Neue Sonderausstellung im Schulmuseum Lohr:
»Schulsport - Geschichte und Gegenwart«Unterrichtsfach oft umstritten und missbraucht / Bis April 2001
Lohr-Sendelbach. Ab Morgen, Sonntag, erhalten die Besucher des Lohrer Schulmuseums Gelegenheit, sich in einer neuen Sonderausstellung über den Schulsport zu informieren. Das Grundkonzept der Ausstellung »Schulsport - Geschichte und Gegenwart« stammt von Prof. Dr. Max Liedtke von der Universität Nürnberg, das durch Material des Schulmuseumarchivs sowie der Volksschule Tauberbischofsheim ergänzt wird.»Sport« als Unterrichtsfach war niemals unumstritten. Die Ausstellung stellt die gesellschaftlichen Wurzeln des Sports und dessen Einbeziehung in den Unterrichtskanon im Laufe der Geschichte dar.
Den Ausgangspunkt für den Schulsport bildet dabei das antike Griechenland mit seinen Gymnasien, die der körperlichen und staatsbürgerlichen Erziehung junger Männer dienten. Bis ins 4. Jahrhundert vor Christus nahm der Sport als Ausdruck einer kriegerischen Kultur eine führende Rolle ein, verlor dann aber in einem mehr auf geistig-philosophische Bildung ausgerichteten Unterrichtskanon zunehmend an Bedeutung. Dieser intellektuelle Charakter der schulischen Erziehung wurde über das römische Imperium für die gesamte abendländische Kultur zum Vorbild.
Gegen Verzärtlichung
Daher geriet der Schulsport bis zur nachreformatorischen Zeit praktisch in Vergessenheit. Pädagogen wie Jan Amos Comenius (1592 bis 1670) forderten eine Wiederaufnahme der Leibesübungen in den Schulunterricht, setzten sich aber in weiten Bereichen noch nicht durch. Lediglich in den Ritterakademien (ab Ende des 16. Jahrhunderts) hatten Leibesübungen als »Ritterliche Exercitia« ihren festen Platz.
Erst durch die Philanthropen, die von Rousseau beeinflussten Pädagogen der Aufklärungszeit, wurde die körperliche Ertüchtigung als zentrales Erziehungsprogramm an allen Schulen allmählich anerkannt. Vorreiter und Begründer des neuzeitlichen schulischen Gymnastikunterrichts war der Philantrop Johann C. F. GutsMuths (1759 bis 1839). Mit seiner »Gymnastik für die Jugend« (1793) schrieb er die erste umfassende pädagogische Arbeit über die Funktion und die Inhalte der Leibeserziehung, welche gegen »entnervende Verzärtelung« und »luxuriöse Weichlichkeit« ankämpfen sollte. Ab 1804 sah dann der Lehrplan der bayerischen Volksschulen »Gymnastik« als ordentliches Unterrichtsfach vor, was allerdings lediglich Proklamationscharakter hatte.
Zu einer machtvollen Bewegung wurde die Idee der Körperertüchtigung durch den »Turnvater« Friedrich L. Jahn (1778 bis 1852). Nach dem altdeutschen Wort »Turn« (vergleiche Turnier) nannte Jahn die Übungen zur Körperertüchtigung »Turnen«. Sehr zeitgemäß verband er ein wirkungsvolles Turnprogramm mit deutschnationalen Ideen und mit militanter Wehrhaftigkeit besonders im Hinblick auf Frankreich, wodurch er dem Turnen und der Turnbewegung große Akzeptanz verschaffte.
Gerade dieses Argument der Wehrertüchtigung der männlichen Jugend sorgte schließlich auch für den schulischen Durchbruch der Unterrichtsfächer Schwimmen und Turnen, die ab 1861 für Gymnasien und sieben Jahre später im Grundsatz auch für Volksschulen endgültig zu ordentlichen Unterrichtsfächern erhoben wurden. In Unterfranken erfolgte die Einführung sogar erst 1879.
Problem dabei war, dass es für den Turnunterricht vielerorts an geeigneten Übungsstätten und ausgebildeten Turnlehrern fehlte.
Vergnügen setzte sich durch
Im Gegensatz zum disziplinierten »Deutschen Turnen« stand der »Englische Sport«. Abgeleitet aus »to disport« - sich vergnügen, hatte dieser stets auch einen unterhaltenden Akzent und war in seinem Erscheinungsbild wesentlich bunter als das Turnen. Trotz häufig scharfer Gegenwehr der deutschen Turnerschaft, die »Sport« als »undeutsch« bezeichnete, hat sich der »Sport« seit der Mitte des 19. Jahrhunderts weltweit immer stärker verbreitet und im Verlauf der Weimarer Zeit auch in den Schulen Platz gefunden. So schreibt eine »Methodik des Turnunterrichts« aus dem Jahr 1920: »Fußball ist unser gewaltigstes Spiel, ein Kampfspiel stärkster Ausprägung.
