an 219 Schulen Schüler, Eltern
und Lehrer befragt.
DSB-Präsident von Richthofen
betonte mit Blick auf eine steigende Zahl von übergewichtigen Kindern
und Jugendlichen in Deutschland die Bedeutung des Schulsportes. Dass so
viele Sportstunden nicht erteilt würden, sei alarmierend. Vor allem
Hauptschüler, die auch außerhalb der Schule deutlich seltener
Sport trieben, seien davon betroffen. Das könne nicht der richtige
Weg sein.
Besonders Schwimmen fällt
oft aus
Die Autoren der Studie um
den Sportwissenschaftler Professor Wolf-Dietrich Brettschneider haben zudem
ermittelt, dass jeder fünfte Sportlehrer nicht speziell für das
Fach ausgebildet ist. Besonders gravierend ist demnach die Situation an
den Grundschulen einiger Bundesländer, in denen im Schnitt sogar zwei
Drittel der Pädagogen fachfremd unterrichten - ein Skandal, kritisierte
von Richthofen.
Die Sportlehrer sind zudem
teilweise zu alt. Der Schnitt bei Männern liegt bei 45 Jahren, bei
Frauen sind es 43 Jahre. Die Forscher kritisieren in der Studie, dass die
Ausbildung zu lange dauert und zu wenig junge Sport-Pädagogen eingestellt
wurden. Dies könne Probleme etwa bei der Vermittlung von Trendsportarten
mit sich bringen.
Obwohl die Ausstattung der
Schulen mit Turnhallen und Sportplätzen laut Studie zumindest kein
gravierendes Problem ist, könnte die Qualität des Unterrichts
durch bessere Sportstätten erhöht werden. Immerhin beklagt ein
Viertel aller deutschen Schulen, dass zu wenig Sportstätten zur Verfügung
stehen und bei einem Drittel der bauliche Zustand etwa der Turnhallen verbessert
werden müsste.
Auch der Schwimmunterricht
sei für Schulen zunehmend ein Problem. Die zahlreichen Bäderschließungen
wegen leerer Kassen der Kommunen führten auch dazu, dass der wichtige
Schwimmunterricht oft ausfallen müsse.
Die Studie ist gemeinsam
vom DSB, der Kultusministerkonferenz und zahlreichen Wissenschaftlern erarbeitet
worden. Befragt wurden binnen vier Monaten rund 4400 Eltern, knapp 9000
Schüler, rund 1100 Sport-Lehrer und fast 200 Direktoren an bundesweit
219 Schulen.
14.12. - Lausitzer Rundschau
Bewegung tut Not
Von Verena Ufer
Es war längst überfällig,
dass sich der Deutsche Sportbund dem Zustand des Schulsport-Unterrichts
zuwendet. Die mangelhaften Ergebnisse der Studie verwundern nicht.
Wissen doch die meisten Mütter
und Väter aus eigener Erfahrung, dass Sportunterricht von Schülern,
Eltern und Lehrern für nicht sooo wichtig gehalten wird. Eine Vier
in Sport – nicht schön, aber nicht sooo schlimm. Allein schon mit
dieser Einstellung verfestigt sich das Elend in deutschen Turnhallen. Wobei
die schlechten Noten ja wirklich nicht das Ärgste sind – wohl aber
die Botschaft, die Schüler für ihr späteres Leben mitnehmen:
Sport? – nicht sooo wichtig.
Dabei fesseln die Verlockungen
der heutigen Multimedia-Welt Kinder und Jugendliche von Tag zu Tag mehr
an Playstation, Computer, Gamecube, wo jedweder Kampf und Wettbewerb bequem
im Sitzen ausgetragen werden kann.
