Selbsthilfe-Arbeitskreis Schulsport Gießen Stadt und Land
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11.11.2006 - Gießener Allgemeine Zeitung
 

Wie der Schulhof zum Sportplatz werden kann

Schulleiter Egon Fritz wirbt für täglichen Sportunterricht und mehr Bewegung im Schulalltag
"Bewegte Pause"für alle

Heuchelheim (gl). Brauchen Kinder Bewegung? Ja - und zwar deutlich mehr,
als sie dies im Moment haben, am besten täglich. Wie man diese
Erkenntnisse in die Praxis, speziell in den Schulalltag, umsetzen kann,
erläuterte gestern der Leiter der Mittelpunktschule Oberer Hüttenberg in
Pohl-Göns, Egon Fritz, vor Publikum in der Heuchelheimer
Wilhelm-Leuschner-Schule. Eingeladen zu dieser Veranstaltung hatte der
Sportkreis Gießen, für den der Sportkreis-Vorsitzende Prof. Heinz
Zielinski einleitend sprach. Neben Vertretern diverser Grundschulen
waren auch die Sportfreunde Heuchelheim mit Vorsitzendem Wolfgang
Schleer sowie für die Leuschner-Schule Schulleiter Jürgen Rahn anwesend.

Die sportmotorischen Fñhigkeiten der Sechs- bis 18-Jährigen sind in den
vergangenen acht Jahren um weitere 20 Prozent gesunken. Mindestens jedes
fünfte Kind in Deutschland ist zu dick. Der Mensch hat rund zwei
Millionen Jahre gebraucht, um für sich den aufrechten Gang zu
entwickeln, binnen der letzten 50 Jahre wird dieser Trend durch
Bewegungsmangel und gebückte Haltung vor dem Computer - überspitzt
formuliert - quasi umgekehrt. Wo Kinder früher auf der Straße Ball
spielen konnten, fahren heute die Autos. Statt zur Schule zu laufen,
werden viele Kinder "in übertriebener Fürsorge" mit dem Auto von Tür zu
Tür gefahren, vom "Taxi Mama" kutschiert. "Wir brauchen Mut zu mehr
Bewegung", formuliert in diesem Zusammenhang Egon Fritz und mahnt: "Was
wir versäumen, im Alter von null bis zwölf Jahren in den Kindern
anzulegen, können wir später nicht mehr nachholen." Kindlicher
Bewegungsmangel, der zu Übergewicht führen kann, setzt sich mit hoher
Wahrscheinlichkeit im weiteren Leben fort, erhöht das Risiko von
Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schädigungen am aktiven und passiven
Bewegungsapparat. Der Pädagoge gibt an seiner Schule ein Beispiel, wie
man verhältnismäßig und unbürokratisch - durch eine Erweiterung der
Stundentafel oder Umstrukturierungen - mehr Bewegung in den Schulalltag
integrieren kann. Täglicher Sportunterricht wird an der
Mittelpunktschule Oberer Hüttenberg nach dem Motto "Wir machen es
einfach" praktiziert.

Der Stundenplan wurde dafür - zunñchst ungenehmigt -  im ersten und
zweiten Schuljahr von 21 auf 23 Stunden erhöht. Im aktuellen Schuljahr
wurde das Angebot auf die dritten Klassen ausgedehnt, die vierten
folgen. 2004/05 wurde dies vom Schulamt als Schulprojekt genehmigt und
seit 2005/06 vom Sportwissenschaftlichen Institut der Universität Gießen
wissenschaftlich begleitet. Die konkreten Ergebnisse dieser Untersuchung
werden am kommenden Mittwoch in der Schule vorgestellt.

Auch die "bewegte Pause" gehört für die 530 Schülerinnen und Schüler der
Mittelpunktschule am Hüttenberg dazu. Mit bei einem Sponsorenlauf
gesammelten Geldern wurde auf dem Schulhof eine Steinlandschaft
installiert. Es gibt eine Kletterwand, Bolzmöglichkeiten, ein
Basketballfeld und Bemalungen auf dem Schulhof. Auch eine Laufbahn soll
wieder hergestellt werden. "Tägliche Bewegungszeit" ist ebenfalls
vorgesehen und kann mit Rollern, Pedalos, Stelzen ausgefüllt werden.
Jede Klasse verfügt über gut bestückte Spielkisten. Sogar die Bäume hat
Schulleiter Fritz - auf eigene Verantwortung - bis zu einer mit rotem
Band markierten Höhe zum Klettern freigegeben.

Die Unterstützung des natürlichen Bewegungsdrangs der Kinder trägt
Früchte - soviel kann schon jetzt vor Veröffentlichung der
Untersuchungsergebnisse festgehalten werden. Kaum einer der Grundschüler
ist übergewichtig. Und wer sich in der Pause ordentlich ausgetobt hat,
ist - so die Beobachtung der Lehrer - im Unterricht anschließend
deutlich konzentrierter bei der Sache.