In den 35 Jahren seit seiner Einführung hat es einen ungeahnten Aufschwung genommen. Woran liegt das? Das Fußballspiel ist einfach. Keine verzwickten Regeln hemmen das Spiel. Der Spielgedanke ist einfach und klar: da ist das gegnerische Tor, da hinein muss der Ball! Um diesen Ball entbrennt ein Kampf, der die Jungen wie die Alten begeistert. In keinem anderen Spiel ist dieses “Mann gegen Mann” so stark ausgeprägt wie hier.«
Für Mädchen Anmut und Waschkübel
Eine eigene Problematik stellte die Frage dar, ob Schulsport auch für Mädchen zum Unterrichtsfach werden sollte. Eine planmäßige Leibeserziehung der Mädchen wurde zwar gefordert, da aber Turnen auch der Wehrertüchtigung diente und man zudem an der physischen Belastbarkeit der Frauen und Mädchen zweifelte, bewegte sich das Mädchenturnen lange auf der Ebene der Kallisthenie (Anmutslehre). So herrschten leichte Freiübungen, Schritt-, Hüpf- und Drehübungen sowie Tänze und Turnreigen vor.
Erst um 1900 wurde das Spektrum des Mädchenturnens dem der Knaben angepasst, was nicht unumstritten war. Ein zeitgenössischer Leserbrief: »Wenn es denn so sehr nötig erscheint, den “deutschen Jungfrauen” Turnunterricht zu erteilen, so möge man, um sie zu “deutschen Hausfrauen” zu kräftigen, sie 1. an den Waschkübel stellen, um die Arm-Muskeln zu kräftigen, 2. ihnen ein Plätteisen in die Hand geben, um die Hanteln zu ersetzen, 3. sie mit dem Kehrbesen “Stabübungen” machen lassen, 4. um die Gelenkigkeit der Finger zu vermehren, sie täglich ein paar Stunden zum Stricken anhalten, 5. endlich sie beim Abiturienten-Examen am Knettrog arbeiten lassen. Diese Gymnastik ist von wunderbarer Wirkung. Wenn die Jungfrauen später Gattinnen werden, bezaubern sie den Herrn Gemahl vollständig mit ihren “turnerischen Fertigkeiten”. - Nicht übel bemerkt! D.R.«
Einen besonderen Einschnitt in der Geschichte des Schulsports stellte die Zeit des Nationalsozialismus dar. Leibeserziehung wurde zum grundlegenden und untrennbaren Bestandteil der nationalsozialistischen Gesamterziehung (Richtlinien 1937) erhoben. Ab 1937 waren fünf Wochenstunden Sport vorgesehen, im Zeugnis und bei der Schülerbeurteilung kam der Leibeserziehung überproportionale Bedeutung zu.
So führte das Jahreszeugnis der Lohrer Oberschule für Jungen (Gymnasium) allein sechs unterschiedliche Noten für die Leibeserziehung auf, welche an erster Stelle standen. Es gab jeweils eine Note für Leichtathletik, Turnen, Schwimmen, Spiel, allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und Boxen.
Wie schon zu Turnvater Jahns Zeiten stand der Gedanke der Wehrertüchtigung, aber auch die Gemeinschaftserziehung im Vordergrund. Deutlich drückte es der Unterrichtsplan für Landschulen von 1936 aus: »Die planmäßige Schulung des Leibes hat das Ziel, unserem Volke eine tatenfrohe und kampfbereite Jugend zu erziehen, die zu jedem Dienst für den Staat und seinen Führer willig ist. Die Jugend soll jederzeit bereit sein, auch unter Einsatz ihres Lebens das Reich gegen seine Feinde zu schützen.«
Ebenfalls ideologisch-politische Zwecke verfolgte später der intensive Sportunterricht in der DDR, der neben der vormilitärischen Ausbildung zu einer bewussten, gesunden Lebensführung im Sozialismus und zur Herausbildung des Gemeinschaftsgeistes führen sollte.
Als Ausklang geht die Ausstellung auf den modernen Schulsport, seine heutige Funktion und Bedeutung ein und zeigt neueste Entwicklungen auf wie z. B. Bewegungspausen während des regulären Unterrichts. Dabei wird auch der Bezug zwischen Schule und Sportvereinen, ihre gegenseitige Einflussnahme und Kooperation verdeutlicht.
Die Ausstellung wird voraussichtlich bis zum 22. April 2001 zu besichtigen sein.
Das Museum ist jeweils Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Gruppen können das Museum auch außerhalb der Öffnungszeiten nach vorheriger Anmeldung (
09359/317) besuchen.
Aus Main-Echo - 6.5. 2000