Die Studie zeigt mehrere
Ursachen für den Verfall der Körperkultur an unseren Schulen:
Unterrichtsausfall, überalterte, zu wenig ausgebildete Lehrer. Ja,
auch das sind Gründe. Am wichtigsten aber ist wohl, dass sich die
Inhalte der Sportstunden ändern. Hier tut Bewegung Not. Traditionelle
Turnübungen an Reck und Barren – um nur ein Beispiel zu nennen – sind
für viele Kinder und Jugendliche ein Graus. Nicht nur für die
weniger Beweglichen, die vielleicht ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen
haben. Letzteren allerdings nehmen sie möglicherweise restlos die
Lust und den Mut, im Sportunterricht etwas zu wagen. Spaß an der
Bewegung muss der Sportunterricht der Zukunft bieten. Neben den vie len
beliebten Ballsportarten gehören auch neue Bewegungstrends in Programm,
Selbstverteidigungskurse. . . Die Schüler werden ihre Wünsche
äußern, wenn sie gefragt werden. Was garantiert nicht mehr funktionieren
wird, sind über Jahrzehnte vor sich hin dümpelnde Lehrpläne.
Daran sollten Lehrer und vor allem Politiker schnell etwas ändern.
14.12. Tagesspegel
Zu wenig Aufschwung in
der Turnhalle
Schulsport-Studie: Es
fehlen junge Lehrer und viele Stunden fallen aus - besonders in den Hauptschulen
Von Claudia Keller
Schüler mögen ihn,
Schulleiter schätzen ihn und Eltern halten ihn für wichtig: den
Sportunterricht. Trotzdem wird er an vielen Schulen vernachlässigt
– vor allem an den Hauptschulen. Somit sind ausgerechnet jene Kinder benachteiligt,
die auch in ihrer Freizeit am wenigsten Sport treiben. Das hat die „Sprint“-Studie
des Deutschen Sportbundes ergeben, eine Art Pisa-Untersuchung für
den Sportunterricht, die gestern in Berlin vorgestellt wurde. Forscher
verschiedener Universitäten haben dafür den Sportunterricht an
219 Grund- und Oberschulen in den sieben Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg
und Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein
untersucht. Die Sportwissenschaftler haben 8800 Schüler zwischen 10
und 15 Jahren, 4400 Eltern und über 1100 Sportlehrer und Schulleiter
nach ihrer Zufriedenheit mit dem Unterricht befragt, Lehrpläne analysiert
und die Ausstattung der Schulen in den Blick genommen.
Herausgekommen ist, dass
in den meisten Bundesländern – wie auch in Berlin – zwar drei Stunden
Sport in der Woche auf dem Stundenplan stehen, aber in der Regel nur etwas
mehr als zwei Stunden stattfinden. Vor allem an den Hauptschulen fällt
der Sportunterricht überdurchschnittlich oft aus. Und wenn er gegeben
wird, dann oft von Lehrern, die dafür gar nicht ausgebildet sind.
Das ist auch in den Grundschulen
ein Problem: Ausgerechnet dort, wo die Basis für eine lebenslange
Sportbegeisterung gelegt werden soll, unterrichten Mathe- und Deutschlehrer
Sport. In allen Schulen zeigt sich außerdem, dass es zu wenig junge
Lehrer gibt. Der Sportlehrer ist im Schnitt 45 Jahre alt, seine Kollegin
43 Jahre. Die Kinder mögen die Lehrer trotzdem, auch im Kollegium
werden sie geschätzt. Sportlehrer hätten keinen Grund für
mangelndes Selbstbewusstsein, kommentieren die Sprint-Forscher. Positiv
bewertet die Studie die Ausstattung der Sportstätten. Sie stelle „kein
gravierendes Problem dar“. Die Grundversorgung sei gesichert.
Im Mai diesen Jahres ist
in Berlin eine weitere Untersuchung des Schulsports, die die Schulverwaltung
in Auftrag gegeben hatte, zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Allerdings
sind hier die Lehrer im Schnitt noch drei Jahre älter, weil in den
vergangenen zehn Jahren aus Geldmangel kaum junge Kollegen eingestellt
wurden. „Ein Mathelehrer gewinnt mit dem Alter an Erfahrung, ein Sportlehrer
körperlich nicht“, sagt Thomas Poller, der in der Schulverwaltung
für den Sportunterricht zuständig ist. Möglicherweise könnten
sich jüngere Lehrer auch besser auf neue Sportarten einstellen. Denn
viele Schüler wünschen sich neben den klassischen Feldern Leichtathletik,
Turnen und Ballspiele Trendiges in die Turnhalle: Skateboardfahren, Akrobatik
oder Streetdance. Auch viele Lehrer sehen, dass Änderungen notwendig
wären.
