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Geschichten um Fairness und Unfairness im Sport

 
Hamburger Abendblatt 7.4. 2005

"Am Ende ist der Faire der Depp"
 
Fairness? Das Wort scheint gerade im Fußball immer seltener vorzukommen. Aber es geht auch anders. Zur Erinnerung: Im Verbandsliga-Duell HEBC gegen Halstenbek-Rellingen führten die Gäste mit 1:0. HR-Spieler Eike Pannen hatte die Chance zum 2:0. Da aber HEBC-Torwart Sven Wolgast nach einem Zusammenprall schreiend im Strafraum lag, entschied sich Pannen, die Verletzung nicht auszunutzen - und schlug den Ball in die Wolken. Später erzielt HEBC das 1:1, und die Gäste büßten zwei wichtige Punkte im Kampf um den Aufstieg ein
ABENDBLATT: Haben Sie den Ball absichtlich vorbeigeschossen?

EIKE PANNEN: Der Torwart hat ja geschrien, als wenn er gleich sterben würde. Da habe ich mich entschieden, den Ball hoch wegzuschlagen. Wir sind schließlich Amateure, und da muß die Gesundheit eines Spielers absoluten Vorrang haben, auch vor einem Sieg. Das ist meine Überzeugung, noch jedenfalls. Aber inzwischen bereue ich, daß ich nicht versucht habe, ein Tor zu machen.

ABENDBLATT: Warum?

PANNEN: Wenn du erlebst, daß der Torhüter Minuten später wieder fit zwischen den Pfosten steht, fühlst du dich doch verarscht.

ABENDBLATT: Wie haben Ihre Mitspieler reagiert?

PANNEN: Sie haben mir keine Vorwürfe gemacht.

ABENDBLATT: Aber auch keine Anerkennung?

PANNEN: Nein, aber wie denn auch, wenn der Faire am Ende doch nur der Depp ist.

ABENDBLATT: Was denkt ein Amateurfußballer, wenn in der Bundesliga ein Nationalspieler wie Neuville sich feiern läßt, wenn er ein Tor mit der Hand erzielt?

PANNEN: Das ist für mich ein Unterschied. Dabei steht ja nicht die Gesundheit eines Gegners auf dem Spiel. Im Profifußball hätte ich wahrscheinlich ohnehin nicht gewagt, den Ball vorbeizuschießen. Da wird doch im Grunde von jedem erwartet, daß er dem Erfolg alles andere unterordnet.

ABENDBLATT: Können Sie sich vorstellen, daß es eine Zeit gab, in der Fairness für einen Sportsmann das Wichtigste war?

PANNEN: Ich bin 22. Diese Zeiten kenne ich wirklich nicht. Ich habe nur Andy Möller und seine "Schwalben" erlebt. Fairness? Da wurde nie drüber gesprochen.

ABENDBLATT: Wenn Sie noch einmal vor der Situation stehen . . .

PANNEN: . . . dann weiß ich nicht, wie ich mich entscheiden werde.


 


Fair Play gibt es nicht nur im olympischen Hain,
sondern auch auf dem Sportplatz um die Ecke

Von Hans-Joachim Leyenberg
(Olympisches Feuer 3/2005)

Im ersten Halbjahr hatte Fair Play Konjunktur. Jedenfalls
bei der Vergabe entsprechender Preise an deutsche Spitzensportler.
Erst bekam Bianca Kappler die Fair-Play- Plakette der Deutschen
Olympischen Gesellschaft (DOG).

Dann zeichnete die Internationale Tischtennis-Föderation
Timo Boll mit dem Fair-Play-Preis aus, und schließlich wurde
auch Miroslav Klose mit der Fair-Play-Pakette der DOG dekoriert.
Die Weitspringerin Bianca Kappler wurde belobigt, weil
sie bei den Halleneuropameisterschaften sofort darauf aufmerksam
machte, nicht so weit gesprungen zu sein, wie
fälschlicherweise gemessen worden war.