Egon Fritz will Mut machen, ähnliche Wege auch an anderen Schulen zu
gehen und stellt sich als helfender Ansprechpartner, auch für
entsprechende Anträge auf Schulprojekte, zur Verfügung. Der Sportkreis
will darüber hinaus das Thema flächendeckend publik machen und so die
Qualität von Schulen in der Region Mittelhessen vertiefen sowie seine
Aufgabe zur Weiterentwicklung der Lebensumwelt und von Bildungsprozessen
wahrnehmen.



11.11.2006 - Gießener Anzeiger
 

Egon Fritz fordert täglich eine Stunde Sport in der Schule

Schulleiter aus Hüttenberg hofft im Interesse der Kinder auf Unterstützung ­ "Es geht"

KREIS GIESSEN (thg). Bewegung ist im Kindesalter einer der Hauptschlüssel
zum Lernprozess. Daher fordert Egon Fritz die tägliche Sportstunde in der
Schule. Denn "Kinder brauchen mehr Bewegung" lautet der Leitsatz des
Schulleiters der Mittelpunktschule Oberer Hüttenberg. Die Vertreter aus den
Schulen und Vereinen im Sportkreis hörten das gestern in der Aula der
Wilhelm-Leuschner-Schule in Heuchelheim gerne.

Wolfgang Schleer, im Sportkreisvorstand zuständig für Schule und
Hochschule, bestätigte, dass das Thema zur Zeit besonders diskutiert werde.
Sportkreisvorsitzender Professor Heinz Zielinksi sieht es als
wissenschaftlich belegt an, dass für die Entwicklung der kognitiven,
emotionalen und rationalen Fähigkeiten eines Kindes Bewegung bedeutend sei.
"Kinder erschließen einen großen Teil ihres Lebens durch Bewegung", sagte
er. Fritz bestätigte dies.

So müsste auch bereits im Kindergarten damit angefangen werden, dass sich
die Kinder mehr bewegten. Er verfolgt bereits seit seiner Zeit an der
Grundschule in Krofdorf-Gleiberg im Jahr 1973 eine bewegungsgerechte
Gestaltung der Schulen. Er forderte Mut und Überzeugung von den Lehrern, die
für die tägliche Sportstunde eintreten wollten.

Es gebe Handlungsspielräume an den Schulen. Aber die Stundentafel zu
verändern, hat sich Fritz auch nicht sofort gewagt. Als Bewegungselemente im
Schulalltag nannte er neben der Sportstunde auch die bewegte Pause und eine
tägliche Bewegungszeit.

Eindringlich plädierte er für ein Bewegungskonzept: "Wir dürfen nicht
warten, bis die Folgen des Bewegungsmangels bei einer ganzen Generation von
Kindern irreparable Schäden hervorruft." Er führte als Beispiel
Herz-Kreislauf-Erkrankungen an. Mindestens jedes fünfte Kind in Deutschland
sei zu dick. Und Kinder seien"das wichtigste Gut". Daher müsse lebenslanges
Sporttreiben ein gesamtgesellschaftliches Ziel sein.

Fritz erläuterte die grundlegenden Elemente. In der täglichen Bewegungszeit
gehen die Schüler mit den Pädagogen nach draußen und bewegen sich mit
verschiedenen Geräten wie Rollern oder auch Stelzen. Die bewegte Pause
können die Kinder auch mit den Geräten verbringen. In der Mittelpunktschule
können sie aber auch Fußball oder Basketball spielen, in der eigens dafür
angelegten Steinlandschaft und an einer Kletterwand entlang hangeln oder auf
Bäume klettern. Dies ist offenbar nur bedingt gefährlich, denn Unfälle hat
Fritz noch nicht erlebt. Die Schule vor Ort solle die Verantwortung für das
übernehmen, was sie macht. Aber Fritz empfiehlt auch, dies vorher mit den
Eltern abzustimmen.

Überdies stellt der Schulleiter in seinem Haus fest, dass im
Grundschulbereich deutlich weniger fettleibige Kinder zu finden sind als in
den höheren Klassen. Die Umstrukturierung für die tägliche Sportstunde hat
Fritz so gelöst, dass in der ersten Klasse statt 21 bereits 23 Wochenstunden
Unterricht gehalten werden. Dies setzt sich in der zweiten Klasse fort. In
diesem Schuljahr hat er erstmals auch die Drittklässler einbezogen. Das
künftige Ziel wird sein, dies für das vierte Schuljahr ebenfalls umzusetzen.
 

Das Hüttenberger Projekt wird auch wissenschaftlich begleitet. Am kommenden
Mittwoch wird die Untersuchung des Fachbereiches Sport der Universität
Gießen an der Schule ausgewertet.



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