Die Lehrpläne lassen
dazu genügend Spielraum, sagt Poller und wundert sich, warum die Lehrer
dann nicht einfach mal Neues ausprobieren.
Die Mädchen in der elften
Klasse der Marie-Curie-Oberschule haben es da ganz gut. Die 18-jährige
Sabrina erzählt begeistert von lateinamerikanischem Tanz im Sportunterricht.
Auch Schlittschuhlaufen und Inline-Skating wird angeboten, das Wilmersdorfer
Eisstadion ist nicht weit weg. An diesem Vormittag üben die Elftklässlerinnen
allerdings dribbeln fürs Handball-Spiel. Die einen mögen das
gar nicht: „Das ist so aggressiv, immer muss man Punkte machen.“ Anderen
gefällt es: „Da kann man sich austoben.“ Die Jungs spielen in der
Halle obendrüber Volleyball. Man muss ihnen nur einen Ball in die
Hand geben, schon legen sie los. Einige murren allerdings, „dass wir immer
nur das Gleiche machen“. Der 17-jährige Janis würde gerne im
Turnen mehr gefordert werden.
Viele Jugendliche wünschen
sich laut Sprint-Studie, dass sie sich beim Sport mehr anstrengen müssen
und mehr Neues lernen. In Berlin werden gerade neue Lehrpläne entwickelt.
Nicht mehr die klassischen Sportarten sollen im Mittelpunkt stehen, sondern
ein „breiteres Bewegungsverständnis“. Mehr als bisher sollen Toleranz
und die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, trainiert werden.
Und wie in anderen Fächern, setzt sich auch hier der Gedanke durch,
dass der Einzelne mit seinen Vorlieben und Schwächen besser gefördert
werden muss.
Frankfurter Rundschau 14.12.
Sportunterricht ist langweilig
DSB-Präsident Manfred
von Richthofen kritisiert die Verantwortlichen für Bildungspolitik
in den Ländern
Die am Montag in Berlin
präsentierte Sprint-Studie des Deutschen Sportbundes(DSB) stellt der
Politik ein Negativ-Urteil über den Schulsport aus.
Berlin · 13. ·
Dezember · dpa · Jede vierte Stunde fällt aus, die Lehrer
sind überaltert, die Unterrichtsinhalte sind oft langweilig und nicht
mehr zeitgemäß. "Die üblichen drei Sportstunden pro Woche
stehen nur auf dem Papier, werden aber nicht erteilt", kritisierte DSB-Präsident
Manfred von Richthofen die Verantwortlichen für die Bildungspolitik
in den Ländern.
Mehr als 8800 Schüler
im Alter zwischen zehn und 15 Jahren, mehr als 1150 Sportlehrer und gut
100 Schulleiter sowie 4350 Eltern hatten in der bislang einmaligen Studie
den Sport-Unterricht an Deutschlands Schulen als unzureichend gebrandmarkt.
Wolf-Dieter Brettschneider, Lehrstuhl-Inhaber an der Universität Paderborn,
hatte die Studie nach Befragung in sieben Bundesländern erstellt.
Er bezeichnete es als "Hammer", dass es laut Studie gerade an Grund- und
Hauptschulen, wo ein guter Sportunterricht am nötigsten wäre,
den Lehrern an der Qualifikation fehle. Ein großer Teil des Sport-Unterrichts
werde von fachfremden Pädagogen gegeben: "Da ist die Politik ganz
dringend gefordert", stellte der Paderborner Professor fest.
Die Studie ergab zudem, dass
es bei einem Altersdurchschnitt von 45 Jahren viel zu wenige junge Sportlehrer
in Deutschland gibt. Hingegen stellen die Sportstätten und ihre Ausstattung
kein gravierendes Problem für den Schulsport dar. Obwohl motorische
Tests kein Bestandteil der Studie waren, sei es eine Tatsache, dass die
Kinder in Europa immer dicker, ungeschickter und unbeweglicher würden.
