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NW Bielfeld 5.5. 00Der Schulsport geht an Krücken
Kinder in schlechter körperlicher Verfassung /Wissenschaftler schlagen Alarm
VON ANSGAR MÖNTER
Bielefeld. Kranke Kinder, dicke Kinder, aggressive Kinder, unkonzentrierte Kinder - was hat das mit Sport, oder besser zu wenig Schulsport zu tun? Eine ganze Menge, meinen Dr. Elisabeth Sahre, Prof. Dr. Dietrich Kurz und Bernd Trenner. Sie appellieren an Eltern und Schulen, die Bedeutung des Fachs Sport endlich zu erkennen - als Förderer von Gesundheit, Selbstbewusstsein und Intelligenz.
Mit deutlichen Worten skizzieren die drei einen bedenklichen Ist-Zustand. "Schulkinder und Jugendliche sind körperlich noch nie so schlecht auf den beruflichen Alltag vorbereitet gewesen wie heute", sagt Trenner. Der Pädagoge bereitet Referendare auf den Lehrer-Alltag an der Schule vor.
...In Zahlen ausgedrückt liest sich das so: 30 Prozent der Kinder heute haben Übergewicht, 20 Prozent haben Haltungsschäden und - besonders alamierend -
mindestens 15 Prozent sind psychisch auffällig.
"Eine entkörperlichte und entsportlichte Welt der Kinder darf nicht hingenommen werden", warnt Prof. Dr. Kurz von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft an der Uni Bielefeld. "Immer wieder wird von den sozialen Schwierigkeiten an den Schulen gesprochen. Aber die Rolle des Sports, der ideal soziales Verhalten lehrt", wird dabei missachtet."Kinder lernen über den Sport den Umgang mit Aggression und Gewalt, sie lernen Verlieren, ebenso Zusammenspielen und Gewinnen. Sie entwickeln ihre Sinne weiter und stellen fest, dass beharrliches Üben zu Fortschritten führt.
Die schlechte körperliche Verfassung hat nach Erkenntnissen von Prof. Dr. Kurz Auswirkungen auf das Gesundheitswesen: "Fast jeder hat heute irgendwann einen Bänderriss, wenn nicht sogar einen Achillessehnenabriss. Das hat es in dieser Häufigkeit tatsächlich früher nicht gegeben."
Bereits 1920 erkannten deutsche Pädagogen die Bedeutung von Bewegung für Körper und Seele - vor allem bei Kindern. Sie forderten die tägliche Sportstunde. Heute - 80 Jahre danach - sind in NRW drei Stunden Sport vorgeschrieben, tatsächlich jedoch liegt der Durchschnitt, auch in Bielefeld, bei 2,4
Stunden, Ferien eingerechnet sogar nur bei 1,8 Stunden pro Woche. Abzüglich umziehen, anziehen und Pausen bewegen sich Schüler laut Expertenberechnung maximal 14 Minuten. Der Schulsport geht an Krücken."Drei Stunden pro Woche", postuliert Dr. Elisabeth Sahre, Sportlehrerin am Ceciliengymnasium und Wissenschaftlerin an der Uni für Sportunterricht und
Erziehung, "sind das absolute Minimum." Und Prof. Kurz sekundiert: "Es ist ein Trugschluss vieler Eltern, dass sie glauben, die Sportvereine könnten die fehlenden Schulsportstunden auffangen. Dort wird sehr spezialisiert Sport betrieben, die Schule bietet Bewegung in der Breite, und zwar für alle." Hinzu kommt, dass Kinder kaum noch Platz zum Klettern, Toben und Budenbauen in ihrer unmittelbaren Umgebung finden. Deshalb gibt es heute so genannte Bewegungskindergärten. "Wir Menschen sind darauf angelegt, uns zu bewegen. Das ist wichtig für Körper und Geist", betont Kurz.Zirkeltraining und Wettläufe bestimmen längst nicht mehr den Charakter der Sportstunde. Sollten sie zumindest nicht. "Das Fach ist konzeptionell in
Deutschland weit entwickelt", erläutert Trenner....
NW Bielfeld 5.5. 00