Auswirkungen von Sport und Bewegung aufs Gehirn
 
Auszüge aus einem AOL-Interview mit Sabine Kubesch, Sportwissenschaftlerin und Mitarbeiterin am psychiatrischen Universitätsklinikum Ulm. Sie beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Sport und Bewegung aufs Gehirn.
 
"AOL: Frau Kubesch, warum sind Sport und Bewegung so wichtig?

Kubesch: Sport stärkt nicht nur Skelettmuskulatur, Knochenbildung und Herzkreislauf, Sport und Bewegung sind auch wichtig für das Gehirn. Das Gehirn verändert sich nämlich nicht nur durch Erfahrungen, sondern auch durch Bewegung. So werden insbesondere bei kleinen Kindern durch Bewegung die Nervenzellen vernetzt und Synapsen gebildet, beides ist wichtig für die Entwicklung und Förderung von Intelligenz. Außerdem führt Sport zu einer Ausschüttung von Neurotransmittern im Gehirn, die nicht nur das Wohlbefinden verbessern: Eine Steigerung der Dopaminkonzentration sorgt für mehr körperliche Motivation, Noradrenalin bewirkt eine physische und mentale Aktivierung, und Serotonin erhöht das Selbstvertrauen und reduziert Angstzustände. Außerdem verbessert Sport die Sauerstoffversorgung des Gehirns und damit das Konzentrations- und Reaktionsvermögen.

AOL: Gibt es dafür Belege?

Kubesch: Ja, in unseren Untersuchungen zeichnet sich ab, dass eine 30-minütige Ausdauerbelastung bei Depressiven die Lenkung und Fokussierung von Aufmerksamkeit verbessert - zwei Faktoren für konzentriertes Arbeiten. Dennoch muss hier noch viel Grundlagenforschung geleistet werden. Die neurowissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik befindet sich aber noch in den Anfängen

AOL: In welchen Altersgruppen ist Sport besonders wichtig?

Kubesch: Grundsätzlich in jedem Lebensalter, aber insbesondere bei Kleinkindern, denn in den ersten zwei Lebensjahren findet eine schnelle Vernetzung von Nervenzellen statt, und die ist entscheidend für die Gehirnleistungen des ganzen Lebens. Auch Schwangere sollten sich angemessen viel bewegen, um die neuronale Vernetzung bei ihren noch ungeborenen Kindern zu fördern.

AOL: Und wie viel Sport sollten die Schulen anbieten?

Kubesch: Schüler sollten aufgrund der bisher genannten Gründe, aber auch wegen psychologischer Faktoren wie Aggressionsabbau und Aktivitätssteigerung die Möglichkeit haben, einmal täglich am Schulsport teilnehmen zu können. Da die sitzende Tätigkeit von Schülern zwischen 1986 und 1995 zugenommen hat, fordert auch Prof. Hollmann, Ehrenpräsident des Weltverbandes für Sportmedizin, mindestens drei qualitativ gute Sportstunden pro Woche. Die Schulen müssen versuchen, einen Ausgleich zur heutigen Bewegungsarmut von Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Sie spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche zu mehr Sport zu animieren. Hier sollte nicht nur der Grundstein für lebenslanges Lernen gelegt werden, sondern auch für die Bereitschaft, lebenslang Sport zu treiben.

AOL: Geht das nicht auf Kosten von anderen Schulfächern?

Kubesch: Im Gegenteil: Sport steigert die Leistungsfähigkeit der Schüler auch in anderen Fächern. Der Unterricht und die Leistungen in den übrigen Schulfächern profitieren von den positiven Anpassungserscheinungen von Sport und Bewegung auf das Gehirn - und somit vom Sportunterricht.

AOL: Worauf soll man achten beim Sport? Welcher Sport kommt in Frage? Und kommt es eher auf Intensität oder auf Ausdauer an?

Kubesch: Beides - Ausdauer und Intensität - sind wichtig. Auf jeden Fall sollte man darauf achten, dass der Sport körperlich fordernd ist. Ausdauersport ist sehr wichtig, aber für Kinder und Jugendliche sind vor allem Sportspiele gut geeignet. Sportlehrer sollten darauf achten, dass sie vielseitigen Sport anbieten, der kinder- und jugendadäquat ist."



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