Dieses Problem hätten die Bildungspolitiker offenbar noch nicht begriffen,
so Brettschneider.
Als interessant bewertete
DSB-Präsident Manfred von Richthofen, dass sich die Schüler aller
Altersklassen mehr Anstrengung und mehr Leistung wünschen. "Mit den
Inhalten sind die Schüler sehr unzufrieden. Sie wollen weg von den
Traditionssportarten Leichtathletik und Turnen, hin zu modernen Sportarten,
dem Funsport", sagte von Richthofen. Der DSB-Chef setzt nun große
Hoffnungen auf die künftige Ganztagsbetreuung der Jugendlichen in
den Schulen.
TAZ 15.12.
Den Schock gibt es nicht
Obwohl dem Schulsport
laut jüngster Studie die Beziehung zur Lebensrealität der Jugendlichen
fehlt und es besonders an der Hauptschule Defizite gibt, fällt das
Fazit nicht katastrophal aus
VON ANDREAS RÜTTENAUER
Wolf-Dietrich Brettschneider
schien jede Menge Kreide gefressen zu haben. Der Sportwissenschaftler von
der Universität Paderborn hatte noch in der Wochenendausgabe der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung in einem Interview kräftig vom Leder gezogen.
Brettschneider war zu den Ergebnissen der Schulsportstudie des Deutschen
Sportbundes (DSB) befragt worden und zeigte sich über die Ergebnisse
entsetzt. "Die Politik kriegt ganz schön die Hucke voll", tönte
der wissenschaftliche Leiter der Studie. Am Montag bei der offiziellen
Vorstellung der Ergebnisse in Berlin präsentierte sich Brettschneider
dann ganz brav und verkündete in sachlichem Ton die ersten Zwischenergebnisse
der Schulsportuntersuchung.
Es wurde trotzdem deutlich,
warum der Sportwissenschaftler am Wochenende so kräftig ins Horn gestoßen
hatte. Die Sportlobbyisten haben Angst, dass sich in der allgemeinen Erregung
über die schwachen Leistungen deutscher Schüler, die in der zweiten
Pisa-Studie erneut schlecht abgeschnitten haben, das Interesse der Bildungspolitik
auf die Förderung der kognitiven Leistungen fokussiert. Der Satz des
römischen Satirikers Juvenal, wonach ein gesunder Geist in einem gesunden
Körper wohne, ist zwar in den Volksmund übergegangen. Doch der
wissenschaftliche Nachweis, dass die kognitiven Fähigkeiten mit den
motorischen Fertigkeiten wachsen, fehlt bislang. Zwar gebe es, so Brettschneider,
Anzeichen dafür, mehr aber auch nicht.
Um die Notwendigkeit der
Sporterziehung zu untermauern, wurden Studien zum Gesundheitszustand der
Kinder in Deutschland angesprochen. So seien die Probleme, die immer mehr
Heranwachsende mit ihrem Gewicht haben, nicht in der Hauptsache mit falscher
Ernährung, sondern eher mit der Inaktivität der Kinder und Jugendlichen
zu begründen. In diesem Punkt hat die Schulsportuntersuchung ein interessantes
Ergebnis zutage gefördert. Je weiter die Heranwachsenden in ihrer
Schullaufbahn fortgeschritten sind, desto weniger Anreize bietet ihnen
der Sportunterricht für ihre außerschulische Freizeitgestaltung.
Trendsportarten sind unterrepräsentiert. Aus den Antworten der befragten
Schüler lässt sich herauslesen, dass dem Schulsport der Bezug
zur Lebensrealität von Jugendlichen fehlt.
