Zur Fairness-Erziehung in der Schule
Gedanken zu einem stets aktuellen Thema

Von Arturo Hotz (Universität Bern)
 

Die Fragen, warum heute im Sport und anderswo so oft und so viel von Fair play gesprochen und geschrieben werde und ob diese Diskussionen ein Diktat der Mode seien, scheinen berechtigt, denn ethische Fragen haben in unserer postmodernen Leistungsgesellschaft Konjunktur. Breite Kreise der Öffentlichkeit verlangen mit Recht, daß Fair play und Achtung wieder vermehrt als verhaltensorientierte Werte respektiert werden sollten und daß die Schule - wieder? - vermehrt dazu befähigen solle. Unbestritten ist, daß etwas Konkretes gegen die zunehmende Unfairneß - nicht nur im Leistungssport - und gegen die Verrohung der Sitten auch im sportbezogenen Umfetd getan werden muß. Der Mensch kann auch im Sport nicht einfach draufloshandeln; gefragt ist ein Handeln im Sport in ethischer Verantwortung.

Vom Unsinn des "fairen Foulspiels"
Bestimmte Spielregel-Verletzungen und Fouls dürfen und können mit dem Hinweis, sie seien für den Erfolg taktisch notwendig, nicht einfach gerechtfertigt und beschönigt werden. Manchenorts wird verständlicherweise beklagt, daß der einst gute Ruf des Sports gefährdet sei, und gleichzeitig gehofft, mehr durch Fair-play-Denken geleitetes Handeln könne hier Remedur schaffen. Ausschreitungen aller Art sowie von Sportlern und Zuschauern mißachtetes Fair play sind beängstigender Ausdruck dafür, daß sich nicht das Verhalten leitender Werte gewandelt habe, sondern unsere Einstellung zu diesen Werten....

Zur Idee eines sinnvollen Lebens
Die Ethik ist die Wissenschaft, die sich im Sinne einer "praktischen Philosophie" mit Fragen und Problemen auseinandersetzt, wie das Leben und Zusammenleben in und mit unserer Mitwelt menschenwürdig(er) gelingen könnte. Ethiker, geleitet von der Idee eines sinnvollen Lebens, bemühen sich, und zwar ohne sich auf irgendwelche politische oder religiöse Autoritäten zu berufen, allgemeinverbindliche Aussagen über das sogenannte gute und gerechte Handeln zu suchen und zu reflektieren. Auf den Sport bezogen, kann ethisches und moralisches Handeln als "faire Gesinnung im Tun" charakterisiert werden, vor allem, wenn Fairneß eine auch den Sport übergreifende Haltung ausdrückt und sich nicht auf das Einhalten von Spielregeln beschränkt. In dem Sinne ist die Ethik eine "Lehre der Menschenwürde'; die im "Prinzip der Achtsamkeit" auch eine für die Praxis konkrete Leitidee zur Verfügung stellt....

Primat der Leistung relativieren
Fazit solcher Reflexionen und Diskussionen über "Handeln im Sport in ethischer Verantwortung" ist stets die Einsicht, daß menschenwürdiges Verhalten im Sport immer dann gefährdet ist, wenn Sporttreiben nicht mehr eine Alternative zum Berufsleben - als Ausdruck der Freiheit - darstellt, sondern existentiell wird und nur mehr - wie in der Leistungsgesellschaft meist auch - die Leistung um jeden Preis gefordert ist. Ethisches Bemühen muß aber letztlich dazu führen, daß das Primat der Leistung durch ein gezielt gefördertes Verantwortungsbewußtsein relativiert wird.
Alle im Sport Handelnden müssen sich künftig mehr dafür engagieren, daß die Sporttreibenden ihre Mitkonkurrenten und ihre Mitwelt - in Schule und Verein, auf dem Wettkampfplatz und auch anderswo - mehr achten und mehr respektieren.
Ohne Frage kann Ethik im Sport auf Fair play im Sport fokussiert werden. Ist aber Fairneß das zentrale ethische Prinzip oder ein mögliches unter anderen? Die Moralphilosophin Annemarie Pieper (Uni Basel) vertritt in diesem Zusammenhang die Meinung, "daß Fairneß zwar ein Prinzip ist, das hinsichtlich seiner Legitimität begründungsbedürftig ist, da es kein ethisches Letztprinzip ist, das aber auf einer mittleren Prinzipienebene im Verbund mit den Prinzipien der Solidarität und der Toteranz die Moralität von Handlungen mit zu konstruieren vermag".
Ist von Fair play im Sport die Rede, so ist die Intention dieser Akzentuierung bald erkannt: Sie zielt früher oder später auf die Forderung, daß jegliches Handeln im Sport ein moralisches sein müsse, um es - wer immer Rechenschaft fordert - vor sich und unserer Mitwelt (was mehr ist als unsere Gesellschaft) verantworten zu können. "Verantwortung" ist in der Diskussion ethischer Fragen ein zentraler Begriff.