Boll wiederum wurde es hoch angerechnet, bei einem Matchball für sich
darauf hingewiesen zu haben, dass die Zelluloidkugel nach
einem Rückschlag des Gegners die Tischkante touchiert hatte.
Dem Schiedsrichter war die Tischberührung entgangen. Ohne
die Geste des aufrechten Hessen wäre der Punkt und damit
das gesamte Spiel für Boll gewertet worden. So aber schied
Boll in der Fortsetzung des Einzel-Achtelfinales der Weltmeisterschaft
doch noch aus.

Vergleichsweise folgenlos, deshalb nicht weniger ehrenwert,
die Ehrlichkeit des Fußballprofis Klose: Der Stürmer hatte nach
einem Elfmeterpfiff des Schiedsrichters der Bundesligapartie
Werder Bremen gegen Arminia Bielefeld beim Stande von 0:0 gesagt,
dass der Bielefelder Torwart ihn im Strafraum regelgerecht vom Ball
getrennt hatte. Der Spielleiter hatte daraufhin die Strafstoßentscheidung
und die Gelbe Karte gegen den Torhüter wieder zurückgenommen.
Werder gewann übrigens noch mit 3:0.
 

Eike Pannen hat keinen Preis bekommen.

Aber nach Lage der Fakten hätte er einen verdient, damit er ermutigt würde,
künftig genau so zu entscheiden, wie er sich entschieden hat.
Pannen ist ein ambitionierter Fußballamateur, kickt in der
Hamburger Verbandsliga (5.Liga) und fragte sich in der Lokalzeitung
schon selbstquälerisch, ob der Faire am Ende doch
der Depp sei. Der Hergang: Beim Stande von 1:0 seines Klubs
Halstenbek-Relligen trifft Pannen, wie er sich erinnert, "eine
Bauchentscheidung", als er den Torwart der gegnerischen
Mannschaft nach einem Zusammenprall am Boden liegen
sieht. Statt den Ball aus zwanzig Metern Entfernung ins leere
Tor zu befördern, hat er ihn "weggeholzt". Im Nachhinein ist
ihm bewusst geworden, dass sein gezielter Fehlschuss den
Aufstieg gekostet haben könnte. Denn am Ende trennte man
sich 1:1 vom HEBC und Pannen habe sich auch noch ein paar
sarkastische Kommentare anhören müssen. Schließlich sei
jener Torhüter, der in der bewussten Szene "so geschrieen
hatte, als wenn er gleich sterben würde", zwei Minuten später
wieder putzmunter gewesen. Da ist der 22 Jahre alte Student
der Nord-Akademie Elmshorn dann doch ins Grübeln gekommen.
Aber heute wie damals hält er für seinen Teil fest: "Wir
spielen Amateurfußball, wir müssen am Montag wieder zur
Arbeit, die Gesundheit muss im Vordergrund stehen." Pannens
Haltung ist der praktizierte Versuch des pfleglichen Umgangs
miteinander. Aber er wird offensichtlich nicht als "normal"
und Norm empfunden, wenn Pannen in einem Interview mit
dem "Hamburger Abendblatt" zum Besten gibt: "Im Profifußball
hätte ich wahrscheinlich ohnehin nicht gewagt, den Ball
vorbeizuschießen. Da wird doch im Grunde von jedem erwartet,
dass er dem Erfolg alles andere unterordnet." Darum sind
Auszeichnungen wie für Klose oder Boll eben so eminent
wichtig, obwohl diese Berufssportler nur getan haben, was
eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte.
Die vergebenen Fair-Play-Preise schmücken nun die Geehrten
und die prominenten Namen der Geehrten schmücken die
Institutionen, die die Preise vergeben. Gewaltforscher betonen,
dass Kreisklasse-Spiele der Gesellschaft einen getreueren
Spiegel vorhalten als es die Bundesliga mit all ihren Kontrollmechanismen
und ihrer den Profis bewussten Transparenz ist...


 

 
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