Für die Studie wurden
Fragebögen, die von 199 Schulleitern, 1.158 Lehrern, 8.863 Schülern
und 4.352 Eltern aus sieben Bundesländern beantwortet worden waren,
ausgewertet. Das auffälligste Ergebnis betrifft den Stundenumfang
des Sportunterrichts. Vorgesehen sind in beinahe allen Ländern und
Schulformen drei Wochenstunden Sport. Realisiert wird das jedoch nur in
der Grundschule, in der Sekundarstufe fällt beinahe jede dritte Sportstunde
aus. Vor allem in der Hauptschule wird bei Ausfall einer Lehrkraft kein
Sportunterricht abgehalten. Ebenfalls vor allem ein Hauptschulproblem ist
der Unterricht, der durch fachfremdes Lehrpersonal geleitet wird. Die Schülergruppe,
die in den Sportvereinen unterrepräsentiert ist, kommt auch in der
Schule nur schwer in Bewegung. Die Hauptschule ist also auch im Schulsport
ein Sorgenkind.
Ein besonderes Anliegen von
Brettschneider ist die inhaltliche Ausrichtung des Sportunterrichts. Aus
den Schüleraussagen, wonach sich viele Heranwachsende vom Sportunterricht
vor allem die Förderung ihrer Leistungsfähigkeit erwarten, leitet
Brettschneider die Forderung nach Abschaffung der "Kuschelpädagogik"
in der Schulsporthalle ab. Anstrengung und Leistung seien von der Sportpädagogik
lange Zeit vernachlässigt worden. Nun sei es Zeit, das zu ändern.
Wie, weiß Brettschneider auch nicht. "Mit dieser Forderung ist nicht
gemeint, die Schüler jeden Tag um die Wette laufen zu lassen", sagte
er nur.
Überhaupt soll die Studie
Anlass bieten, sich Gedanken über den Schulsport der Zukunft zu machen.
Vor allem mit der Forcierung der Ganztagsschule ergäben sich neue
Chancen für den Sportunterricht. Das sah auch die rheinland-pfälzische
Kultusministerin Doris Ahnen so, die als Vorsitzende der Kultusministerkonferenz
die Bildungsträger bei der Vorstellung der Studie repräsentiert
hat. Sie war übrigens gar nicht so unzufrieden mit den Ergebnissen.
So sind die Schulen mit Sportanlagen und Geräten nicht schlecht ausgestattet.
Auch genießt der Sportunterricht ein hohes Ansehen im Kollegium und
bei den Schülern. Die Zusammenarbeit der Schulen mit Vereinen funktioniere
immer besser. Da kann der gute Herr Brettschneider noch so viele Kraftausdrücke
verwenden. Wer die Studie liest, wird feststellen: Einen Schulsportschock
wird es nicht geben.
Neues Deutschland 15.12.
SPRINT ist da, Start noch
lange nicht
Erste deutsche Schulsportstudie
vorgestellt DSB will Veränderung, Politik will diskutieren
Von Michael Müller
Der Deutsche Sportbund hat
in Bezug auf die Schulsport-Debatte nachgelegt. Prof. Wolf-Dietrich Brettschneider
(Paderborn) stellte am Montag in Berlin »erste Ergebnisse der SPRINT-Studie«
vor. SPRINT steht dabei – abkürzungsmäßig etwas sehr gewagt
– für SPortunterRicht IN DeuTschland.
Manfred von Richthofen,
Präsident des Deutschen Sportbundes, der diese für Deutschland
erstmalige Studie Anfang 2003 in Auftrag gab, unterstrich, dass man »nun
endlich wisse, über was wir konkret zu reden haben«. Bisher
war die Diskussion, die immer wieder zwischen DSB (Diagnose: Schulsportlage
mies) und der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder
(Diagnose: Schulsportlage differenziert) aufflammte, von Einzelfakten und
Beliebigkeit geprägt gewesen. Nun, so Brettschneider, liegen »empirisch
solide und aussagekräftige Ergebnisse« vor. Und zwar nach der
Befragungen von 9000 Schülern, 4400 Eltern, 1100 Sportlehrern und
200 Schulleitern in sieben ausgewählten Bundesländern und drei
Klassenstufen (4, 7, 9) der allgemein bildenden Schulen:
• Jede dritte bzw. vierte
vorgesehene Sportstunde fällt aus (Beispiele siehe Tabelle). Betroffen
sind vor allem Hauptschüler. Bei über 50 Prozent der Ausfälle
haben die Schüler überhaupt keinen Ersatzunterricht.
