Selbsthilfe-Arbeitskreis Schulsport Gießen Stadt und Land![]()
22.06.2009 - Gießener Allgemeine ZeitungMit »bewegtem Unterricht« Konzentration fördern
Bewegte Pause während der Vorlesung: In der Veranstaltung »Bewegungserziehung in der
Gießen . So etwas sieht man auf dem Gelände des
Philosophikum II nicht alle Tage: Dutzende von jungen
Leuten versuchen einander zu fangen, gehen in die Hocke,
sobald ihre Schulter mit der Hand berührt wird
und rennen plötzlich wieder los.
Grundschule« mit Dr. Volker Döhring stehen für die Studenten auch »Hampelmänner« und
Nachlaufspiele auf dem Programm.»Und jetzt machen Sie doch bitte mal 20 Hampelmänner!«, ruft eine Stimme aus dem
Hintergrund. Beine bewegen sich im Grätschschritt, Arme fliegen in die Höhe, Hände
klatschen ineinander. Was Beobachter hier auf dem Universitätsgelände zu sehen
bekommen, ist keine paramilitärische Übung, sondern Teil der Vorlesung
»Bewegungserziehung in der Grundschule«. Dozent Dr. Volker Döhring baut in seine
Veranstaltung bewusst »Bewegungspausen« ein, die mal draußen und mal im Hörsaal
stattfinden. Solche Bewegungselemente machen den Studierenden nicht nur Spaß, sie
fördern auch nachweislich die Konzentration. 120 Studenten für das Grundschullehramt
durchlaufen pro Jahr die Vorlesung und das Seminar »Bewegungserziehung«, die
zusammen als Modul seit drei Jahren zu den Pflichtveranstaltungen gehören. Das Modul
umfasst zudem das Element der musisch-ästhetischen Bildung.So mancher Studierende besucht die Vorlesung »Bewegungserziehung« zunächst mit einer
gewissen Skepsis, berichtet der Studienrat im Hochschuldienst. »Oh nein, nicht noch ein
Modul«, bekommt Döhring gelegentlich zu hören, oder: »Ich interessiere mich nicht für Sport,
warum soll ich das machen?« Im Nachhinein wird das Teilmodul Bewegungserziehung
jedoch von fast allen als sehr sinnvoll, schulbezogen und lehrreich empfunden. Diese
Aussagen werden auch durch Untersuchungen gestützt. So weisen Schüler an einer
»normalen« Schule ohne Bewegungspausen in der ersten Stunde eine hohe Konzentration
auf, in der sechsten Stunde ist sie auf einen ausgesprochen niedrigen Wert gesunken. An
»bewegten Schulen« bleibt die Konzentration dagegen durch aktive Pausen und bewusst
eingesetzte Bewegungsphasen bis zum Schulschluss auf einem hohen Niveau.Bewegung dient aber nicht nur der Konzentrationsförderung. Bewegter Unterricht hat
insbesondere in der Grundschule eine hohe lernpsychologische Bedeutung. Kinder im
Grundschulalter begreifen Zusammenhänge leichter und besser, wenn diese an konkrete
Handlungen gebunden sind. Als Beispiel nennt Döhring eine »Kilometerwanderung«, bei der
die Schüler genau 1000 Meter über verschiedene Haltepunkte abgehen, um so den
Zahlenraum bis 1000 besser zu erfassen aber vor allem auch eine Vorstellung von der
Länge eines Kilometers erhalten. Selbst entwickelte Fragestellungen und Rechenaufgaben
können dann die handlungsgebundene Vorstellung vertiefen und mathematisch erschließen
helfen.Dass Bewegung in der Schule heutzutage »verordnet« werden muss, hat auch historische
Ursachen. Früher war die Grundschule als »Sitzschule« für die meisten Kinder kein Problem,
schließlich verbrachten sie ihre Nachmittage im Freien, spielten Fußball, fuhren Rad oder
widmeten sich anderen Bewegungsspielen. Inzwischen hat die Zahl der übergewichtigen
Kinder deutlich zugenommen. Denn heutzutage verbringen viele Schüler die Zeit nach der
Schule vor dem Computer oder dem Fernseher - die Alltagsbewegung ist weitgehend
weggebrochen. Dabei brauchen Heranwachsende zum Aufbau ihrer Gesundheit doppelt so
viel Bewegung wie Erwachsene zum Erhalt der Gesundheit.Der 42-jährige Dozent, der seit fünf Jahren als Studienrat im Hochschuldienst tätig ist und
zuvor drei Jahre lang Schulleiter war - unter anderem an der Grundschule Fellingshausen -,
stellt im Gespräch mit der Allgemeinen klar, dass Bewegungserziehung nicht der möglichst
frühzeitigen Vorbereitung auf sportliche Aktivitäten dienen soll, sondern grundlegender
Bestandteil einer kindlichen Erziehung ist mit dem Ziel, eine gesunde, harmonische
Persönlichkeitsentwicklung des Kindes zu fördern.»Der Grundschulalltag innerhalb und außerhalb des Unterrichts muss den
Bewegungsbedürfnissen der Kinder gerecht werden«, verdeutlicht Döhring, dass
Bewegungserziehung als fächerübergreifendes Prinzip des Lernens und der
»Weltaneignung« zu verstehen ist. Und er kann aus eigener langjähriger Erfahrung
bestätigen: »Bewegter Unterricht« macht Schülern einfach mehr Spaß.
![]()