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Prof. Dr. Norbert Gissel

Der erste Kinder- und Jugendsportbericht - kein Anlass zur Hoffnung

Zunächst einmal ist es bemerkenswert, dass nun ein wissenschaftlich fundierter Kinder- und Jugendsportbericht vorliegt. Denn in den bisherigen Kinder- und Jugendberichten der Bundesregierung wurde der Sport schlichtweg ignoriert.

Die Befunde, die in dem nun vorliegenden Band dargelegt werden, sind in der Tat, wie Gerd Steines in seiner Kolumne vermerkt hat, sehr ambivalent. Auf der einen Seite treiben so viele Kinder in Vereinen Sport, wie noch nie. Dabei sollte allerdings nicht übersehen werden, dass die Meisten die Vereine nach ein paar Jahren wieder verlassen, weil die einseitige Ergebnisorientierung vieler Übungsleiter die Jugendlichen eher frustriert als motiviert.

Auf der anderen Seite nimmt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die über extreme koordinative und konditionelle Defizite verfügen, stark zu. Das Problem ist gar nicht so sehr, dass die körperliche Leistungsfähigkeit insgesamt abnimmt; hier sind die Befunde eher uneinheitlich. Das Problem sind die zunehmenden pathologischen Befunde bei den Randgruppen. Wir befinden uns in unserer Gesellschaft auf dem Weg zu ganz neuen, auch körperlich sichtbaren, sozialen Ungleichheiten. Die wissenschaftlichen Befunde sind hier eindeutig. Mädchen treiben weniger Sport als Jungen, Hauptschüler/-innen weniger als Gymnasiasten, Migrationskinder weniger als Kinder deutscher Herkunft und Kinder aus Elternhäusern mit geringem Einkommen und geringem Bildungsabschluss weniger als Kinder aus privilegierten Familien. Hier wäre es Aufgabe der Schulen, für ausgleichende Bildungschancen zu sorgen.

Doch der Zustand des Sportunterrichts gerade an Schulen im Gießener Raum ist erbärmlich. An kaum einer weiterführenden Schule wird der Lehrplan erfüllt und die vorgeschriebenen drei Sportstunden in der Woche erteilt. Dass man mit einer Doppelstunde in der Woche in Randlagen des Stundenplanes, zum Teil von fachfremden Lehrkräften erteilt, den Bildungs- und Erziehungsauftrag nicht erfüllen kann, sollte doch offensichtlich sein. Der Bildungsauftrag des Schulsports besteht darin, dass alle Kinder ein Recht darauf haben, das vielgestaltige kulturelle Feld des Sports kennen zu lernen, um selbstbestimmt, kompetent und lebensbereichernd an ihm teilhaben zu können; ebenso wie alle Kinder ein Recht darauf haben die kulturellen Felder Literatur, Kunst und Musik kennen zu lernen.

Der erzieherische Auftrag des Schulsports besteht darin, dass in keinem anderen Fach ähnliche Möglichkeiten zur Gesundheits- und Sozialerziehung sowie zur Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung liegen, weil Sport und Bewegungsunterricht an der Körperlichkeit ansetzt, nicht in der Enge des Klassenzimmers und in ganz anderen Interaktionsformen stattfindet. Doch Sport führt nicht per se zu diesen Erziehungszielen, auch das zeigt der Kinder- und Jugendsportbericht. Er muss in einem pädagogischen Umfeld stattfinden und von professionellen Pädagogen angeleitet werden. Sportvereine und Schul – AGs, so begrüßenswert sie sind, können den Regelunterricht nicht ersetzen, denn gerade für die Kinder und Jugendlichen, die noch keinen Zugang zum Sport gefunden haben, ist der schulische Sportunterricht unverzichtbar.
 

Der Deutsche Sportbund hat nun eine umfangreiche Schulsportstudie in Auftrag gegeben. Wer sich in der Schullandschaft etwas auskennt, kann die Ergebnisse jetzt schon prophezeien. Sie werden schlimmer als bei der Pisa – Studie sein. Im Gegensatz zur Pisa – Studie wird es dann aber wohl kaum einen Aufschrei des Entsetzens geben, weil der pädagogische Wert des Schulsports in der öffentlichen Diskussion, im Gegensatz zu fast allen anderen Nationen dieser Welt, hoffnungslos verkannt wird.



Prof. Dr. Norbert Gissel, Institut für Sportwissenschaft Uni Gießen (1. Okt. 2003)

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