• Der Anteil des von fachfremden
Lehrern erteilten Sportunterrichts beträgt in Grundschulen 49, Hauptschulen
30, Realschulen 11, anderen Schularten 2 bis 3 Prozent. Es gibt Fälle,
wo Grundschüler im Sport vier Jahre lang fachfremd unterrichtet werden.
• Das Durchschnittsalter
der Sportlehrerschaft liegt bei 43 Jahren. Die Altersstruktur ist jedoch
ungünstig: Am stärksten vertreten ist die Altersgruppe von 50
bis 59.
• Die Schulsportstätten
seien »insgesamt zufrieden stellend«.
• Schüler mögen
Sportunterricht, Schulleiter schätzen ihn, Eltern sind von seiner
Bedeutung überzeugt.
• Aus Schülersicht
soll der Unterricht vor allem »sportliche Leistung verbessern, etwas
Neues zeigen, Fitness und Fairness fördern«.
• Signifikant viele Schüler
wollen mehr »Leistung und Anstrengung« als Schongang. Vernachlässigt
sehen sie »neue Sportarten und Sportaktivitäten«. Sie
könnten deshalb im Unterricht Erworbenes »nur begrenzt in der
Freizeit anwenden«.
• Über 80 Prozent der
Schulen bieten außerschulische Sport-AG an, genutzt wird dieses Angebot
von 16 Prozent der Schüler.
• Sportlehrer geben als
Rangfolge der qualitätsmindernden Faktoren des Unterrichts an: mangelnde
motorische Fähigkeiten der Schüler, zu große Lerngruppen,
Disziplinlosigkeit, unzureichende Motivation.
Alles in allem bestätigt
die Studie viele der kritischen Annahmen zur deutschen Schulsportsituation
– sie verschärft sie allerdings auch nicht. Will heißen: Die
gefühlte Lage entspricht der tatsächlichen. Genau dies jedoch,
so Brettschneider, setze »deutliche Signale an die politisch Verantwortlichen«.
Und von Richthofen hofft, mit weiterhin langem Atem, »die politisch
Verantwortlichen mit der Vorlage des Gesamtberichts im Juni 2005 endgültig
von notwendigen Verbesserungen überzeugen« zu können.
Diese Verantwortlichen scheinen
das Problem jedoch vorerst weiter verdrängen zu wollen. So hat sich
die Ständige Konferenz der Kultusminister weder finanziell an dieser
ersten nationalen Schulsportstudie beteiligt, noch vermittelt sie den Eindruck
von Handlungszwang. Die derzeitige Präsidentin des Gremium, Doris
Ahnen (Rheinland-Pfalz), sieht denn auch zu etlichen Ergebnissen noch »Diskussionsbedarf«.
Gern wird die Politik bei
dieser Diskussion an die einschränkende Bemerkung Brettschneiders
anknüpfen, dass sich »wachsendes Übergewicht der Kinder,
ihr wenig erfreulicher Bewegungsstatus und ihre mangelnde motorische Leistungsfähigkeit
nicht linear mit der aktuellen Schulsportsituation in Verbindung bringen«
lasse. Wenn es sich also, wie somit zu schlussfolgern ist, eher um ein
gesamtgesellschaftliches Problem handelt – die Kultusminister haben derzeit
ohnehin genug mit PISA zu tun. Und in PISA kommt Schulsport nicht vor.
Politische Priorität und Opportunität liegen also auf der Hand.
Arme SPRINT-Studie. Start
zur Wende ist noch lange nicht.
FAZ-net 15.12.
Schulsport
Wenn Schulsport Aufsehen
erregt
Von Boris Herrmann
14. Dezember 2004 Bis vor
einigen Jahren hätte es für solch einen Anlaß wahrscheinlich
nicht einmal eine Pressekonferenz gegeben. Als am Montag nachmittag Professor
Wolf-Dietrich Brettschneider die Ergebnisse der sogenannten Sprint-Studie
verkündete, war das Foyer der Landesvertretung Rheinland-Pfalz in
Berlin bis auf den letzten Platz gefüllt. Fernsehkameras verstellten
die Sicht in den hinteren Reihen. "Wenn wir hier Hambüchen am Reck
hätten turnen lassen, könnte ich solch einen Andrang ja verstehen",
sagte Brettschneider verblüfft. Fabian Hambüchen war nicht da.