Sind Maß und Ziel verlorengegangen?
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Daß im Sport mehr Ethik gefragt ist, drückt auch eine bestimmte Besorgnis aus, die der Tübinger Sportwissenschaftler Ommo Grupe in die Frage kleidete: "Sind Maß und Ziel verlorengegangen?" Und was Grupe beim Sportwissenschafttichen Hochschultag in Freiburg i/Br. (1989) zum Leistungssport formulierte, hat in seiner Kernaussage auch für den gesamten Sport Gültigkeit:
"Der Leistungssport hat [...] viele Gesichter, schöne und häßliche, anziehende und abstoßende. Sein wirkliches Gesicht ist nur schwer zu erkennen, zumal die einzelnen Sportarten sich auch noch erheblich voneinander unterscheiden. [...] Was zuvor noch als Ausdruck des Modernitätsstrebens und Fortschrittwillens der Menschen gelten durfte, erscheint in der postmodernen Phase kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung als sinnleer und ohne Maß: Leistungssport als Instrument politischer Machtdemonstration und wirtschaftlicher Interessen, inzwischen vor allem als Element einer Freizeit- und Vergnügungskultur, die ihre wesentlichen Elemente in Unterhaltung, Zerstreuung, Spaß, Spannung und Konsum zu finden scheint - zugespitzt in einem unersättlichen TV-Sport, der diese oft hemmungslos ausnutzt. Selbst frühere Leistungssport-Liebhaber sind enttäuscht. An der Geliebten von einst sind die alten Tugenden nicht mehr wiederzuerkennen: Professionalisierung, Kommerzialisierung, Doping, Unfairneß, Nationalismus, Gigantismus, Erfolgssucht und Manipulation scheinen an ihre Stelle getreten zu sein."

Der ewige Kampf gegen sich selbst
...Worum geht es bei einer Erziehung zu mehr Fairneß also? Es geht darum, das gemeinsame Leben fair gestalten zu lernen.
Im Sport - können Lerngelegenheiten geschaffen werden;
- kann die soziale Kompetenz durch Erfahrungslernen erhöht werden;
- können die Fähigkeiten zur Kommunikation, zur sozialen Integration, auf Bedürfnisse anderer einzugehen, auf die ganzheitliche Unversehrtheit des anderen zu achten und niemanden Schaden zuzufügen, grundsätzlich und sorgfältig mit sich und anderen umzugehen, gezielter und vielleicht auch wirksamer erworben werden.
Gerade im sportlichen Spiel kann das allgemeine Verständnis wichtiger gesellschaftticher Werte wie Gerechtigkeit, Toleranz und Solidarität sensibilisiert werden.

Sport kann auch die Erfahrung von Teamgeist, gemeinsamer Befähigung von Leistung und Partnerschaft vermitteln. Schließlich können im Sport gerade auch Grenzerfahrungen mit dem Körper weiterführen: Wir sollen lernen, mit dem Körper fair umzugehen. Wir sollen ihn nicht überfordern, auch nicht mit unlauteren Mitteln. Faires Handetn heißt auch, auf Unsinn zu verzichten und überhaupt von dem Wahn abzukommen, daß Gesundheit, Jugend und Muskelkraft unbeschränkte Güter sein könnten. Der Züricher Sozialethiker Nans Ruh brachte es auf den Punkt: "Ethik ist das permanente Anrennen gegen jede Art von Unvernunft."

Wissen um Fair play, um ethische Werte sowie um in ethischer Verantwortung festgelegte Normen und Regeln sind als kognitive Orientierungsgrundlage ein möglicher Ausgangspunkt. Wer in einem Erziehungsprozeß zu ethischem Können befähigen will, darf und kann sich aber nicht auf Wissensvermittlung und auf ein verbessertes moralisches Urteilsvermögen beschränken. Dadurch allein kann die Praxis nicht wirksam genug verändert werden: Es bedarf der praktischen Umsetzung, was Erich Kästner Längst erkannt hatte: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es."
Wie können aber unter welchen Bedingungen Fair-play-geleitete Einsichten in die Tat umgesetzt werden?
Daß dieser Themenkomplex hier weder hinreichend noch erschöpfend abgehandelt werden kann, leuchtet ein. Dennoch leitet uns die Hoffnung, mit diesen Reflexionen konkrete Impulse vermitteln zu können.
Der Göttinger Meister des Konjunktivs, Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), trifft das Wesentliche, wenn er sinniert:
"Wir wissen nicht, ob es besser wäre, wenn es anders würde;
wir wissen nur, daß es anders werden müßte, wenn es gut werden sollte!"
Packen wir es an - in der Schule und wo immer sich die Gelegenheit bietet!
 
 
 

Literaturhinweis: Hotz, Arturo (Red.):
Handeln im Sport in ethischer Verantwortung. Magglingen 1996.
Aus:

Deutsche Olympische gesellschaft (Hrsg):Fairneßerziehung in der Schule, Frankfurt/M. 1997