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Gießener Anzeiger
Lokal-Sport  14.10.2003
 

Diskussion:

Sportunterricht alleine kann Probleme nicht lösen
Gesundheitszustand vieler Kinder erregt Besorgnis - Eltern und Vereine stehen in der Pflicht

Von Jens Riedel

GIESSEN. Haltungsschäden, verkürzte Muskeln, zu viel Körperfett: Der gesundheitliche Zustand vieler Kinder in Deutschland gibt Anlass zur Besorgnis. Medizinische Checks in den Schulen offenbaren krasse Defizite in der körperlichen Entwicklung von Jugendlichen. Manche Kinder können sogar einfachste Bewegungen nicht mehr ausüben – ein simpler Purzelbaum mutiert zur unüberwindbaren Turn-Hürde. Dies wirf die Frage auf: Wird der Sportunterricht in den Schulen zu sehr vernachlässigt? „Die Schule allein kann Bewegungsmangel und seine Folgen nicht mehr bewältigen“, gab Klaus Paul, für Sportunterricht zuständiger Ministerialrat im hessischen Kultusministerium, bei einer Diskussion im Wiesecker Bürgerhaus klipp und klar zu. Paul war auf Einladung des Sportkreises Gießen aus Wiesbaden angereist, um gemeinsam mit Vereinsvertretern, Lehrern, Eltern und Erziehern die Situation und Perspektiven im Schulsport zu erörtern.

Trotz aller Probleme verteidigte Paul den Sportunterricht: „Schulsport ist weit besser als sein Ruf. Es ist ein Märchen, dass die Sportlehrerschaft zunehmend vergreist und keine neuen Lehrer eingestellt werden.“ Von 45000 Lehrern in Hessen seien 8730 Sportlehrkräfte. Neben dem eigentlichen Sportunterricht würden viele außerunterrichtliche Angebote wie Pausensport, Wandern, Projekttage oder Spiel- und Sportfeste angeboten. Alleine am Schulmannschaftswettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“ hätten in Hessen rund 2700 Schulmannschaften teilgenommen. Zusätzlich würden in den Klassen 1 bis 4 nach der eigentlichen Unterrichtszeit sogenannte Talentaufbaugruppen (TAG) und in den Klassen 5 bis 6 Talentfördergruppen (TFG) angeboten. Nach der sechsten Klasse habe die Schule jedoch in Sachen Talentförderung ihre Schuldigkeit getan. „Dann sind die Vereine und Verbände an der Reihe, vom E-Kader bis hin zum Bundeskader“, verdeutlichte Paul.

Doch schon viel früher entscheidet sich, welches Kind ein Bewegungstalent wird – und welches nicht. „Grundfähigkeiten wie Reaktionsfähigkeit oder Schnelligkeit können nur bis zu einem Alter von ungefähr acht bis zehn Jahren entwickelt werden. Wer als Zehnjähriger nicht schnell ist, wird es auch mit 18 nicht sein. Deshalb kommt gerade der frühen Talentförderung eine hohe Bedeutung zu“, erklärte Klaus Powilleit. Als zuständiger Koordinator für die Talentförder- und Talentaufbaugruppen am Schulsportzentrum der Gießener Liebigschule kooperiert Sportlehrer Powilleit mit 15 Grundschulen. Während in den TFG bis zur vierten Klasse die gesamtkörperliche Entwicklung der Kinder bei vielseitigen Sport- und Spielangeboten gefördert werde, gäbe es in den TAG dann eine Spezialisierung, verdeutlichte Powilleit den inhaltlichen Aufbau der Talentgruppen. Zur Zeit werden in Gießen in den TAG die fünf Sportarten Fußball, Handball, Basketball, Rudern und Leichtathletik angeboten. Dies hört sich in der Theorie gut an, doch in der Praxis gibt es zuweilen Probleme, da einige Schul-Fördergruppen zum Teil unter verdreckten Hallenböden, abgeschlossenen Toiletten und einer hohen Fluktuation bei den Übungsleitern (meist Studenten) leiden.

Powilleit appellierte an die Sportvereine, mehr auf die Talentförderzentren in den Schulen zuzugehen. „Wenn Vereinstrainer bei uns anfragen, versuchen wir gerne, potenzielle Talente aus unseren Fördergruppen an sie weiterzuvermitteln.“ Fazit ist aber auch: Alle Angebote nutzen nichts, wenn die Kinder keine Lust auf Bewegung haben, weil sie lieber vor dem Computer oder Fernseher sitzen. Hier sind vor allem die Eltern in der Pflicht, durch gemeinsame Unternehmungen mit ihren Kindern schon im fühen Alter für viel Bewegung zu sorgen.

Der weitaus größere Teil der Zuhörer in Wieseck waren Lehrer, die sich für die Situation im Schulsport interessierten. Obwohl Sportkreis-Vorsitzender Heinz Zielinski alle Vereine im Kreis Gießen (rund 350 an der Zahl) zu der Diskussionsveranstaltung eingeladen hatte, waren nur eine Handvoll Vereinsvertreter dem Aufruf gefolgt. Trägheit nimmt offenbar nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen zu.



 
 
 
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