Statt dessen ging es um die ersten Ergebnisse einer Schulsportuntersuchung
. "Ich hatte Angst, daß die Veröffentlichung unserer Studie
acht Tage nach Pisa II im Nichts verpufft", sagte der Sportwissenschaftler
von der Universität Paderborn.
Offensichtlich ist das Gegenteil
der Fall. Im Sog der Pisa-Studie scheint auch der Schulsport in den öffentlichen
Diskurs über die Bildungsproblematik in Deutschland zu rücken.
Ein positives Signal ist bereits, daß sich die deutschen Bewerberstädte
für Olympia 2012 des Themas angenommen hatten und Sprint-Studie (Sportunterricht
in Deutschland) gemeinsam mit dem Deutschen Sportbund finanzierten. Allmählich
setzt sich die Erkenntnis durch, daß körperliche Aktivität
auch die kognitive Leistung der Schüler in den sogenannten Kopffächern
beleben kann. Trotzdem wurde der Sportunterricht von den Kultusministerien
lange als Exotenfach behandelt, das zusammengestrichen werden kann, sobald
Geld und Lehrer fehlen. Die Studie belegt, daß vor allem an Hauptschulen
nahezu jede vierte Sportstunde ausfällt. Leidtragende sind also vor
allem die Jugendlichen, die auch außerhalb der Schule nur selten
Zugang zum Sport finden. Die wichtigste Erkenntnis aus der Präsentation
der Forschungsergebnisse ist, daß dieser Mißstand nicht länger
geleugnet wird. "Die Studie ist ein Zeichen, daß der Sport nicht
ins Hintertreffen geraten darf", sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz
(KMK), Doris Ahnen. Sie gab zu, daß der Ausfall von Sportstunden
an deutschen Schulen verringert werden müsse. "Wir werden die Ergebnisse
konstruktiv in die Diskussion um die Lehrpläne einfließen lassen",
versicherte sie. Ein zentraler Kritikpunkt in Brettschneiders Studie ist
zudem der hohe Einsatz von "fachfremdem" Personal im Sportunterricht. An
Grundschulen liegt dieser Wert bei fünfzig Prozent. "Wir bauen an
Grundschulen auf das Prinzip Klassenlehrer. Wir unterrichten primär
Kinder und nicht primär Fächer", so konterte die KMK-Vorsitzende
diese Kritik.
Was kann Schulsport leisten?
Davon abgesehen herrschte
ein erstaunlicher Konsens zwischen Wissenschaft und Politik. Das mag auch
daran liegen, daß die Ergebnisse der Studie in manchen Aspekten eher
unspektakulär ausfielen. "Die Bewertung der Qualität des Sportunterrichts
bietet keinen Grund zum Feiern, aber auch keinen Grund zum Klagen", so
Brettschneider in seinem Fazit. Im Jahr 2001 hatte er in einer Studie die
positiven Effekte des Vereinssports in Frage gestellt und damit für
großes Aufsehen gesorgt. In der aktuellen Studie geht es allerdings
eher um eine Bestandsaufnahme als um die Wirkungen des Schulsports. Um
drängende Probleme wie das Übergewicht und den Rückgang
der motorischen Leistungsfähigkeit bei Kindern dauerhaft zu lösen,
wird es jedoch nicht ausreichen, nur zu diagnostizieren. Es bedarf detaillierter
Fakten darüber, was der Schulsport leisten kann. So bewertete auch
der Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, die
Untersuchung als erste Etappe in einem langwierigen Prozeß. Trotzdem
ging er "mit einem guten Gefühl" aus der Veranstaltung: "Wenn aus
der lange beklagten Misere jetzt endlich ein Aufwärtstrend für
den Schulsport wird, dann gibt es viele Kronzeugen dieser bemerkenswerten
Entwicklung."
 |
|